«Europäische Muslime müssen mehr über Sex reden»

Im modernen Islam wird Sex tabuisiert. Vor 600 Jahren war das noch ganz anders, als Gelehrte das muslimische «Kamasutra» erfanden, sagt Islamwissenschaftler Ali Ghandour.

Muss im Islam wieder mehr zur Spache kommen: Sex.

Muss im Islam wieder mehr zur Spache kommen: Sex.

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Ali Ghandour, Sie stammen aus Casablanca und sind Muslim. Wie wurden Sie aufgeklärt?
In meiner Kindheit und in der Jugend kaum. In Casablanca hatten wir zwar Biologieunterricht und das Thema der Fortpflanzung kam gelegentlich vor, aber sonst gar nichts. Ich habe mich vor allem durch das Lesen von Büchern aufgeklärt. Dadurch erlangte ich eine gewisse Grundkenntnis von Sex.

Was waren das für Bücher?
Mit circa 16 Jahren habe ich ein Buch von dem Gelehrten Imam Ibn Kamal Pascha aus dem 16. Jahrhundert gelesen, dass von Sex handelt. Das Buch hat bei mir viele Fragen aufgeworfen. Zunächst einmal war ich schockiert und fragte mich: Warum gibt es überhaupt ein solches Buch? Warum weiss ich nichts davon? Warum wurde so etwas geschrieben? Vor allem aber fragte ich mich, was wohl mit Menschen passiert, die solche Bücher schreiben. Ich habe dann weiter recherchiert und gemerkt, dass dieses Buch gar nicht das einzige Werk eines muslimischen Gelehrten ist, sondern dass es eine ganze Tradition solcher Bücher gibt.

In Ihrem Buch «Lust und Gunst: Sex und Erotik bei den muslimischen Gelehrten» beschäftigen Sie sich mit dem, was Gelehrte vor Jahrhunderten über Sex dachten. Weshalb nehmen Sie sich als muslimischer Theologe einem solchen Thema an?
Ich versuchte Antworten auf meine Fragen zu finden. Warum konnte ein muslimischer Gelehrter aus dem 16. Jahrhundert frei darüber schreiben und weshalb kann das heute niemand machen? Und warum wird über das Thema kaum gesprochen? Es ist nötig, dass man heute über Sex redet. Besonders Muslime, welche in Europa leben, hier geboren sind oder in der dritten Generation leben, sollten das tun. Sie leben in zwei vollkommen unterschiedlichen Welten. Einerseits in der westlichen, «unserer» Welt, andererseits in ihrer Welt mit ihrer Vorstellung vom «Muslim»-Sein. Doch zwischen den beiden Welten besteht meiner Meinung nach kein Widerspruch. Ich möchte ihnen zeigen, dass es auch in ihrer Religion eine Vielfalt an Texten und Meinungen gibt, was das Thema Sexualität betrifft, und dass sie, wenn sie sich mit ihrer eigenen Sexualität beschäftigen, auch mehr über ihre Tradition erfahren.

Sie schreiben in Ihrem Buch auch von Imam as-Suyuti. Er sprach bereits vor über 500 Jahren über sexuelle Bewegungen.
Sein Buch ist eine Art Kamasutra. Er schreibt über den Körper der Frau, über Schönheitspflege, welche Kräuter hilfreich sind für die Potenz, wie man die Frau am besten sexuell befriedigt und welche Uhrzeit am besten für den sexuellen Akt ist. Er war ein Experte in dem Gebiet. (lacht)

Weshalb sind die muslimischen Gelehrten früher mit dem Thema Sex viel lockerer umgegangen?
Ich glaube, da gibt es verschiedene Faktoren wie beispielsweise Gesellschaftsstrukturen, die sich verändert haben. Früher gab es keinen Staat im modernen Sinne. Es gab zwar einen Herrscher, der interessierte sich aber nur für die Steuern und die Sicherheit in seinem Land. Mehr auch nicht. Er war gar nicht interessiert an der Beziehung des Volkes. Die Disziplinierung des Volkes, wie wir sie heute von Staaten kennen, gab es damals noch nicht. Das Problem, das wir heute haben, besteht darin, dass die Muslime ab dem 20. Jahrhundert die Staatskonzeptionen, die aus dem 18./19. Jahrhundert stammen, rezipiert haben und sie dann mit Gedanken aus der Religion gespeist haben. Der Staat sieht sich als «Beschützer» und «Bewahrer» einer bestimmten Lehre.

Welche Folgen hat dies?
Heute kommt die Religion von oben, früher kam sie von unten. Die Gelehrten waren diejenigen, die sich als Bewahrer der Religion angesehen haben. Aber sie hatten keine exekutive Macht. Das hat dazu geführt, dass mehrere Diskurse nebeneinander verliefen und über viele verschiedene Dinge diskutiert wurde. Ich sage nicht, dass dann alles total «rosa» war und total freizügig, aber es gab unterschiedlichste Traditionen, und die hat man akzeptiert. Ausserdem habe ich das Gefühl, dass die Menschen früher nicht am Privatleben anderer interessiert waren. Was ich in meinem Haus trieb, kümmerte niemanden. In der Moderne, zumindest in muslimischen Gesellschaften, will man die Macht auch in die Privatsphäre verlagern. Früher gab es keinen Widerspruch zwischen geniessen und Gott dienen.

