«Es war eine emotionale Achterbahnfahrt»

Ein Mann schildert in einem anonymen Erfahrungsbericht, wie er dank der Dating-App Tinder unerwartet zum Womanizer wurde.

«Doch nach dem Hochmut kommt der Taucher», so die Erfahrung eines Mannes mit Tinder.

«Doch nach dem Hochmut kommt der Taucher», so die Erfahrung eines Mannes mit Tinder. Bild: Fotolia/ Getty, Montage: René Wüthrich

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Immer mehr Bekannte gestanden immer nüchterner, dass sie ihren Partner auf einem Onlineportal kennen gelernt hatten. Ich fand: «Klar, irgendwann ist dein Freundeskreis frauentechnisch ausgetrocknet, dann muss man sich anderswo umsehen.» Und in Gedanken fügte ich hinzu: «Aber ich werde so was nie nötig haben.»

Doch es kam anders. Nach ein paar Monaten Singledasein ohne nennenswerte Ereignisse bin ich in der klassischen Negativspirale der Einsamen gefangen. Auf meiner Stirn scheint «Tölpel, ledig, sucht» zu stehen. Markenzeichen: starren, stottern, stolpern. Ich bin in Unterform. Eigentlich im Bewusstsein geerdet, nicht die schlechteste Partie zu sein, fehlen mir die Erfolgserlebnisse, mein Ego sinkt unter Mittelmass.

Eines Abends lande ich auf einer WG-Party. Einige Gläser später erfahre ich von der Gastgeberin, wie sie ihren neuen Begleiter aufgegabelt hat: auf Tinder. «Hat er dir erzählt, wir hätten uns zufällig in der Turnhalle getroffen?» Sie lacht. Notlüge akzeptiert: Die App hat nicht gerade das seriöseste Image. Sie ist verschrien als Hebel des billigen Aufrisses.

Ich will es wissen und lade Tinder runter. Die App fürs Smartphone ist gratis und zeigt mir, wer sich in meiner Umgebung tummelt. Sie ist das Marzili unter den Vermittlungsbörsen: Man sieht viel Bademode, und man ist da, um sich zu präsentieren. Das geschieht, indem man Bilder von seinem Facebook-Profil hochlädt. Mit drei, vier Bildern setze ich mich in Szene. Die Wahl ist schnell getroffen. Tiefgründig blicken, keine Bademode. Dazu schreibe ich einen halbwegs originellen Beschreibungstext mit Widerhaken. Damit die paarungswilligen Frauen auch anbeissen und etwas zu fragen haben. Los gehts.

Auf dem Bildschirm meines Telefons erscheinen die ersten Frauen aus dem von mir definierten 14-Kilometer-Suchradius. Bei der ersten ist schnell klar: Die ist nichts. Ich wische nach links über den Bildschirm, und weg ist sie. Bei anderen schaue ich ein paar Bilder an, lese ihren Ködertext und entscheide dann. Die meisten schreiben über ihre Hobbys. Spitzenreiter ist Reisen, was sich auch bei den Bildern zeigt.

Neben Strandfotos mit tiefem Textilanteil sind Bilder mit einer alpinen Sportaktivität oder Reiseimpressionen von ausgetrockneten südamerikanischen Salzseen viel gewählte Sujets. Ich entscheide mich: Wer in der Beschreibung das Trio «Reisen, Sport, Freunde treffen» bringt, fliegt raus. Wenn mir aber eine Frau gefällt, wische ich nach rechts. Und falls diese Frau bei meinem Profil ebenfalls nach rechts wischt, schnurrt mein Handy und verkündet, ich hätte einen «Match». Jetzt kann ich mit ihr chatten.

Ich wische Dutzende Frauen. Links, links, rechts, links. Treffer gibt es immer wieder. Meist ist es dann am Mann, den ersten Schritt zu tun. «Match!», schreibe ich bei Louisa, die mich mit ihrem Katzenfoto überzeugt hat. Obwohl der Gesprächseinstieg wenig elegant ist, antwortet sie. Wir chatten hin und her. Über den Tag, die Profile des anderen, über dieses und jenes. Dann ein weiterer «Match». Ein weiteres Tastengespräch. Ab dem dritten muss ich aufpassen, dass ich die Chats nicht durcheinanderbringe.

Ein beliebtes Gesprächsthema ist auch Tinder selbst. Die meisten behaupten, die App doof zu finden, es aber auch mal ausprobieren zu wollen. Zwischen den Gesprächsfetzen wische ich weitere Frauen. Links, links, rechts. Was für ein Spass! Neben ein paar Langweilerinnen unterhalte ich mich mit interessanten Frauen. Als sich mein Hungergefühl meldet, merke ich, dass ich vier Stunden mit der App verbracht habe, ohne einmal aufzublicken.

Auch am nächsten Tag tindert mir die Zeit durch die Finger. Ich schlage Anna, einem «Match», vor, wir sollten uns treffen. Wir verabreden uns fürs Kino. Als sie auf mich zukommt: die leise Enttäuschung. Sie ist gross. Ich nicht so. Obwohl eine körperliche Anziehung auch von ihr aus nicht spürbar ist, haben wir einen guten und langen Abend, bevor wir beide unserer Wege gehen.

Mit anderen «Matches» folgen meine ersten Tinder-Bettgeschichten. Es ist irritierend leicht, eine Frau zu treffen. Weil beide wissen, dass es darum geht, mindestens eine Affäre zu finden, gestalten sich die Gespräche relativ offen, es gibt keine Verpflichtungen. Man kann das oberflächlich nennen, vielleicht ist es auch einfach weniger kompliziert. Ausgeschlossen ist, was bei herkömmlichen Dates immer ein wenig mitschwingt: dass man nicht weiss, ob das jetzt ein Date ist oder nur ein Feierabendbier.

