«Es ist total in Ordnung, sich selbst in einem positiven Licht zu sehen»

Unsere Persönlichkeit ist flexibler, als wir glauben. Wie sich der Charakter im Laufe des Lebens verändert, erforscht die Psychologin Jule Specht.

Wer bin ich – und wer werde ich einmal sein? Eine Frau hält ein Bild ihrer selbst vors Gesicht. Foto: Getty Images

Wer bin ich – und wer werde ich einmal sein? Eine Frau hält ein Bild ihrer selbst vors Gesicht. Foto: Getty Images

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Wenn ich alle fünf Jahre zur Klassenzusammenkunft fahre, habe ich das Gefühl, meine ehemaligen Mitschüler seien noch genauso wie damals. Der eine macht ständig den Clown, die andere ist noch immer das fleissige Arbeitsbienchen. Können wir unseren Charakter überhaupt verändern?
Nur wenige Menschen machen eine komplette Kehrtwende ihrer Persönlichkeit durch. Doch bei den meisten wandelt sich der Charakter im Laufe des Lebens. Im jungen Erwachsenenalter werden zum Beispiel viele gewissenhafter, weil sie im Beruf Fuss fassen müssen. Die Gewissenhaftigkeit steigert sich im Durchschnitt bis zum Alter von etwa vierzig Jahren. Dafür erlahmt die Offenheit für neue Erfahrungen, der Welterkundungsdrang.

Stimmt es, dass Menschen mit dem Älterwerden immer unflexibler werden, immer starrköpfiger und grantiger?
Nein, im Gegenteil. Wir konnten in Untersuchungen nachweisen, dass ältere Menschen ab sechzig Jahren oftmals verträglicher sind als jüngere. Bemerkenswert ist auch ihre emotionale Kompetenz: Sie wissen, was ihnen guttut, konzentrieren sich auf positive Erlebnisse, den schönen Spaziergang, den Kaffee mit der besten Freundin. Sie können ihre Grenzen besser hinnehmen als früher. Erst im sehr hohen Alter, wenn man den Tod vor Augen hat, nimmt die Zufriedenheit deutlich ab.

Bei älteren Menschen häufen sich oft die Schicksalsschläge: Sie verlieren den Partner, die Freunde, werden gebrechlich oder schwer krank. Wie kommen sie mit solchen Krisen klar?
Erstaunlicherweise wirken sich gesundheitliche Einschränkungen im Alter deutlich weniger auf das Wohlbefinden aus als in jungen Jahren. Eine junge Frau, die schwer erkrankt, ändert ihre Persönlichkeit stärker als ein alter Mensch. Vielleicht, weil sie von vielen Gesunden umgeben ist, die nicht immer ein Gespür dafür haben, dass sie Ruhepausen braucht und Herausforderungen nicht stemmen kann. Im Alter von siebzig Jahren dagegen haben fast alle im Freundeskreis gesundheitliche Probleme.

«Wer seine Persönlichkeit verändern will, braucht eine starke Motivation, umzulernen.»

Nimmt die Gewissenhaftigkeit bei den Älteren eher ab oder zu?
Sie nimmt mit dem Übergang in die Pensionierung ab. Das liegt vermutlich daran, dass Rentnerinnen und Rentner nicht mehr in berufliche Zwänge eingebunden sind, mehr Freiräume und Zeit für sich haben. Man nennt das auch den Dolce-Vita-Effekt.

Wie weit kann ich Persönlichkeitsveränderungen, die mir wichtig sind, selbst anstossen?
Gute Frage. Wir haben eine Untersuchung unter Studierenden gemacht, bei der neunzig Prozent der Befragten angaben, ihre Persönlichkeit ändern zu wollen. Doch wer diesen Wunsch äussert, verändert sich nicht häufiger als diejenigen, die den Wunsch nicht geäussert haben. Wer es wirklich ernst meint, braucht mehr, nämlich eine starke Motivation, umzulernen, neue Verhaltensmuster zu trainieren. Die Persönlichkeit ist erst verändert, wenn die neuen Verhaltensweisen automatisiert sind. Wenn ich mir also zum Beispiel nicht mehr bewusst vornehmen muss, zehn Minuten vor dem Termin da zu sein, um pünktlich zu sein, sondern das automatisch tue.

«Es ist ein komplexes Zusammenspiel von Genen, Persönlichkeit und sozialer Umwelt.»

Pessimisten zitieren gern den Spruch: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Wie stark sind wir durch unsere genetische Prägung festgelegt?
Etwa die Hälfte der Unterschiede in der Persönlichkeit ist auf die Gene zurückzuführen. Trotzdem finde ich Sätze wie «Das liegt bei uns in der Familie» problematisch, weil sie tönen, als müsste man sich zwangsläufig in eine bestimmte Richtung entwickeln. Es lässt sich nur schwer auseinanderhalten, was genetisch bedingt ist und was man sich von seinen Eltern abgeschaut hat. Durch das komplexe Zusammenspiel von Genen, Persönlichkeit und sozialer Umwelt lässt sich oft nicht genau sagen, welcher Einflussfaktor der wichtigste ist.

