Hintergrund

Fette Vorurteile

Dick und erfolgreich sein, das passt schlecht zusammen. Speziell bei Frauen. Zu viele Kilos kosten schnell mal einige Tausender Lohn – oder die Karriere.

Welche Figur hat der Erfolg? Die US-Schauspielerin Kirstie Alley macht ihr Gewicht, ihre Gewichtschwankungen und Diäten immer wieder zum öffentlichen Thema. So etwa 2005 in der Sitcom «Fat Actress», in der sie sich selbst spielte: ein Schauspielerin, die aus Liebeskummer stark an Gewicht zugenommen hat.

Welche Figur hat der Erfolg? Die US-Schauspielerin Kirstie Alley macht ihr Gewicht, ihre Gewichtschwankungen und Diäten immer wieder zum öffentlichen Thema. So etwa 2005 in der Sitcom «Fat Actress», in der sie sich selbst spielte: ein Schauspielerin, die aus Liebeskummer stark an Gewicht zugenommen hat.

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Die Vorstellungen von der idealen Führungskraft sind klar. Dynamisch, kompetent, gewinnend und schlank sollte sie sein, insbesondere wenn es sich um eine Frau handelt. Das zeigen verschiedene Studien, die in Sachen Gewicht ein hohes Diskriminierungspotential feststellen. Zu Deutsch: Wer zu viel auf die Waage bringt, dem traut man keine anspruchsvollen Tätigkeiten zu, muss mit geringerem Lohn Vorlieb nehmen und gilt als ungeeignet für Führungsaufgaben. (Lesen Sie auch: «Wie dick darf eine Führungskraft sein?»)

Dicken wird wenig zugetraut

Das Gewicht hat mit der direkten Eignung für einen Job in den meisten Fällen nicht viel zu tun. Dennoch spielt es bei der Rekrutierung eine grosse Rolle, wie das Experiment eines Tübinger Forschungsteams zeigt. Erfahrenen Personalleuten wurden Fotos von Männern und Frauen in weissen T-Shirts gezeigt, alle im Alter zwischen 40 und 50 Jahren. (Lesen Sie auch: «Wohin schauen Frauen bei einem Mann?»)

Jeweils zwei der abgebildeten Männer und Frauen waren übergewichtig, bei den Normalgewichtigen hatten vier einen Migrationshintergrund. Die Personaler mussten den verschiedenen Leuten zuerst Berufe zuordnen, dann mussten sie angeben, wen sie auf keinen Fall einstellen würden und schliesslich mussten sie sich für jene drei Personen entscheiden, die sie bei absolut gleicher Qualifikation in die engere Wahl ziehen würden. Das Resultat war eindeutig: Die übergewichtigen Frauen schnitten in allen Belangen am schlechtesten ab. Man traute ihnen keinen prestigeträchtigen Beruf zu (nur 2 Prozent gegenüber 43 Prozent bei den Normalgewichtigen) und gerade mal 6 Prozent wählten sie in die engere Auswahl für eine Abteilungsleitung. Die Chancen wurden sogar um einiges geringer eingeschätzt, als es in der Realität des deutschen Arbeitsmarktes der Fall ist.

Die gläserne Gewichtsdecke

Das ist bitter und bestätigt das Bild früherer Studien aus dem angelsächsischen Raum. Frauen und Männer werden beide aufgrund des Gewichts im Arbeitsleben benachteiligt, 16-mal häufiger war dies jedoch bei Frauen der Fall. Von einer weiteren gläsernen Decke spricht der Forscher Mark Roehling. Diese zeige sich darin, dass strengere Standards für das Aussehen von Frauen gelten. Er stellte fest, dass lediglich 5 Prozent der weiblichen CEOs in Amerika übergewichtig sind, im Vergleich zur Gesamtbevölkerung ein verschwindend kleiner Teil.

