«Es braucht die absolute Bereitschaft»

Gutachter sind gefragt. Für Gerichte ist ihre Arbeit unabdingbar. Wie aber wird man Gutachter? Ein Besuch bei Frank Urbaniok, einem der Berühmtesten seiner Zunft.

«Die Arbeit eines Gerichtspsychiaters und Gutachters ist gesellschaftlich relevant – kein Nice-to-have-Ding»: Frank Urbaniok

«Die Arbeit eines Gerichtspsychiaters und Gutachters ist gesellschaftlich relevant – kein Nice-to-have-Ding»: Frank Urbaniok Bild: Sabina Bobst

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Die komplexen Fälle sind seine Spezialität. Sechs Monate braucht er durchschnittlich für einen solchen Fall. Dafür kennt er ihn dann auch in- und auswendig. In Gedanken schiebt er dann wie bei einem 5000-Teile-Puzzle den Inhalt von 2 Meter Ermittlungsakten und von stundenlangen Gesprächen mit dem Täter hin und her, bis sich alles ins Bild fügt, auch die kleinste Information.

Im Urlaub geht er mit seinem Diktiergerät spazieren, versucht, das Gedanken-Puzzle Stück für Stück zu ordnen. Malta bleibt für ihn immer mit dem spektakulären Fall eines Frauenmörders verbunden. «Ein Gutachter muss sich intensiv mit einem Fall auseinandersetzen, um ihm gerecht zu werden. Das hört auch beim Einkaufen, beim Zugfahren oder unter der Dusche nicht auf», sagt Frank Urbaniok in seinem Büro im Zürcher Kreis 4.

Der Mann im alten T-Shirt, Silberring im Ohr, robustes Schuhwerk, leitet den Psychiatrisch-Psychologischen Dienst (PPD) des Justizvollzugs des Kantons Zürich. Urbaniok ist der wohl bekannteste Gerichtspsychiater und Gutachter der Schweiz, ständig in den Medien wegen seiner kontrovers diskutierten Begutachtungsmethoden, wegen seiner spektakulären Kriminalfälle und weil Journalisten solche Experten wie ihn lieben, die klare Aussagen machen, ohne Angst, sich die Finger zu verbrennen. Herr Urbaniok, wie wird man Gutachter? «Ein Gutachter braucht die absolute Bereitschaft», wird der Chefarzt sagen.

Gefühl dank Erfahrung

Er selbst studierte Medizin, arbeitete dann sechs Jahre in einer psychiatrischen Klinik, wo er seinen Facharzt für Psychiatrie machte und eine Station für die Behandlung von persönlichkeitsgestörten Sexualstraftätern aufbaute. 1995 wechselte er von Deutschland nach Zürich an den PPD, den er seit 1997 leitet. Er und sein Team therapieren Straftäter und erarbeiten Risikoprognosen über deren Rückfallgefahr. Sie forschen auf hohem internationalem Niveau. Und im Auftrag des Gerichts erstellen sie strafrechtliche Gutachten.

Im Moment hat Urbaniok vier Leute in Ausbildung. Sie kommen als fertige Psychiater zu ihm, also inklusive Medizinstudium und Facharzt. Jetzt müssen sie noch drei bis vier Jahre dranhängen, in denen sie «on the job», unter Anleitung von erfahrenen Ärzten in die forensische Psychiatrie eingeführt werden. Schwerpunkte sind die Tätertherapie, die Risikoprognose und das Schreiben von Gutachten.Grundsätzlich kann ein Gericht jeden Psychiater mit einem Gutachten beauftragen – auch solche, die keine Ahnung von forensischer Psychiatrie haben. Da es aber inzwischen viele Weiterbildungsmöglichkeiten und somit auch spezialisierte Psychiater gibt, passiert das nur noch selten.

Urbaniok ist froh über die Lehrgänge, weil die Nachfrage nach Gerichtsgutachten in den letzten Jahren markant angestiegen ist. Eine Ausbildung in einem kantonalen forensisch-psychiatrischen Dienst hat allerdings den zusätzlichen Vorteil, dass man durch jahrelange Therapiearbeit erst das nötige «Gefühl» bekommt für vorhandene oder nicht vorhandene langfristige Entwicklungsmöglichkeiten eines Täters.

Respekt gegenüber dem Täter

Im PPD machen alle alles. «Aber die wenigsten sind in allem gleich gut», sagt der Chefarzt. Bleiben wir beim Gutachter. Der muss, so Urbaniok, strukturiert denken können. «Sonst kommt er in grosse Probleme, wenn er beim Schreiben des Gutachtens im Wust an Informationen aus der Tatanalyse und aus den Gesprächen mit dem Täter Zusammenhänge erkennen muss.» Aber das Wichtigste, was ein Gutachter mitbringen muss, ist eben: «die absolute Bereitschaft». Ein Gutachter will die Akten bis ins letzte Detail kennen. Er will dem Einzelfall, dem Menschen in seiner Vielfalt unbedingt gerecht werden. «Bei manchen Gutachtern ist die Versuchung gross, es sich zu einfach zu machen. Dann läuft man Gefahr, den Täter nach Schema F zu beurteilen.»

Wenn Urbaniok «absolute Bereitschaft» sagt, meint er auch Respekt. Respekt gegenüber dem Täter, aber auch vor der Macht des Gutachters über das Schicksal des Täters. Zwar entscheidet am Schluss der Richter, aber das Gutachten ist dessen Entscheidungsgrundlage, hat oft grossen Einfluss auf das Urteil. «Dieser Verantwortung versuche ich gerecht zu werden, indem ich mich zu höchster Qualität und Professionalität verpflichtet fühle», sagt er.

«Ich habe noch nie rosarot gesehen»

Zur Verantwortung hinzu kommt der Druck der Medien und der verschiedenen Parteien, der keine Rolle spielen darf, aber trotzdem zur Arbeitsrealität eines Gutachters gehört. Es sei ein sehr herausfordernder Beruf, findet Urbaniok.

Gestresst wirkt der Mann allerdings keineswegs. Eher wie jemand, der gerade voller Leidenschaft von seinem grössten Traum erzählt. Er sagt: «Die Arbeit eines Gerichtspsychiaters und Gutachters ist gesellschaftlich relevant, kein Nice-to-have-Ding.» Man arbeite an etwas Wichtigem, Sinnvollem, es gehe darum, dass es in dieser Gesellschaft weniger Opfer gebe – es ist dieses erhebende Gefühl, das Urbaniok mitreisst durch seine 65-Stunden-Wochen.Bei der Frage, ob der tägliche Kontakt mit Straftätern irgendwie abfärbe auf sein Welt- und Menschenbild, zögert er zum ersten Mal in diesem Gespräch. Er will vermeiden, dass man seinen Beruf dramatisiert. Dann sagt er, dass er Sachen zu sehen bekomme, die sich andere Menschen gar nicht vorstellen können. Dass man deshalb aufpassen müsse, nicht abzustumpfen oder zynisch zu werden. Dass ein normales Leben neben der Arbeit wichtig sei, mit Menschen, die einen wieder auf den Boden zurückholen.Vielleicht habe ihn seine Arbeit skeptischer gemacht gegenüber jeglichem Idealismus, sinniert der Gerichtspsychiater. «Andererseits: Ich habe noch nie rosarot gesehen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.07.2011, 09:05 Uhr

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