Finanzkrise stürzt Kinder in Armut

Laut einem Unicef-Bericht leben in den reichsten Ländern der Erde 76,5 Millionen Kinder in Armut – 2,6 Millionen mehr als noch vor ein paar Jahren. In manchen Ländern Europas ist die Lage besonders kritisch.

Anstieg der Kinderarmut: Ein Kind spielt in einem Armenviertel am Stadtrand von Madrid. (21. Oktober 2014)

Anstieg der Kinderarmut: Ein Kind spielt in einem Armenviertel am Stadtrand von Madrid. (21. Oktober 2014) Bild: Reuters

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Die Finanzkrise hat seit 2008 auch in Industrieländern zahlreiche Kinder in die Armut gestürzt. Laut einem Bericht des UNO-Kinderhilfswerks Unicef ist in 23 von 41 Industrieländern die Zahl der Kinder, die in Armut leben, angestiegen.

Rund 76,5 Millionen Kinder leben in den 41 reichsten Ländern der Erde in Armut, wie es in dem Bericht heisst, den Unicef in Genf und Rom vorstellte. Gegenüber dem Jahr 2008 ist deren Zahl um 2,6 Millionen angestiegen.

In 23 der 41 Länder sei der Anstieg der Kinderarmut direkt auf die Finanzkrise zurückzuführen, schreiben die Autoren. «Während der Krise sind Arme noch ärmer geworden», erläuterte Unicef-Experte Jeffrey O'Malley. Das treffe natürlich auch die Kinder.

Die Sparmassnahmen in verschiedenen Ländern hätten dazugeführt, dass weniger Sozialausgaben an Familien flössen, schreibt Unicef. Im Zusammenwirken mit Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung führte dies dazu, dass das mittlere Einkommen von Haushalten mit Kindern in fast der Hälfte der Industrieländer geschrumpft ist.

Griechische Familien seien in Bezug auf das mittlere Haushaltseinkommen etwa um 14 Jahre zurückgeworfen worden. Familien in Spanien, Irland und Luxemburg hätten rund 10 Jahre verloren.

Schlechte Ausbildungschancen

Die Krise traf die Kinder und Jugendlichen auch sonst hart. Die Zahl derer, die weder Ausbildung noch Studium absolvierten oder keiner Arbeit nachgingen, sei in mehreren Ländern angestiegen. In der Europäischen Union waren 7,5 Millionen junge Menschen in dieser misslichen Lage. Die Jugendarbeitslosigkeit stieg in 34 von 41 Ländern an.

Am stärksten stieg die Kinderarmut laut dem Unicef-Bericht in Island, Griechenland, Lettland, Kroatien, Irland, Litauen, Spanien, Luxemburg, Italien, Estland, Mexiko, Frankreich und Ungarn.

Kinder als Priorität ansehen

Das Kinderhilfswerk fordert von den Regierungen, Kinder und ihre Bedürfnisse nicht zu vergessen. «Wirtschaftswachstum und wirtschaftliche Stabilität allein genügen nicht, um Kinder zu schützen», mahnte Unicef-Experte O'Malley.

«Wohlhabende Länder sollten mit gutem Beispiel vorangehen und das Wohlergehen von Kindern zu einer der obersten Prioritäten machen.» Denn wer aufhöre, in die Kinder zu investieren, werde die Folgen in der Zukunft zu spüren bekommen, so der Experte.

Es gab allerdings auch Fortschritte zu verzeichnen: In 18 der Länder ging die Zahl der in Armut lebenden Kinder zurück, so auch in der Schweiz. Sie steht auf Rang 5 der Bestenliste - hinter Chile, Polen, Australien und der Slowakei, aber noch vor Norwegen, Südkorea, Finnland, der Türkei, Japan und Kanada. (ajk/sda)

Erstellt: 28.10.2014, 21:42 Uhr

Wie macht sich Kinderarmut in Industriestaaten bemerkbar?

Auch in Industrieländern bekommen Kinder die Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise zu spüren. Darauf macht das UNO-Kinderhilfswerk Unicef aufmerksam. Einige konkrete Beispiele aus Ländern, die besonders betroffen sind:

Griechenland: Volksschullehrer haben zuletzt einige Fälle von Kindern gemeldet, die Schwächeanfälle erlitten, weil sie nicht das Geld hatten, sich etwas in der Kantine zu kaufen. In vielen Schulen gibt es inzwischen eine leichte Mahlzeit während der Hauptpause. In vielen Regionen wurden auf Initiative der Städte und Kirchen sowie einiger Medien zum Start ins neue Schuljahr Schultaschen, Schreibgeräte und Bücher sowie Kleidung für Kinder gesammelt und verteilt.

Irland: Der Initiative End Child Poverty Coalition zufolge fehlt Familien und besonders Alleinerziehenden oft das Geld für Strom- und Gasrechnungen, warme Kleidung und sogar fürs Essen. Schätzungen zufolge lebt etwa jedes vierte Kind in einem Haushalt, in dem mindestens ein Elternteil arbeitslos ist. Fast die Hälfte der zum Teil sehr kinderreichen Familien lebt von Sozialleistungen oder geringen Einkommen.

Baltikum: In Lettland beträgt das Kindergeld derzeit 11,38 Euro monatlich pro Kind, in Estland gibt es 19 Euro pro Monat für das erste und zweite Kind. Diese Sätze sollen nach dem Willen der Regierungen im kommenden Jahr angehoben werden - in Estland sogar deutlich (auf 45 Euro). Problematisch ist in allen drei Ländern das unzureichende Angebot an Einrichtungen zur Kinderbetreuung und teils auch von Kinderärzten. (sda)

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