Es gibt ein Leben nach der Entfremdung

Wir takten unseren Alltag durch, statt uns für Unerwartetes zu öffnen, sagt Hartmut Rosa. Ein Gespräch über die Sehnsucht nach Berührung im täglichen Gerangel.

Eine tiefe Erfahrung muss nicht sein, Hauptsache, wir waren auch da: Schlange vor dem Berliner Reichstag. Foto: Look

Eine tiefe Erfahrung muss nicht sein, Hauptsache, wir waren auch da: Schlange vor dem Berliner Reichstag. Foto: Look

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Die Riesenschildkröte bringt uns gleich mitten ins Thema. Auf einem Plakat einer Fluggesellschaft lugt ein Urlauber hinter einem dieser kolossalen Tiere hervor, daneben ein Foto eines Traumstrands auf den Seychellen. Der Slogan: «Been there. Done that.» Womöglich ist das witzig gemeint, auf Englisch bedeutet die Redewendung aber so viel wie: alles schon gesehen.

Hartmut Rosa, Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Universität Jena, erkennt in der Werbung denn auch einen Wunsch nach Kontrolle. «Der Tourismus verspricht, dass einem die Welt zu Füssen liegt. Wir haben die Sehnsucht, Welt verfügbar zu machen.»

Dieser Drang ist das Thema seines neuen Essays «Unverfügbarkeit». Erlebnisse werden festgehalten und abgehakt, so wie das moderne Leben überhaupt nur noch daraus zu bestehen scheint, To-do-Listen abzuarbeiten. Wir wollen die Dinge beherrschen und bringen immer mehr Teile der Wirklichkeit in Reichweite, sei es mit dem Flugzeug oder mit dem Handy.

Die Befunde des 1965 geborenen Zeitdiagnostikers kommen vielen bekannt vor; seine Auftritte sind meist ausverkauft. Was er oft höre, sagt Rosa im Gespräch: Die Leser seien dankbar, dass er eine Sprache finde für das, was sie im Alltag erlebten. Man merkt das, wenn man mit ihm redet: Rosa nimmt Beobachtungen auf, spinnt sie weiter. Er differenziert Urteile und bleibt stets genau.

Nicht all seine Bücher sind so zugänglich. 2005 legte er «Beschleunigung» vor, die Untersuchung einer Steigerungslogik, die in sich selbst erstarrt. 2016 dann «Resonanz», einen dieser 800-Seiten-Wälzer, die man allenfalls kauft, aber sicher nicht liest, weil schon im Inhaltsverzeichnis Wörter wie «In-die-Welt-Gestelltsein» stehen.

Kaufen, aber nicht lesen?

Das Kulturprodukt, das man nicht angebrochen hat, ist aber gleich wieder ein gutes Beispiel für den Drang nach Reichweitenvergrösserung, an der der spätmoderne Mensch gemäss Rosa erkrankt ist. «Ich selber bestelle fast süchtig neue CDs. Das Kaufen macht Spass, aber wenn ich die CDs auspacke, stelle ich fest, dass ich ja gar keinen Platz dafür habe, und hören müsste ich sie auch noch.» Aus einem Verhältnis der Lust werde eines der Schuld. Der Kapitalismus bringe uns dazu, Produkte zu erwerben, ohne sie zu konsumieren. 

Dass da etwas Entscheidendes fehlt, ein anderes Verhältnis zu den Menschen und Dingen – da spricht Rosa vielen aus der Seele. Er nennt sein Gegenmodell «Resonanz». Sie kann sich einstellen, wenn man sich gegenüber der Welt öffnet und sich von ihr berühren lässt. Eine «Hoffnung auf Antwort», wie Rosa schreibt. Um bei den CDs zu bleiben: Eine Resonanzbeziehung würde eine tiefe Selbsterfahrung mit Musik erlauben, denn danach würden wir ja suchen, sagt er. Was wir stattdessen tun: Produkte bestellen, ins Fitnessstudio gehen, Bildung akkumulieren – weil wir sowieso nicht mehr wissen, worin heute ein gelingendes Leben besteht.