Was bräuchte es, damit der Islam wieder offener über Sexualität sprechen würde? Muslimische Gelehrte fordern beispielsweise die «sexuelle Revolution».
Ich habe meine Probleme mit solchen Begriffen. Das Wort klingt zwar schön, aber ich kann nicht viel damit anfangen. Im Islam gibt es ein Teilgebiet namens Normenlehre. Sie hat bis zum 18., 19. Jahrhundert sehr gut funktioniert. Damals wusste man, wie man die zwischenmenschlichen Beziehungen regelt. Die Normenlehre entspringt aber einem veralteten Weltbild, das früher überall auf der Welt vorhanden war. Sei das in Deutschland, in der Schweiz oder in China. Die späteren Revolutionen, sei es die industrielle Revolution oder die digitale Revolution von heute, haben grosse Veränderungen in der Gesellschaft gebracht. Heute haben wir aber komplett neue Familienstrukturen. Es gibt Lebensmodelle, die es früher gar nicht gab. Die Veränderungen der Gesellschaft wurden in der Normenlehre der muslimischen Gelehrten noch nicht richtig wahrgenommen. Eine seriöse Auseinandersetzung mit den Herausforderungen unserer Zeit findet nicht ausreichend statt. Eine neue Interpretation muss noch stattfinden.

Welche Probleme ergeben sich damit in der Sexualität von Muslimen?
Ein banales Beispiel: Früher war eine Frau, die mit zwanzig noch nicht verheiratet war, auf der ganzen Welt eine Anormalität. Dann fanden die Veränderungen in der Gesellschaft statt. Schulsysteme wurden eingeführt, Universitäten wurden gegründet, und damit hat sich auch das Alter von Frauen und Männern, welche heiraten wollen, verschoben. Nun, nach muslimischer Lehre dürfen Frauen und Männer keine sexuellen Kontakte haben, bis sie geheiratet haben. Die Männer und Frauen sind heute aber zwischen dreissig und vierzig Jahre alt, wenn sie heiraten. Das heisst, man hat bis dann keine sexuellen Kontakte gehabt. Das ist nicht natürlich und kann auch nicht die Norm sein. Es ist nötig, dass wir in der muslimischen Gesellschaft über solche Themen reden. Was ist überhaupt Ehe? Was heisst Beziehung zwischen Mann und Frau? Oder gibt es noch andere Formen von Beziehungen? Das sind alles Fragen, die man in die muslimische Lehre integrieren muss.

Inwiefern sehen Sie die sexuelle Aufklärung bei Muslimen auch als Schritt in Richtung erfolgreiche Integration?
Wenn Muslime hier in Europa leben und noch in den veralteten Vorstellungen leben, dann schaden sie nicht nur ihrer Psyche, sondern auch ihrem Körper. Eine Person, die im Einklang mit sich selbst ist, wird auch im Einklang mit ihrer Umgebung sein. Das ist eine richtige Form der Integration.

Um eine erfolgreiche Integration zu garantieren schreiben Sie Bücher über Sex, betreiben einen eigenen Blog und einen Youtube-Channel, Sie unterrichten auch in der Ibrahim-Khalil-Moschee in Hamburg junge Menschen zwischen 17 und 30 Jahren. Die Moschee geriet kürzlich in Kritik, weil von dort aus zwei junge Mädchen nach Syrien ausgereist sind. Was tun Sie gegen solche Geschehnisse?
Ich unterrichte dort am Donnerstag alles Mögliche, manchmal geht es um Theologie, manchmal um gesellschaftlich relevante Themen. Ich versuche, ihnen die ganze Vielfalt, die in der Tradition des Islam steckt und heute kaum zu Wort kommt, zu zeigen. Und vor allem auch, dass es nicht nur eine Position gibt im Islam, sondern mehrere Sichtweisen.

Wie begegnet man dort Ihrem ja eher offenen und auch unkonventionellen Umgang mit dem Islam?
Bis jetzt läuft es mal gut, mal schlecht. Mal kommen viele Leute, manchmal weniger. Die meisten kennen mich auch vom Internet. Ich glaube, meine Art stört sie nicht. Manchmal habe ich das Gefühl, es tut ihnen auch gut, wenn sie merken, dass es auch eine Form ihrer Religion gibt, die ihre Grundlage zwar in Traditionen hat, die aber auch befreiend wirkt. Man muss sich das Leben nicht schwer machen, weil man ein gewisses Verständnis von Religion hat. Man kann sowohl ein guter Muslim sein und sich selbst bleiben. Ob sie ein guter oder schlechter Muslim sind, spielt in dem Umgang mit anderen keine Rolle. Es ist wichtig, die Vorstellungen in den Köpfen vieler zu dekonstruieren.

Wie schaffen Sie selbst den Spagat zwischen den traditionellen Formen des Islam und dem Leben in der westlichen Welt, ohne sich auszugrenzen?
Ich versuche, möglichst wenig Adjektive für mein «Muslim-Sein» zu benutzen. Je mehr Adjektive man benutzt, desto eher grenzt man sich aus. Sage ich, ich bin konservativ, dann grenze ich mich von den einen ab, sage ich, ich bin liberal, dann grenze ich mich von anderen ab. Ich bin einfach so ein Muslim, der sowohl sein «Muslim-Sein» bewahren, als auch seine Stellung in der Gesellschaft positiv beeinflussen will. Ein spirituelles Leben zu führen, muss nicht ein Widerspruch zum modernen Leben sein. Wie Jesus sagt: «Man erkennt den Baum an seinen Früchten.» Und genau das gilt hier auch: Egal welche Religion man hat, man kann trotzdem ein weltliches Leben führen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.11.2016, 11:04 Uhr

Ali Ghandour

Ali Ghandour wurde 1983 im marokkanischen Casablanca geboren. Er ist Islamwissenschaftler an der Universität Münster. In seinem Buch «Lust und Gunst: Sex und Erotik bei den muslimischen Gelehrten» versucht er die Sexualität im Islam aufzuzeigen.

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