Gefordert und überfordert sind die Personalverantwortlichen, die sich offensichtlich mit der objektiven und unabhängigen Auswahl schwerer tun als ihnen lieb ist. Die Frauen dürfen nicht zu schön sein, sonst werden sie bereits bei der Vorselektion durch ihre Kolleginnen im HR aussortiert. Sie dürfen nicht zu dick sein, sonst trauen ihnen die Verantwortlichen keine Führungspositionen zu. Sie sollen auch nicht im gebärfähigen Alter sein und wenn möglich motiviert aber nicht überehrgeizig. Wen wunderts, dass die Auswahl nicht mehr riesig ist und immer wieder Forderungen laut werden, dass Bewerbungen ohne Bild und womöglich ohne Angabe des Geschlechts fairer seien. (Lesen Sie auch:«Bewerbungen ohne Bild»)

Aussehen wird immer wichtiger

Allerdings sind die Frauen für die rigiden Standards gegenüber ihrer Erscheinung selber mitverantwortlich. Kein anderer Faktor hat in gleichem Ausmass an Wichtigkeit gewonnen wie die äussere Erscheinung, konstatiert Sonja Bischoff, die eine regelmässige Studie zu deutschen Führungskräften herausgibt. 1986 gaben erst 6 Prozent der Befragten an, dass die äussere Erscheinung beim Karrierestart eine wichtige Rolle spielt. 2008 waren es bereits 32 Prozent insgesamt und 36 Prozent bei den Frauen.

Mit welcher Akribie an den Körpern gefeilt wird, ist erstaunlich. Bei Frauen über 40 nehmen die Fälle von Magersucht seit Jahren zu (Lesen Sie auch: «Desperate auf Diät»). Da gibt es kein Pardon. Die Fettrolle verkommt zum Makel, der für Disziplinlosigkeit steht und den es zu beseitigen gilt. Die ein oder andere Frau legt vor dem Antritt eines neuen Führungsjobs noch einen Zwischenaufenthalt in einer Fastenklinik ein, anstatt sich anderweitig zu erholen. Die Ideale aus Film und Fernsehen wirken in der Arbeitswelt gnadenlos nach. Wird bei Hollywoodstars akribisch jede Gewichtsschwankung beobachtet, so gilt das auch für Führungskräfte. (Lesen Sie auch: «Der Hunger der Schweizerinnen»)

Zu viel Fett gleich zu wenig Disziplin

Ob daran die Medien, die Frauen oder die Männer schuld sind? Sicher ist: Übergewicht wird immer mehr zum Problem von Unterschichten und sozial Benachteiligten stilisiert. Statistisch sauber belegt, für die Betroffenen aber fatal. Die verkürzte Interpretation: Wer sein Gewicht nicht im Griff hat, kann nicht diszipliniert und stark genug für einen Führungsjob sein. Diese Haltung wird auch in Online-Foren gnadenlos vertreten. Während rassistische Bemerkungen schnell getilgt werden, darf über Dicke gnadenlos hergezogen werden und manch einer fügt stolz an, er würde nie Übergewichtige einstellen.

Kein Wunder gehört der Gang zum Personal Trainer oder die Joggingrunde in den frühen Morgenstunden heute zum Standard-Repertoire, wenn die Vielbeschäftigten nach ihren sportlichen Präferenzen gefragt werden. Und die Wahrscheinlichkeit, dass ein CEO schon mal einen Marathon absolviert hat, dürfte bedeutend höher sein, als dass er einen BMI aufweist, der deutlich über der magischen 25 liegt. Je figurbewusster die Chefs, desto eher diskriminieren sie dicke Mitarbeitende.

Je dünner, desto besser bezahlt

Auch wenn die Zeit für vieles fehlt, die Investition in den eigenen Body zahlt sich aus. Auf über 20‘000 Dollar wurde der Lohnvorteil von sehr dünnen Frauen gegenüber normal- und übergewichtigen Zeitgenossinnen beziffert. «Gutes Aussehen steigert den wirtschaftlichen Erfolg und wirkt sich damit positiv auf die individuelle Lebenszufriedenheit aus», zu diesem Schluss kommt eine Studie, die Daten aus verschiedenen Ländern analysiert hat. So ist es wohl kein Zufall, dass sich unter den raren CEOs kaum eine Frau findet, die etwas mehr auf den Rippen hat.

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Erstellt: 18.09.2012, 14:41 Uhr

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