Analyse

Es wird Winter

Heute ist der 21. Juni – der Anfang vom Ende. Alles, was nachher kommt, geht Richtung Winter. Den längsten Tag des Jahres sollte man nicht so leben, als wäre es der letzte – sondern der einzige.

Des Sommers Anfang ist zugleich sein Ende: Ein Paar feiert die Sommersonnenwende an einer antiken Stätte in der Nähe von Skopje. (20. Juni 2012)

Des Sommers Anfang ist zugleich sein Ende: Ein Paar feiert die Sommersonnenwende an einer antiken Stätte in der Nähe von Skopje. (20. Juni 2012) Bild: Reuters

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Heute Morgen ist die Sonne um 5 Uhr 27 hochgekommen. Seither scheint sie auf Wälder und Rasensprenger, Kindergärtnerinnen und Hundehütten, Lastwagenfahrer und Velos, Jogger und Friedhöfe. Sie arbeitet durch bis abends spät. Erst um 21 Uhr 26 tritt sie wieder ab. Mehr Tag war nie in diesem Jahr, mehr Tag wird nicht mehr sein. Denn heute ist der längste Tag, Sonnenwende, Sommeranfang.

Also muss man diesen Tag geniessen. Genau genommen sollte man jeden Tag geniessen. Das fanden schon Horaz und Calvin, der römische Dichter und der amerikanische Comic-Bub. «Carpe diem» empfahl der eine vor 2035 Jahren, pflücke den Tag, womit er meinte: Lebe jeden Tag so, als wäre es der letzte.

Der andere wirbelt, assistiert von seinem Stofftiger Hobbes, seit den Achtzigerjahren durch die Cartoons von Bill Watterson und pflückt dabei Tag um Tag. Dass Calvins Tage von Schule, Eltern, Waschen und Schlafen gestört werden, macht es für ihn umso wichtiger, jede Sekunde zu geniessen: «Sich gut zu fühlen», erklärt er seinem Tiger, «das ist harte Arbeit.»

Der einzige Tag

Aber weder Horaz noch Calvin können die Enttäuschung lindern, die sich jedes Jahr mit astronomischer Regelmässigkeit einstellt: Der erste Tag des Sommers ist zugleich schon sein längster. Anfang und Höhepunkt fallen somit zusammen. Alles, was nach der Sonnenwende kommt, geht Richtung Winter. Von jetzt an wird es später hell und früher dunkel. Und das stimmt melancholisch. Vor allem nach einem solchen Frühling.

Also sollte man den längsten Tag leben, als wäre er nicht der letzte Tag im Leben, sondern der einzige. Mit Megahoraz und Supercalvin. Oder man nimmt sich einen anderen Lebensberater. Statt Horaz aus dem alten Rom oder Calvin aus dem neuen Amerika liesse sich einer zitieren aus der Zeit dazwischen: Till Eulenspiegel, der Narr aus dem Mittelalter. Der hat beim Aufstieg gelacht, weil er an den Abstieg dachte. Und beim Abstieg geklagt, weil ihm schon der Aufstieg einfiel. Das klingt weise, ist aber blöd. Hilft also auch nicht weiter.

Und wie wird das Wetter heute? Am Morgen des längsten Tages noch sonnig, in der zweiten Tageshälfte steigendes Risiko für Regen und Gewitter.

Seufz.

Erstellt: 21.06.2012, 08:48 Uhr

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