Ist eine glückliche Kindheit ein Garant für emotionale Stabilität?
Natürlich ist sie ein gutes Fundament, aber man sollte ihre Bedeutung nicht überschätzen. Es gibt so viele Menschen, die eine erschütternde Kindheit hatten und trotzdem harmonische Beziehungen führen und erfolgreich im Beruf sind. Wichtiger finde ich, zu schauen, in welche Richtung wir uns entwickeln. Wir können unsere Kindheit nicht mehr ändern, aber unsere Situation in der Gegenwart zu einem gewissen Teil schon, und diese ist viel wichtiger für unsere Persönlichkeit als die lang zurückliegende Kindheit. Ein ermutigender Gedanke.

«Es ist total in Ordnung, sich selbst in einem positiven Licht zu sehen.»

Viele Menschen haben ein geschöntes Bild von sich selbst, das sich nicht unbedingt mit der Realität deckt. Tut man sich mit solchen Illusionen einen Gefallen?
Möglicherweise schon. Wir tendieren dazu, uns selbst durch eine rosarote Brille zu sehen. Wir sind zufriedener, als es die Lebensumstände erwarten lassen, bewerten uns positiver, als wir sind, glauben, mehr Kontrolle über unser Leben zu haben, als wir tatsächlich haben.

Und damit kommen wir besser durchs Leben als mit schonungsloser Ehrlichkeit?
Meistens ja. Menschen, die sich absolut realistisch einschätzen, neigen zu psychischen Störungen wie depressiven Erkrankungen. Es ist also total in Ordnung, sich selbst in einem positiven Licht zu sehen, zumindest, solange man es nicht hoffnungslos übertreibt.

Wann ist Selbstüberschätzung ein Nachteil?
Manche Menschen glauben, alles kontrollieren zu können. Sind sie aber mit Problemen konfrontiert, die sich ihrer Kontrolle entziehen, etwa dem Tod des Partners oder einer Kündigung, hadern sie unter Umständen mehr als andere. Ihre Kontrollstrategie läuft ins Leere. Manchmal ist Akzeptanz besser als das Grübeln darüber, wie weit man das Ereignis hätte verhindern können.

«Ältere Menschen schaffen es besser, sich bewusst auf positive Gefühle zu konzentrieren.»

In welcher Lebensphase sind wir am glücklichsten?
Normalerweise ist das Wohlbefinden im Laufe des Lebens relativ konstant. Im jungen Erwachsenenalter ist die Zufriedenheit etwas geringer, das hängt mit der oft aufreibenden Identitätsfindung zusammen, mit den Gefühlswechselbädern, die wir durchmachen. Richtig zufrieden sind Menschen im mittleren Erwachsenenalter, wenn sie im Beruf Fuss gefasst haben und die Kinder schon grösser sind. Auch ältere Menschen sind überraschend zufrieden. Sie schaffen es besser als Jüngere, sich ganz bewusst auf positive Gefühle zu konzentrieren. Erst in den letzten drei bis fünf Jahren vor dem Tod sinkt die Zufriedenheit wieder, weil der Körper immer mehr abbaut.

Sie selbst waren ein schüchternes Kind. Heute, mit 32, sind Sie Professorin und halten Vorlesungen vor vielen Menschen. Wie ist es Ihnen gelungen, extrovertierter zu werden?
Ich denke, ich habe beide Seiten in mir: Zum einen bin ich aufgeschlossen und gehe gerne auf Menschen zu, zum anderen geniesse ich es, tagelang für mich allein zu sein, ohne dabei sozialen Austausch zu vermissen. Letztlich lässt sich Schüchternheit dadurch überwinden, dass man sich Situationen stellt, die ein gewisses Mass an Extraversion verlangen. Klappt das gut, wird das extravertierte Verhalten verstärkt. Mein Wohlbefinden freut sich trotzdem darüber, wenn ich nach einem geselligen Tag wieder Zeit für mich allein habe.

(Annabelle)

Erstellt: 20.06.2018, 15:22 Uhr

Professorin und Bloggerin


Jule Specht (32) ist Professorin für Persönlichkeitspsychologie an der Humboldt-Universität in Berlin. Zudem ist die Mutter von zwei Kindern auch eine fleissige Bloggerin, zum Beispiel für die Zeitschrift «Psychologie heute». Ihr neues Buch heisst «Charakterfrage. Wer wir sind und wie wir uns verändern», Rowohlt Polaris, 256 Seiten, ca. 23 Franken.

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