Hintergrund

Erst sparen, dann Kinder kriegen

Ein Komitee möchte den Vaterschaftsurlaub durch eine Elternzeitversicherung erleichtern. Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigt, welche Regeln Schweizer Unternehmen bereits heute kennen.

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Nicht nur Mütter, sondern auch Väter sollen sich nach der Geburt ihres Kindes Zeit für die Familie nehmen können – diese Forderung präsentierte gestern der Dachverband der Schweizer Männer- und Väterorganisationen Männer.ch. Flankiert von Politikern verschiedener Parteien stellt die Männerorganisation eine neue Elternzeitversicherung zur Debatte, die analog zur zweiten beziehungsweise dritten Säule der Altersvorsorge aufgebaut wäre: Eltern sollen unter Mithilfe ihrer Arbeitgeber (bzw. steuerbegünstigt und auf eigene Faust) ein Guthaben ansparen. Auf dieses könnten sie kurz vor oder nach der Geburt eines Kindes flexibel zugreifen, um eine Arbeitszeitreduktion zu finanzieren.

Mit diesem Anliegen könnte die Männerorganisation auf Zustimmung treffen – denn die Schweiz hinkt in Sachen Väterrechte hinten nach: Offerieren Arbeitgeber ihren Angestellten einen bezahlten Vaterschaftsurlaub, so geschieht dies heute ausschliesslich auf freiwilliger Basis und auf Kosten des Unternehmens. Anders als Mütter, die über die Mutterschaftsversicherung während 14 Wochen 80 Prozent ihres Lohns erhalten, werden frischgebackene Väter nicht durch die Allgemeinheit unterstützt. Auch eine allgemeine Regelung zum Bezug von unbezahltem Urlaub nach der Geburt eines Kindes gibt es in der Schweiz nicht.

Flexible Lösungen in der Arbeitswelt

Ivo Knill, Redaktionsleiter der Männerzeitung und Geschäftsleitungsmitglied von Männer.ch, nennt gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet sein wichtigstes Anliegen: «Mit einer Elternzeitversicherung erhält das Bedürfnis vieler Väter, nach der Geburt Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, eine offizielle Anerkennung.» In den Verhandlungen mit dem Arbeitgeber werde Männern und ihren Familien damit der Rücken gestärkt.

Das Modell einer durch Sparen finanzierten Familienvorsorge erlaube es Familien zudem, ihre Elternzeit individuell zu gestalten. Denn das Sparen für die Elternschaft sei nicht obligatorisch, und die Regeln zum Bezug könnten von der Politik flexibel festgelegt werden. Knill: «Ein Vater könnte sein Elternzeitguthaben dazu verwenden, sein Arbeitspensum zu reduzieren – oder er könnte seine Auszeit erst drei oder vier Monate nach der Geburt des Kindes nehmen, um der Mutter den Einstieg ins Berufsleben zu vereinfachen.»

Pro und kontra staatliche Vorschriften

Mit dabei im Initiativkomitee der Männerorganisationen ist die Berner Nationalrätin Andrea Geissbühler (SVP). Ihr liegt die Stärkung der Familie, aber auch die Eigenverantwortung von Bürgern und Unternehmen am Herzen, wie sie zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagt. Wahrscheinlich würde die Sparmöglichkeit für die Familienauszeit zwar nicht von allen Familien genutzt – doch gerade für diejenigen Leute, die mit dem Sparen Mühe hätten, könne die Familienvorsorge ein geeignetes Mittel sein, um sich auf die Elternschaft vorzubereiten.

Auf keinen Fall sei die Familienvorsorge aber ein «Hintertürchen, um eine staatliche Elternversicherung einzuführen», so Geissbühler. Ähnlich äussert sich ihr Berner Kollege Christian Wasserfallen (FDP). In der Medienmitteilung zur Initiative schreibt er: Die private Familienvorsorge schaffe «keine Zwangssolidarität zwischen Eltern und Kinderlosen», kreiere «keine Mehrausgaben» und belaste «nur die Nutzniessenden und nicht die Allgemeinheit».

Bei dieser Rhetorik könnte der Vorschlag des Initiativkomitees in der Wirtschaft Anklang finden. Denn zahlreiche Unternehmen bieten bereits heute einen bezahlten Vaterschaftsurlaub von ein oder zwei Wochen, in einigen Fällen sogar drei oder vier Wochen Ferien an (siehe Bildstrecke). Staatlichen Vorschriften steht man generell skeptisch gegenüber, zum Beispiel bei ABB: Man setze sich mit firmeneigenen Kinderkrippen, 5 Tagen Vaterschaftsurlaub und 16 Wochen voll bezahltem Mutterschaftsurlaub bereits ausreichend für Familien ein, sagt der Pressedienst von ABB auf Anfrage.

Doch nicht alle Unternehmen wären einer gesetzlichen Lösung abgeneigt, wie eine Umfrage zeigt. Sowohl Migros (2 Wochen bezahlter Urlaub) als auch Orange (1 Woche bezahlter Urlaub) gaben gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet an, offen zu sein für ein Modell, bei dem der Vaterschaftsurlaub von Gesetzes wegen festgelegt wäre und analog zur Mutterschaftsversicherung funktionieren würde.

Eine Sozialversicherung für Väter

Ein Modell, das nahe am Status quo liegt, dürfte vor allem grösseren Unternehmen entgegenkommen, wie Valérie Borioli Sandoz, Leiterin Gleichstellungspolitik bei der Gewerkschaftsorganisation Travailsuisse sagt. Für kleinere, weniger finanzstarke Unternehmen sei es hingegen eher schwierig, ihren Mitarbeitern einen längeren Vaterschaftsurlaub zu bezahlen. Das von Travailsuisse favorisierte Modell sieht eine bezahlte Elternzeit von 24 Wochen vor, wovon 4 Wochen dem Vater vorbehalten wären und innerhalb von sechs Monaten nach der Geburt bezogen werden müssten.

Der wesentliche Unterschied dieses Modells gegenüber dem Vorschlag der Männerorganisation liegt in der Finanzierung: Travailsuisse schlägt vor, die Kosten der Elternzeit über die Erwerbsersatzordnung abzurechnen. Auf die Allgemeinheit würden damit gemäss der Gewerkschaft jährlich Mehrausgaben von 1,1 bis 1,2 Milliarden Franken zukommen.

Auch die Basler Ständerätin Anita Fetz (SP) würde es am liebsten sehen, wenn der Vaterschaftsurlaub analog zum Mutterschaftsurlaub solidarisch finanziert würde. Doch die politischen Chancen eines solchen Projekts seien im Moment vernichtend klein, wie sie zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagt. Fetz trat deshalb gestern an der Seite der Männerorganisation für die Schaffung einer individuellen Familienvorsorge ein – «um die Debatte über den Vaterschaftsurlaub zu deblockieren und einen ersten Schritt hin zu einer Lösung zu gehen».

Diese Lösung wäre im Optimalfall ähnlich wie die heutige Altersvorsorge aufgebaut – also mit einer ersten, zweiten und dritten Säule. Steuerbegünstigtes Sparen sei zwar sinnvoll, doch Fetz stellt klar: «Für die untersten Einkommensklassen ist das individuelle Sparen allein keine Lösung.»

Erstellt: 31.05.2011, 21:29 Uhr

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