«Etwa ein Viertel unserer Insassen sind Kriminaltouristen»

Thorberg-Direktor Georges Caccivio müsste derzeit eigentlich 290 Verurteilte in seiner Strafanstalt unterbringen. Platz hat er aber nur für 180.

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Schweizer Gefängnisse sind gemäss neusten Zahlen überbelegt (siehe Bildstrecke oben). Wie schlimm ist es im Thorberg, der drittgrössten geschlossenen Strafanstalt der Schweiz?
Georges Caccivio: Ich kann Ihnen das ganz genau sagen. Zurzeit sind in unserer Anstalt von 180 Betten 177 belegt. 2 der 3 freien Betten können momentan nicht besetzt werden, weil die Zellen renoviert werden müssen. Das dritte freie Bett ist bereits für Mitte Woche wieder reserviert. Kurz gesagt: Unsere Anstalt ist voll.

Dann ist der Thorberg aber nur voll belegt und nicht überbelegt wie viele Gefängnisse in der Schweiz?
Der Thorberg kann und darf im Gegensatz zu den Regionalgefängnissen nicht mehr Gefangene aufnehmen, als es regulär freie Plätze hat. Dafür haben wir eine Warteliste von 93 Personen.

Das heisst: Eigentlich wäre auch der Thorberg überbelegt, und zwar massiv, oder?
Das kann man so sagen. Jedenfalls muss man sich bewusst sein, dass rechnerisch eine weitere Strafanstalt nötig wäre, die mindestens halb so gross ist wie der Thorberg, damit alle Verurteilten auf der Warteliste aufgenommen werden können; aktuell ist allerdings ein solcher Ausbau für Thorberg kein Thema.

Wo müssen denn die Verurteilten warten, bis ein Platz auf dem Thorberg frei wird?
Die meisten befinden sich in Regionalgefängnissen, die zum Teil stark überbelegt sind. Die Regionalgefängnisse müssen – im Gegensatz zu uns – Gefangene aufnehmen, ob sie nun Platz haben oder nicht. Notfalls müssen sie Feldbetten in bereits belegten Zellen aufschlagen.

Was ist aus Ihrer Sicht der Hauptgrund für die derzeitige Überbelegung der Haftanstalten in der Schweiz?
Darüber kann man streiten. Auffallend ist für mich als Strafanstaltsdirektor, dass wir seit einiger Zeit sehr viele Kriminaltouristen in unseren Zellen haben. Damit meine ich Personen, die in der Schweiz keine Aufenthaltsbewilligung haben und die nur ins Land kamen, um ein Delikt, also einen Raub oder einen Diebstahl, zu begehen. Ein Beispiel sind die rumänischen Einbrecherbanden, die in den Medien des Öftern erwähnt werden.

Wie hoch ist der Anteil solcher Kriminaltouristen auf dem Thorberg?
Ich führe darüber keine Statistik. Schätzungsweise sind aber bis zu einem Viertel aller Einsassen solche Kriminaltouristen.

Sind das vor allem Menschen aus Rumänien?
Nein, nein. Ich habe die rumänischen Banden nur als Beispiel solcher Kriminaltouristen erwähnt.

Gibt es weitere Gründe für die überfüllten Gefängnisse in der Schweiz?
Ja, ich glaube Polizei und Gerichte arbeiten generell effizienter als noch vor zehn Jahren. Zudem haben wir mehr Personen, die über ihr eigentliches Strafmass hinaus in der Anstalt bleiben müssen, weil sie ein Sicherheitsrisiko für die Bevölkerung darstellen. Das sind Menschen, die verwahrt werden oder die eine stationäre Massnahme haben.

Erstellt: 28.01.2014, 15:16 Uhr

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Die Berner Gefängnisleitung musste letztes Jahr einen verurteilten Mann auf freien Fuss setzen, weil einfach kein Platz mehr frei war, sagt Markus D’Angelo, Chef der kantonalen Abteilung Strafvollzug.

Nicht nur gesamtschweizerisch, sondern ganz besonders auch im Kanton Bern sind die Gefängnisse überbelegt. Die Situation hat sich im Verlauf des letzten Jahres noch einmal zugespitzt. «Sie ist mittlerweile dramatisch», sagt Markus D’Angelo, Leiter der kantonalen Abteilung Straf- und Massnahmenvollzug.

Die Regionalgefängnisse im Kanton Bern waren bereits 2011 und 2012 überbelegt. Als voll belegt gelten diese Gefängnisse, wenn 85 Prozent der Plätze besetzt sind. Der Grund: Für die Regionalgefängnisse besteht Aufnahmepflicht. Das heisst, wenn die Staatsanwaltschaft einen Untersuchungshäftling zum Beispiel wegen Fluchtgefahr einweist, dürfen die Regionalgefängnisse diesen nicht ablehnen, auch wenn alle Zellen bereits voll belegt sind. Für solche Fälle müssten im Schnitt rund 15 Prozent der Zellen als Reserven frei sein.

Belegung bei 115 Prozent

Die Belegung der Berner Gefängnisse hat nun laut D’Angelo im Verlauf des vergangenen Jahres noch einmal zugenommen. Anfang 2013 lag die Belegung bei 100 Prozent. Im Dezember betrug sie im Schnitt im gesamten Kanton 115 Prozent. Das heisst, viele Zellen waren doppelt oder dreifach belegt. Die Betreuer in den Gefängnissen mussten zur Not Feldbetten in bereits belegten Zellen aufstellen. Überbelegte Gefängnisse seien problematisch, sagt Markus D’Angelo. Damit gehe man ein Sicherheitsrisiko ein.

Ein weiteres Problem: In einem Einzelfall habe die Gefängnisleitung trotz Aufnahmepflicht einen von der Polizei eingewiesenen, zuvor untergetauchten Mann wieder auf freien Fuss setzen müssen, weil schlicht kein Bett mehr frei gewesen sei. Mit der Freilassung habe der Mann Gelegenheit gehabt, wieder abzutauchen. Der Verurteilte hätte eine nicht bezahlte Geldstrafe als Ersatzfreiheitsstrafe absitzen müssen.

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