«Es hat mich berührt»

Der Berner Unternehmer Niklaus Sägesser will in einer alten Fabrik Flüchtlinge einquartieren. Dafür investiert er gegen eine halbe Million Franken.

Niklaus Sägesser in der ehemaligen Zuschneiderei der alten Filzfabrik.

Niklaus Sägesser in der ehemaligen Zuschneiderei der alten Filzfabrik. Bild: Adrian Moser

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Die meisten Gebäude auf dem Fabrikareal an der Strasse nach Enggistein sind alt. Einer der ältesten Teile mit einem Sägezahndach ist mit einem zusätzlichen Flachdach gedeckt, weil es nicht mehr dicht ist. Viele Leute würden nicht wissen, ob und was in der Filzfabrik noch produziert wird, sagt der Besitzer und Geschäftsführer der Fissco AG, Niklaus Sägesser.

Das soll sich ändern. Bereits zum zweiten Mal innerhalb von kurzer Zeit macht er von seiner Fabrik reden. Vor wenigen Monaten überliess er leere Teile der Fabrik einem Künstlerkollektiv, das sich darin austoben konnte. Nun will er in denselben Räumlichkeiten anerkannte Flüchtlinge unterbringen. «Ich habe das Gebäude als Unterkunft für 140 Asylsuchende angeboten», sagt er.

«Ich rechne mit einem angemessenen Gewinn.»Niklaus Sägesser, Fabrikinhaber

Der Kanton habe gesagt, er brauche ein Übergangswohnheim für 80 anerkannte Flüchtlinge. Voraussichtlich für fünf Jahre. Weil anerkannte Flüchtlinge Mühe haben, eine Wohnung zu finden, bleiben sie oft länger als nötig in den Durchgangszentren und halten die Plätze besetzt. Zudem würden dem Kanton Bern Kontingentsflüchtlinge zugeteilt, sagt Manuel Haas, Leiter Integration beim Sozialamt.

Der Bundesrat hat vor einem Jahr entschieden, 3000 syrische Flüchtlinge ohne Asylverfahren aufzunehmen. Diese kämen etwa direkt aus dem Libanon, und für sie wäre ein Übergangswohnheim ideal.

Rechtsbürgerlich und vernünftig

Auch Sägesser ist das recht. So gäbe es mehr Quadratmeter pro Person und weniger Konfliktpotenzial unter den Bewohnern. Er steht in der ehemaligen Zuschneiderei. Die Wand ziert eine gemalte Nachtlandschaft, die Künstler haben ihre Spuren hinterlassen. «Hier könnten 10 bis 12 Personen untergebracht werden», sagt Sägesser.

Die ehemaligen Produktionsräume will er unterteilen, die Büros sollen zu Zimmern für Familien oder Paare werden. Seit er die Fabrik vor sechs Jahren kurz vor dem Konkurs übernommen hat, werden diese Räumlichkeiten nicht mehr benutzt.

Die über 20 Mitarbeiter produzierten heute nur noch in der grossen Halle unterhalb der alten Fabrik. Deshalb stehen auch das ehemalige Buchhalterbüro, die Fakturierung und das Büro des Verwaltungsratspräsidenten leer.

Im Gebäudekomplex gebe es nebst einem Dutzend Toiletten fast ebenso viele Duschen, weil die Arbeit mit Wollfilz schmutzig gewesen sei. Über 100 Arbeiter haben in den besten Zeiten auf den Etagen gearbeitet.

Der Gang durch den alten Fabrikteil ist wie eine Reise in eine vergangene Zeit. Im Dachstock stehen Porträts von ehemaligen Patrons, die Geschichte der letzten Filzfabrik in der Schweiz begann 1841. So alt sind die Räumlichkeiten nicht, aber auch nicht in einem Zustand, um sofort einzuziehen.