Denn mit der Resonanz gibt es ein Problem: Wir können sie nicht selber schürfen. Sobald wir das tun, versuchen wir wieder, die Welt zu beherrschen. Damit die Umgebung zu uns spricht, müssen wir uns verletzbar zeigen, vor allem gegenüber dem Unerwarteten. Bei Rosa klingt es manchmal so, als wäre schon viel gewonnen, wenn wir uns öfter in die Augen schauten. Auch weil in seiner Analyse alles zur Resonanzsphäre wird, von der Familie bis zur Naturerfahrung. Dabei hat seine Konzeption gerade deswegen viel für sich, weil sie ein Denkwerkzeug bietet für die diversesten Lebensbereiche.

Stichwort Arbeit: Viele Leute würden erzählen, dass sie eigentlich gern arbeiten würden, aber nicht mehr dazu kämen, ihren Job gut zu machen. «Das liegt daran, dass jeder Moment des Arbeitsprozesses verfügbar gemacht, getaktet, berechnet wird; auch die Ergebnisse müssen standardisiert werden.» Wie ist es aber mit Unternehmen, die ihre Mitarbeiter zum ergebnisoffenen Imaginieren anhalten? «Natürlich versucht auch eine Firma wie Google heute, so ­etwas wie Resonanzräume zu schaffen, wo Mitarbeiter in Teams sensibel aufeinander reagieren. Das ist dann die Resonanzbeziehung als Ressource.»

Blick runter aufs 
Bildschirmchen, und dann bahnt sich jeder seinen Weg durch eine schweigende Welt.

Steigerungslogik und Resonanz würden am Ende aber immer in Widerspruch geraten. Ein anschauliches Beispiel dafür seien Mitarbeitergespräche, wo ein Chef etwa Verständnis äussere für die Probleme des Angestellten, aber von ihm zugleich konkrete Ergebnisse fordere. «Da wird es für ihn schwierig, sich berühren zu lassen.»

Was Resonanz schaffe, sei die Überwindung ihres Gegenteils, der Entfremdung. Dem entfremdeten Menschen erscheinen die sozialen Beziehungen als äusserlich, weshalb er sich einen Alltagspanzer zugelegt und in den Aggressionsmodus geschaltet hat, um in einer auf Beherrschung ausgerichteten Umwelt bestehen zu können. Also Blick runter aufs Bildschirmchen, und dann bahnt sich jeder seinen Weg durch eine schweigende Welt, von der er auf keinen Fall angesprochen werden will.

Empirisch lässt sich das zweifellos nachweisen, aber gibt es nicht auch eine Schönheit der reibungslosen urbanen Bewegung, eine tänzerische Geschmeidigkeit von voneinander Getrennten? «Es existiert vielleicht tatsächlich so etwas wie eine Entfremdungsästhetik, man denke etwa an Flughäfen: Beweglich sein zu können, ein reibungsloses Funktionieren zu erleben, das kann auch eine Glückserfahrung sein.»

Das wäre ein Glück, das man allerdings auch erst mal bezahlen muss, und Rosas Soziologie der Weltbeziehung blendet viele Macht- und Klassenfragen aus. Leisten wir uns denn nicht einen Luxus, wenn wir jetzt auch noch unseren individuellen Resonanzwünschen nachspüren? Wo es um kollektive Organisation geht, verweist Rosa kaum auf Projekte der Befreiung, aber dafür auf die Freiwilligenarbeit, wo sich die Leute mit etwas verbinden würden, das ihnen viel bedeutet. 

Hartmut Rosa gibt zu, dass er ins Grübeln komme, wenn er sich einmal gefasste Gedanken wieder vornehme: Stimmt das wirklich? Ein System, das den Menschen praktisch verunmögliche, von der Welt angerührt zu werden, werde sich jedenfalls irgendwann selbst zerlegen, sagt er. So gesehen sei er ein Optimist. Denn seine Motivation, Soziologie zu betreiben, beruhe immer auf der Beobachtung: «Leute, das kann doch nicht sein!»

Hartmut Rosa: Unverfügbarkeit. Residenz-Verlag, Wien 2018. 131 S., ca. 28 Fr. 

Erstellt: 10.04.2019, 18:32 Uhr

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