Es ist alles eine Frage der Tage

Fettig oder trocken? Der Hauttyp einer Frau galt lange als simpel zu bestimmen. Jetzt setzt die Kosmetik auf Pflege, die sich am Zyklus orientiert.

Gesichtspflege: «Cyclical Skincare» passt nicht nur zur Haut, sondern auch zum Zeitgeist. Foto: Getty Images

Gesichtspflege: «Cyclical Skincare» passt nicht nur zur Haut, sondern auch zum Zeitgeist. Foto: Getty Images

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Welchen Hauttyp eine Frau hat? Viele Jahrzehnte lang wurde die Frage im Grunde seltsam gedankenlos mit den Schlagwörtern «normal», «trocken» oder «fettig» beantwortet, an denen sich die Kundin am Kosmetikregal zu orientieren hatte. Jetzt bekommt die Frage allerdings eine neue ­Dimension. Denn, so lautet die jüngste Botschaft aus dem Beauty-Kosmos: Die meisten Frauen haben nicht nur einen Hauttyp, sondern drei. Und diese Erkenntnis ist ausnahmsweise gar nicht so sehr an den Haaren herbeigezogen wie manch anderer Trend, der in den vergangenen Jahren kam und wieder ging.

Wie die Haut einer Frau gerade drauf ist, wie viel Talg sie produziert und wie viele Pickel, das wandelt sich ständig, und es hängt wesentlich davon ab, in welcher Phase ihres Menstruationszyklus sich die Frau gerade befindet. Kommt die Periode bald? Dann ist die Haut allzu oft ein glänzendes, hormonverseuchtes Ärgernis. Rund um den Eisprung entschädigt sie ihre Besitzerin dagegen mit einem verführerisch rosigen, frischen, Fruchtbarkeit signalisierenden Teint.

Aber wenn sich die Haut im Laufe des Zyklus so spürbar verändert: Wäre es dann nicht sinnvoll, die Gesichtspflege diesen Veränderungen anzupassen? Klar, ­sagen diverse Firmen – und bieten deshalb auch gleich am Zyklus orientierte Sets von Hautpflegeprodukten an. So etwa Disciple Skincare der Britin Charlotte Ferguson, die sich in London mit ihrer Firma selbstständig gemacht hat.

«Cyclical Skincare» heisst das zugehörige Zauberwort im Branchenjargon. «Wenn man mit Leuten darüber spricht, sagen sie sofort: ‹Das ergibt total Sinn, ich habe bisher nur noch nie darüber nachgedacht›», erzählt Charlotte Ferguson.

Die Hormone beeinflussen den Feuchtigkeitseinfluss

Auch Hautärztinnen und Kosmetikerinnen können der zyklussensiblen Kosmetik etwas abgewinnen. Es sei durchaus sinnvoll, die tägliche Pflege an das jeweilige Hautbild anzupassen, sagt etwa Anjali Mahto, die an der Londoner Cadogan Clinic Patientinnen bei Hautproblemen berät. Allerdings sollten Frauen dabei trotzdem nicht zu häufig zwischen den verschiedenen Produkten hin und her wechseln.

Es ist ja auch logisch: Während die Feuchtigkeitscreme am Anfang des Monatszyklus der weiblichen Haut einen wunderbaren Dienst tut und sie mit der nötigen Frische versorgt, kann eine zu reichhal­tige Creme die Fettigkeit in der Pickelphase unangenehm erhöhen. Da kann es sinnvoll sein, sich in den Pflegeroutinen dem jeweiligen ­Zustand der Haut anzupassen mit dem Ziel, diesen Zustand zu verbessern.

Wie das genau geht? Dazu sollte man wissen, was während der drei Phasen des weiblichen Zyklus mit den Hormonen los ist. Denn diese beeinflussen den Feuchtigkeitshaushalt, die Durchblutung und die Talgdrüsen und damit die Fettigkeit der Haut.

Die drei Phasen

Erste Phase: die Periode. Von Tag eins bis etwa Tag fünf des Zyklus ist der Spiegel aller Hormone sehr niedrig; die Haut ist in dieser Zeit trocken, matt und leicht irritierbar. Deshalb sind milde Produkte sinnvoll, die die Haut nicht zusätzlich reizen. Experimente mit neuen Produkten sind in dieser sensiblen Phase keine gute Idee. Vielmehr sollte auf eine milde Reinigung eine reichhaltige, gut verträgliche Feuchtigkeitscreme folgen.

Zweite Phase: die Follikelphase. Von der Menstruation bis zum Eisprung, also etwa in den Tagen sechs bis vierzehn, steigt der Östrogenspiegel immer weiter an, die Haut wird gut mit allem versorgt, was sie braucht. Sie ist rosig, frisch und strahlend. Das Hautbild ist während diesen Tagen meist gut und ausgeglichen. Es empfiehlt sich, in dieser Phase Pflegepro­dukte eher sparsam zu verwenden, und man sollte auch auf keinen Fall eine zu fettige Creme auf­tragen, sonst verstopfen die Poren.

Dritte Phase: die Luteal- oder Gelbkörperphase. Vom Eisprung bis zur Periode, also etwa zwischen Tag vierzehn und Tag achtundzwanzig, sind die Östrogenspiegel mässig hoch, dafür erreicht dieProduktion von Progesteron in der Mitte dieser Phase ihren Höhepunkt.

Das Gelbkörperhormon verleiht dem Kollagengerüst im Binde­gewebe Stärke. Zugleich erhöht es aber auch die Aktivität der Talgdrüsen, die Haut wird ölig, die ­Pickelgefahr steigt in diesen Tagen immer mehr. Eine besonders gründliche Reinigung ist nun angesagt. Jetzt wäre auch die Zeit für ein Peeling.

Den Zyklus nicht mehr als lästiges Übel betrachten

Das Phänomen «Cyclical Skincare» passt nicht nur zur weib­lichen Haut, sondern auch zum Zeitgeist. Heute betrachten viele Frauen ihren Zyklus mit einem völlig anderen Selbstbewusstsein, als das ihre Mütter häufig noch taten. Viele leben mittlerweile nach ihm. Beim «Cyclical Living» gönnen sie sich Ruhe, wenn der Körper danach verlangt, weil er sich gerade auf den nächsten Eisprung vorbereitet; in energiegeladenen Zyklusphasen treiben sie dagegen vermehrt Sport oder hauen mit Freunden auf die Pauke.

Moderne Frauen wollen ihren Zyklus nicht mehr als lästiges Übel betrachten, das irgendwie störend und ein bisschen eklig ist und das man möglichst vor dem Rest der Menschheit zu verstecken versucht. Der Zyklus gehört vielmehr zum weiblichen Selbstverständnis im Alter zwischen zwölf und fünfundfünfzig dazu – Frauen wollen mit ihm statt gegen ihn leben. Und da kann es nur helfen, die zyklusabhängigen Bedürfnisse der eigenen Haut zu erkennen, um sich darin wohl zu fühlen.



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Erstellt: 12.01.2020, 21:27 Uhr

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