Sägesser will gegen eine halbe Million Franken in die Sanierung investieren. Das ist so viel Geld wie die Rudolf-und-Ursula-Streit-Stiftung für die Wohncontainer für Asylsuchende in Wohlen aufgeworfen hat. «Ich bin nicht Pestalozzi», sagt Sägesser.

Er sei Unternehmer, rechtsbürgerlich und vernünftig eingestellt. Der gelernte Schreiner führte lange eine der Firmen der Galenica-Gruppe. Seine Investition in das Gebäude will er mit der Miete wieder einnehmen. Über den Mietpreis wird noch verhandelt. «Ich rechne mit einem angemessenen Gewinn», sagt Sägesser. Damit könne er sich vielleicht eine neue Maschine kaufen.

Das Geschäft mit dem Filz ist nicht einfach. 80 Prozent gehe in den Export, sagt Sägesser. Es sind Spezialfilze für die Stahl- und Autoindustrie, aber auch in Ziegelfabriken oder in der Atomenergie kommen Produkte zur Anwendung. Sägesser wollte in den ersten fünf Jahren den Turnaround schaffen, jetzt ist er im sechsten Jahr.

Man habe unter dem Eurowechselkurs gelitten. Als unternehmerischen Akt sieht er auch die Investition ins Übergangsheim für Flüchtlinge. «Ich habe ein Gebäude, das ich nicht verlottern lassen will», sagt er. Zudem sei es Werbung für seine Firma. Zwischen zwei geschäftlichen Telefongesprächen sagt er aber auch Sätze wie: «Vielleicht ist es unsere Pflicht. Es geht um menschliche Schicksale.»

Ob dies auch die Anwohner des Worber Dorfteils Enggistein so sehen, wird sich im Baubewilligungsverfahren an der Anzahl Einsprachen messen lassen. An einer Informationsveranstaltung Ende März seien die Reaktionen kritisch, aber nicht ablehnend gewesen, sagt Sägesser.

In Enggistein besteht seit vielen Jahren ein Durchgangszentrum für Asylsuchende. «Es hat mich berührt, wie man in Enggistein damit umgeht», sagt der Worber Gemeindepräsident Niklaus Gfeller (EVP), der an der Veranstaltung zugegen war. Leider habe man sonst in keinem anderen Teil der Gemeinde ein geeignetes Gebäude gefunden.

Würden in der Fabrik tatsächlich Flüchtlinge einquartiert, wäre dies wohl ein Novum. «Im Kanton Bern ist mir kein anderes Beispiel bekannt», sagt Manuel Haas. An Sägesser soll es nicht liegen: «Ich kann fast unendlich viel arbeiten», sagt er. Vielleicht schafft er es auf diesem Weg, der in die Jahre gekommenen Fabrik neues Leben einzuhauchen. (Der Bund)

Erstellt: 11.04.2016, 09:01 Uhr

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In Deutschland sind bereits zahlreiche Fabrikareale zu Flüchtlingsunterkünften umfunktioniert worden. Ein paar Beispiele: In Bad Kissingen bezogen Flüchtlinge eine alte Wäschefabrik, in Schifferstadt sollten die ehemalige Halle und der Bürotrakt einer Süsswarenfabrik zum Erstaufnahmezentrum umfunktioniert werden, und in einem Berliner Quartier wurde eine ehemalige Tetrapak-Fabrik zur Flüchtlingsunterkunft.

Auch der Bundestag musste sich mit der Thematik befassen, weil das Wohnen auf Fabrikarealen nach deutschem Baurecht nicht erlaubt war. Aufgrund einer befristeten Regelung sind Flüchtlingsheime in Industriequartieren nun bis 2019 gestattet.

Auch in Enggistein in Worb steht die alte Filzfabrik in der Industrie- und Gewerbezone. Der Kanton Bern muss deshalb eine Notsituation geltend machen, damit eine befristete Umnutzung möglich ist. Die Zonenkonformität wird im Rahmen des Baubewilligungsverfahrens geklärt.

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