«Finstere Themen faszinieren mich»

Der Theaterregisseur Milo Rau braucht eine Art manische Beziehung zu einem Thema, um sich dafür zu begeistern. Alles andere langweilt ihn und strengt ihn furchtbar an, wie er seiner Cousine Simone erklärt.

«Schon das Beantworten von Mails fällt mir schwer, wenn ich in der Erarbeitung eines Themas stecke.» Regisseur Milo Rau und Cousine Simone Rau.

«Schon das Beantworten von Mails fällt mir schwer, wenn ich in der Erarbeitung eines Themas stecke.» Regisseur Milo Rau und Cousine Simone Rau. Bild: Florian Kalotay (13 Photo)

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Angenommen, unsere Grossmutter wäre noch am Leben: Wie würdest du ihr erklären, womit du dein Geld verdienst?
Ich würde der Einfachheit halber sagen: Ich bin Theaterregisseur. Aber ich arbeite nicht nur mit Schauspielern.

Das wäre alles?
Ich könnte noch anfügen: Ich bringe Texte auf die Bühne, die bereits existieren. Ich schreibe selbst Texte und inszeniere diese. Und ich lasse Personen auf der Bühne sich selber spielen, wie etwa bei den «Zürcher Prozessen» gegen die «Weltwoche». Aber das wäre wohl ein bisschen zu viel auf einmal für unsere Grossmutter. (lacht)

Am meisten würde sie wohl interessieren: Bist du glücklich mit dem, was du machst?
Ich glaube, es gibt wenige Menschen, die so glücklich sind mit ihrem Beruf und überhaupt mit ihrem Leben wie ich. Ich mache genau das, was ich machen will. Und wenn ich mal etwas mache, das ich nicht will, bereue ich es sofort und langweile mich dann sehr. Kürzlich habe ich für ein halbes Jahr eine Gastprofessur an der Universität Leipzig angenommen, das war beispielsweise ganz schlimm.

Wieso hast du sie dann angenommen? Wegen des Geldes?
Das Geld spielt natürlich immer eine Rolle. Aber in diesem Fall nahm ich den Auftrag an, weil ich es dem dortigen Leiter der Theaterwissenschaften schon lange versprochen hatte. Als es schliesslich so weit war, konnte ich nicht mehr absagen – obwohl ich schon da wusste: Die Sache wird mich langweilen.

Warum?
Es mag egoistisch klingen, aber weil sie mir nichts bringt, es ging vor allem um eine meiner alten Inszenierungen. Und wenn mir etwas nichts bringt, schaffe ich es auch nicht, mich dafür zu begeistern. Es langweilt mich dann nur und strengt mich furchtbar an. Nur wenn ich eine Art manische Beziehung zu einem Thema habe, kann ich mich dafür begeistern.

Klingt nach Obsession.
Genau so ist es. Das Thema muss mich interessieren. Ich muss alles darüber wissen wollen, dann packt es mich und lässt mich nicht mehr los. Alles andere wird dann sekundär, ja richtiggehend mühsam: Nur schon das Beantworten von Mails oder Telefonaten fällt mir schwer, wenn ich mitten in der Erarbeitung eines Themas drinstecke. Zurzeit bin ich mit dem Schnitt meines Films zu den «Moskauer Prozessen» beschäftigt. Auch wenn es schrecklich anstrengend ist: Ein langer Tag im Schnittraum macht mich total zufrieden.

Also die völlige Konzentration auf eine Sache.
Ja, genau. Auch deshalb möchte ich irgendwann ein Theater übernehmen.

Ein Theater?
Ein Theater. Lange konnte ich mir das nicht vorstellen, doch je älter ich werde, desto grösser wird mein Bedürfnis nach einem festen Ensemble, einer festen Struktur, wo alles reibungslos funktioniert. Im Moment muss ich mir bei jeder Produktion alles wieder neu mit Fördergeldern aufbauen. Sobald die Produktion fertig ist, sind auch die Förderung und der gesamte Apparat wieder weg.

Verdienst du eigentlich viel Geld mit dem, was du machst? Natürlich würde ich unvergleichbar mehr verdienen, wäre ich – sagen wir – Banker geworden. (lacht) Aber ich verdiene momentan genug, um mit meiner Familie gut davon leben zu können. Ich kann mich nicht beklagen.

Es sind vor allem Fördergelder, nehme ich an.
Ja, selbstverständlich. Private Gelder spielen im europäischen Theater schlichtweg keine Rolle. Wenn man am Anfang steht, mit 25, wenn einem Festivals, Jurys und Theater noch nicht vertrauen, grenzt Regiearbeit an Ausbeutung. Man verdient ganz einfach nichts. Später funktioniert es, und du verdienst ganz okay. Oder es funktioniert nicht, und du steigst aus. Das passiert den meisten.

Bei dir funktioniert es.
Ja. Obwohl ich mittlerweile einige Fördergelder nicht mehr kriege, weil gewisse Leute das Gefühl haben, ich bräuchte diese nicht mehr. Das stimmt natürlich nicht. Aber mein Betrieb wird tatsächlich immer professioneller. Mittlerweile hat meine Produktionsfirma IIPM einen Durchfluss von etwa 1,5 Millionen Euro pro Jahr. Darin enthalten sind drei Produktionsleiter, eine Buchhalterin, alle Gastspiele, alle Löhne, alle Flüge. Zu Beginn betrug das Volumen meiner Firma vielleicht 50'000 Euro.

Als du 2007 dein Institut gegründet hast, war vielen in unserer Familie nicht klar, was du damit willst. Es klang alles sehr theoretisch und abstrakt. