Familie Tommasini und das gestohlene Pensionskassengeld

Dein Leben lang krampfst du, dann klaut dir einer die Altersvorsorge. Für Roberto Tommasini und andere Italiener in der Schweiz wurde der Büezer-Alptraum wahr. Der Betrüger: Ihr Vertrauensmann.

Pensioniert, aber ohne Pensionskasse: Roberto Tommasini mit seiner Frau Stefania in Otelfingen.

Pensioniert, aber ohne Pensionskasse: Roberto Tommasini mit seiner Frau Stefania in Otelfingen. Bild: Doris Fanconi

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Das Dorf am Fuss der Lägern: ein Idyll. Die Tommasinis wohnen am oberen Ortsrand in einem Block. Man klingelt, wird freundlich begrüsst, eingelassen und zum Esstisch gebeten. Stefania Tommasini geht nun Kaffee machen. Ihr Mann Roberto sagt, noch im Stehen: «Sie! Ich muss kämpfen! Für uns und für alle anderen! So etwas darf nicht noch einmal passieren!»

Dann setzt sich Tommasini (68). Wie ein paar Dutzend andere italienische Büezer in der Schweiz ist er von einem Landsmann in Zürich um sein Pensionskassengeld geprellt worden. Fast 10 Millionen Franken sind verschwunden. Doch bevor man darüber redet, will man etwas über Tommasinis Leben erfahren. Vor allem über sein Arbeitsleben. Denn die 265'500 Franken, um die er betrogen wurde, haben eine Geschichte.

Besprüht mit Antiinsektenmittel

Am 1. März 1960 kommt Roberto Tommasini, ein blutjunger Norditaliener aus einfachen Verhältnissen, im HB Zürich an. Er hat Arbeit als Maurer gefunden, im Saisonnierstatus: Neun Monate ist er in der Schweiz, dann muss er drei Monate aus dem Land, und das Jahr für Jahr. An der Grenze in Chiasso besprüht man die Arbeiter mit dem Antiinsektenmittel DDT, zwecks Desinfektion.

Schliesslich findet Tommasini einen Ganzjahresjob in Würenlos. Und eine Frau findet er auch. Stefania stammt aus demselben Dorf, kennengelernt haben sich die zwei aber in der Schweiz. Man heiratet, zieht irgendwann nach Otelfingen, hat vier Kinder – und die nächsten Jahrzehnte kann man so zusammenfassen: Arbeit, Arbeit, Arbeit. Tommasini ist Werkzeugmacher. Seine Frau arbeitet auch, zum Teil in denselben Betrieben.

«Hani nie Rue ghaa»

Roberto Tommasini steht vom Tisch auf und holt ein Metallteil. Einmal habe er 500'000 Stück dieser Stromverteiler für Autos auf der Maschine gestanzt. Lange sei er auch als Hauswart tätig gewesen. «Hani nie Rue ghaa», erzählt er in italienisch angehauchtem Dialekt. «Ich hatte 96 Wohnungen. Nachts um elf kamen noch Anrufe, da sei eine Glühbirne kaputt.»

Doch, die Tommasinis haben sich ihre AHV verdient. Zusammen bekommen sie 3600 Franken. Ihr Pensionskassengeld hat sich Stefania Tommasini bei der Pensionierung auszahlen lassen und es unter den Kindern verteilt. Was ihren Mann angeht, so kommt an dieser Stelle der Betrüger ins Spiel, Antonio G. Und mit ihm Inca, die in der Schweiz mehrere Niederlassungen unterhält.

Inca, das ist ein Stück Emigrantengeschichte. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als Italiener in alle Länder auswanderten, schuf ihr Staat ein Netz von Beratungsstellen zu Fragen um die Sozialversicherungen. Inca, das ist für jeden Auslanditaliener die Anlaufstelle. Ein Ort des Vertrauens, unterstützt und kontrolliert vom Arbeitsministerium in Rom.

Der allseits beliebte Berater

G. bringt es in der Niederlassung in Zürich an der Luisenstrasse zum Büroleiter. Er wird als jovial beschrieben, ist allseits beliebt, hilft beim Verfassen von Behördenschreiben, bekommt zum Teil auch eine Vollmacht, wenn jemand mit dem Papierkram überfordert ist. Wird einer der Büezer pensioniert, spendiert G. auch mal ein feudales Abendessen.

Roberto Tommasini kennt diesen allseits geachteten Mann nicht persönlich. Aber auch er hat in Pensionskassenangelegenheiten mit Inca zu tun, hat sich beraten lassen. Seine zweite Säule hat er auf zwei Konten verteilt. 2007, bei seiner Pensionierung, will er das eine auflösen. Die 150'000 Franken sind aber nicht mehr auf dem Konto bei der Lebensversicherung Swiss Life. Er selber habe das Geld zu einer anderen Bank überwiesen, erfährt der völlig verblüffte Tommasini. Die den Vorgang dokumentierende Korrespondenz sei über Inca gelaufen.

