Fauler Italiener, überheblicher Deutscher

Vorurteile und Klischees: Deutsche und italienische Journalisten geraten sich wegen Unglückskapitän Schettino in die Haare.

«Man kennt diesen Typus aus dem Strandurlaub»: Mit solchen Kommentaren zu Kapitän Francesco Schettino verärgert ein deutscher Kolumnist Italien.

«Man kennt diesen Typus aus dem Strandurlaub»: Mit solchen Kommentaren zu Kapitän Francesco Schettino verärgert ein deutscher Kolumnist Italien. Bild: Reuters

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«Hand aufs Herz: Hat es irgendjemanden überrascht, dass der Unglückskapitän der ‹Costa Concordia› Italiener ist? Kann man sich vorstellen, dass ein solches Manöver inklusive sich anschliessender Fahrerflucht auch einem deutschen oder, sagen wir lieber, britischen Schiffsführer unterlaufen wäre?» Mit diesen Sätzen beginnt «Spiegel online»-Kolumnist Jan Fleischhauer seinen Beitrag über nationale Eigenheiten. Aufhänger seines gestrigen Artikels: Unglückskapitän Francesco Schettino, weltweit bekannt als der Mann, der mit seinem leichtsinnigen Showmanöver das Leben von über 4000 Menschen aufs Spiel setzte. Es gibt zwar noch viele unbeantwortete Fragen zum Schiffunglücks vor Giglio, doch die Schuldfrage scheint für die meisten geklärt. So erstaunt es auch nicht, dass das unrühmliche Verhalten Schettinos weltweit kritisiert worden ist.

Ein Klischee jagt das andere

Doch nun scheint der Fall Schettino auch Anlass zu geben, um den seit Jahren immer wieder offen ausgetragenen deutsch-italienischen Konflikt zu befeuern. Kolumnist Jan Fleischhauer untersucht in seinem Artikel «Italienische Fahrerflucht» den italienischen Volkscharakter («‹Bella Figura› machen, heisst der italienische Volkssport, bei dem es darum geht, andere zu beeindrucken. Auch Francesco Schettino wollte eine gute Figur machen, leider war ihm ein Felsen im Weg») und spannt am Ende sogar den Bogen zur Eurokrise.

Was passieren kann, wenn man aus politischen Gründen von der «Psychologie der Völker absieht», zeige die aktuelle Währungskrise, begründet der Kolumnist. Und erkennt wenige Sätze später den «Geburtsfehler des Euro» in der Tatsache, dass sehr verschiedene Kulturen des Wirtschaftens in die Zwangsjacke einer gemeinsamen Währung gesperrt worden seien. «Um zu erkennen, dass dies nicht gut gehen konnte, musste man nicht Volkswirtschaft studiert haben, ein Besuch in Neapel oder auf dem Peloponnes hätte eigentlich gereicht».

Dies war dem italienischen Journalisten Andrea Tarquini ein Giftpfeil zu viel: Wenige Stunden später folgte schon seine Antwort auf dem Online-Portal der italienischen Tageszeitung «La Repubblica». Tarquini schoss nicht minder scharf zurück und bediente sich dabei genauso einseitiger Klischees wie der schreibende Kollege aus Deutschland. «Die rassistischen Aussagen, die schwer wie arische Überlegenheit anmuten, stammen nicht von Neonazis der NPD, sondern von ‹Spiegel›-Kolumnist Jan Fleischhauer».

Und schon ist da der Link zum zweiten Weltkrieg und Tarquini fragt sich, ob wohl der Propagandaminister des dritten Reichs, Joseph Goebbels, Gefallen an Fleischhauers Volkscharakteranalyse gefunden hätte. «Klar, der Euro steckt in einer Krise, weil die Italiener alle so unglaubwürdig wie Schettino sind», ärgert sich Tarquini weiter und erinnert den «Spiegel»-Kolumnisten daran, dass die deutsche Wiedervereinigung von Europa finanziert wurde, wobei etliche Länder finanziell ruiniert wurden und sich Deutschland auch nach dem zweiten Weltkrieg nur Dank der Hilfe der USA und Grossbritanniens erholen konnte. Wenn jemand schon von Nationalcharakter sprechen wolle, dann müsse auch die Rede von zu grosszügigen Amerikanern und Briten sein und auch von zu fleissigen Italienern, Spaniern und Türken, die bei Volkswagen und Mercedes am Fliessband gearbeitet hätten. Genauso wie von «unverbesserlichen Deutschen».

Vorurteile abbauen

Die italienisch-deutsche Feindschaft sorgt seit Jahren, nicht zuletzt im Fussball, immer wieder für Unmut – trotz etlicher Versöhnungsversuche. Wie etwa das 2010 lancierte Projekt des Goethe-Instituts (das offizielle Kulturinstitut der Bundesrepublik Deutschland) «Va bene? La Germania in italiano, Italien auf Deutsch.» Die zweijährige Initiative richte sich insbesondere an Journalisten, Karikaturisten und Kolumnisten der beiden Länder. «Vorurteile beeinträchtigen diese Liebesgeschichte, denn Stereotype und Verallgemeinerungen beherrschen das Meinungsbild der Zeitungen beider Länder», heisst es auf der Projekt-Homepage. Ziel sei es, Gemeinplätze abzubauen und stattdessen gegenseitige Neugier zu entfachen. «Wetten, dass sich das lohnt?»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.01.2012, 12:41 Uhr

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