Ich bin wieder in Hochform und gehe offensiv in die Treffen. Eine Frau spontan zu küssen, wenn sie Interesse andeutet, ist bald kein Problem mehr. Zu verlieren haben beide nichts. Liebe wird aus Mut gemacht, und schon bald habe ich eine veritable Auswahl an potenziellen Bettpartnerinnen. Ein Leben im Paradies! Was bin ich für ein Hecht!

Doch nach dem Hochmut kommt der Taucher. Unerwartet schnell steigt die Überforderung. Nicht nur technisch, wenn man aufpassen muss, dass man nicht mit der einen Tinder-Bekanntschaft unterwegs auf die andere trifft. Auch emotional ist das parallele Daten mit verschiedenen Matches nicht zu unterschätzen. Denn ganz ohne Gefühle gehts nicht, bei mir schon gar nicht. Und dann mitten im Gefühlschaos auch im Bett zu bestehen, ein guter «Match» zu sein, da stosse ich rasch an meine Grenzen. Ich muss mir eingestehen, dass die Abschlepperei eigentlich nicht mein Ding ist. Freiheit mag toll sein, aber ihre kleine hässliche Schwester, die Orientierungslosigkeit, kann die Euphorie vermiesen.

Meine von Tinder ausgelöste Achterbahnfahrt der Emotionen wird noch wilder. In einer Bar erzähle ich einer guten Freundin von meinen Erfahrungen mit der App, auch über meine Zweifel, ob sie mir guttut. Das Gespräch entwickelt sich über küchenpsychologische Umwege in eine unerwartete Richtung. Enthemmt durch ein paar Gläser Alkohol reden wir bald so offen über Beziehungen, sexuelle Vorlieben und Ausschweifungen, dass die Bardame grösste Mühe hat, keine Miene zu verziehen. Wir landen im Bett, obwohl die Freundin verheiratet ist und ich sie nun wirklich nicht auf der Liste hatte.

Wir haben Spass, trinken Wein, reden über Gott und die Welt, rauchen in Bademänteln Zigaretten. Ist dies die federleichte Sommergeschichte, die mir vorgeschwebt hat? Scheint so. Doch mit einem Tag Abstand und nüchtern betrachtet, machen die Umstände alles nur komplizierter. Besonders, als sich bald herausstellt, dass sie Gefühle für mich hat. Ich beende die Sache nach einer Woche wieder. Mir fällts nicht schwer. Das Wegwischen ist zur Gewohnheit geworden.

Doch dann die Kränkung: Tags darauf beendet ein Tinder-«Match» die Affäre mit mir ebenfalls. Obwohl sie ein wenig zu jung ist und ich sie nur mittelinteressant (dafür aber schön) finde, wurmt mich das unglaublich. Ich gebe es ihr gegenüber nicht zu, aber sie merkt es, als wir uns zum letzten Mal sehen und miteinander reden. Ich bin bedient und lasse es gut sein. Hab ichs doch gewusst, die Technik bringt uns noch alle um oder macht uns zumindest unglücklich.

Dann lieber einsam, von mir aus in Unterform. Ich verachte Tinder. Bis sich die Frau mit der Katze wieder meldet. Wir treffen uns. Sie war nur 10 Minuten auf Tinder, sagt sie jedenfalls heute. Hatte einen «Match». Mich. Und das passt.»

Erstellt: 07.06.2015, 09:46 Uhr

Serie Dating heute

Dating im Internet ist salonfähig geworden. Die meisten waren schon mal auf Parship, Tinder, C-Date, Friendscout24 und Co. – oder sie kennen zumindest jemanden, der auf Onlinedating-Portalen vorübergehend sein Glück fand. Manche suchen Gelegenheitssex, andere bloss soziale Kontakte, einige den Partner fürs Leben. In einer Serie beleuchten wir die Onlinedating-Branche und publizieren Berichte, in denen Onlinedater über ihre Erfahrungen erzählen. Protokolliert werden diese von der «Zeitpunkt»-Redaktion. Die Personen sind uns bekannt, aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes drucken wir ihre intimen Erlebnisse jedoch anonym ab.lm

Artikel zum Thema

Tinder-Hack trickst Männer aus

Digital kompakt +++ Apple kann sich nicht gegen Musiklabels durchsetzen +++ Google lobbyiert fleissig +++ Plant Microsoft ein Billig-Surface? +++ Mehr...

Ist der jetzt Single? Ach stimmt, ich ja auch nicht

Eine neue App verbindet Onlinepartnerbörsen und Facebook. Was ist von Tinder zu halten? Mehr...

Mit dem Handy zum Märchenprinzen

Erlebnisbericht Geflirtet wird heute nicht mehr in der Bar, sondern über Dating-Apps wie Tinder, Badoo oder Zoosk auf dem Smartphone: Schneller, spielerischer und erst noch gratis. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Vergleichsdienst

Finden Sie mit unserem unabhängigen Abovergleich das optimale Handyabo.
Jetzt vergleichen.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Logenplätze: Die Bewohner der nepalesischen Ortschaft Bode verfolgen den Nil-Barahi-Maskentanz von ihren Fenstern aus. Während des jährlichen Fests verkleiden sich Tänzer als Gottheiten und ziehen durch die Strassen. (20. August 2019)
(Bild: Navesh Chitrakar) Mehr...