Tommasini wendet sich an Inca, die Sache ist für ihn nebulös. Inca zahlt ihn aus – und weil Tommasini sein Geld wieder hat, glaubt er, alles sei ein Missverständnis gewesen. Inca-Funktionär G. manipuliert zu dem Zeitpunkt die Konten vieler italienischer Arbeiter. Deren Pension trifft Monat für Monat pünktlich ein. Das Freizügigkeitsgeld, aus dem sie stammt, ist in der Regel aber längst bei G. Er lässt die monatlichen Zahlungen weiterlaufen, um nicht aufzufliegen, während er weitere Konten plündert.

Im Mai kam keine Pension

Im Mai 2009 vermisst Roberto Tommasinis die 1519 Franken monatliche Pension aus dem zweiten, noch bestehenden Konto. Was ist da los? Er wendet sich schliesslich an seinen Sohn Marco. Die zwei gehen zur Aargauischen Kantonalbank in Bremgarten. Die 265'500 Franken seien weg, so die Bank. Wieder soll Tommasini selber das Geld verschoben haben, und zwar schon vor zwei Jahren. Die Bank weist ein Dokument vor. Jemand hat Tommasinis Unterschrift gefälscht und einen Stempel des italienischen Konsulats verwendet. Es war G., stellt sich heraus, dessen Betrügerkarriere nach der Entlassung bei Inca Anfang 2009 rasant ihrem Ende zustrebt.

Solche und ähnliche Fälle sind heute zu Dutzenden bekannt. Gegen zehn Millionen Franken soll G. abgezweigt haben. Viele Geschädigte können ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen. G., 47-jährig, der als Arbeiterfreund getarnte Arbeiterfeind, ist grundsätzlich geständig und nach Monaten in Untersuchungshaft wieder frei. Sein Prozess lässt auf sich warten. Von etwa hundert Fällen liege ein Drittel als Rapport vor, zur genauen Deliktsumme und beschlagnahmten Vermögenswerten könne er momentan nichts sagen, so vorgestern der Staatsanwalt im «Blick».

Dort sah man auch ein frisches Foto von G. vor dem Haus des Vaters in Thalwil, in Jeans und mit einen Coop-Sack in der Hand. Die Zeitung zitiert aus den Einvernahmeprotokollen: G. will das ertrogene Geld für Luxusuhren, Autos und Frauen ausgegeben haben. Und er habe ja lange Zeit etliche Renten weiterhin ausbezahlt.

Ist G. ein Einzeltäter?

«Wir glauben eher, dass es Komplizen gibt und eine Verbrechervereinigung dahintersteht», sagt Marco Tommasini. Roberto Tommasinis Sohn ist Präsident der Geschädigten-Vereinigung. Von Beruf Maschineningenieur, widmet er sich an Abenden und Wochenenden dem Fall, wälzt Akten, korrespondiert mit den Opfern und Anwälten. Der italienische Staat hat nach langem Ringen gut 65'000 Franken überwiesen für juristischen Beistand. Marco Tommasini arbeitet gratis. «Es geht um meine Eltern», sagt er.

Werden diese, werden die anderen Geschädigten ihr Geld wiedersehen? Die Zeitschrift «Beobachter» liess von einem Sozialversicherungsexperten einige Geschädigtendossiers prüfen. Fazit: «In diesen Fällen haben die Pensionskassen die Auszahlungen zu wenig genau geprüft.» Die Pensionskassen weisen den Vorwurf mangelnder Sorgfalt aber ebenso zurück wie beteiligte Banken. Die Geschädigten ihrerseits wollen vorrangig gegen eine andere Institution juristisch vorgehen: Inca. «Dort ist es passiert», sagt Marco Tommasini – und ganz sicher sei Inca auch moralisch und politisch in der Pflicht: «Die Institution wurde zum Arbeiterwohl gegründet.»

Der Entschuldigungsbrief

Die Affäre sei «traurig», reagiert Inca-Schweiz-Präsidentin Rita Schiavi. Man habe aber kein Geld. Der italienische Staat zahle bloss die Personallöhne und die Büromiete. Sie zweifelt, ob am Ende Rom einspringt: «Es gibt wohl rechtliche Absicherungen, die das verhindern.»

Bis Roberto Tommasini allenfalls wieder zu seinem Pensionskassengeld kommt, können Jahre vergehen. Es gebe keinen Tag und keine Nacht, in der er nicht an den Betrug denke, sagt er. G. hat sich brieflich entschuldigt mit den Worten: «Ich erkenne mich selber nicht in jener entstellten Persönlichkeit von einst.» Roberto Tommasini macht das wütend: «Er soll lieber ehrlich sagen, wo das Geld hin ist.»

Tapfer formuliert Roberto Tommasini dann zum Ende des Gesprächs im Dialekt des Veneto sein Credo: «Che la faron on fat anca de pedo». Zu Deutsch: «Wir werden es überstehen, wir haben schon Schlimmeres überstanden.»

Erstellt: 29.10.2010, 11:33 Uhr

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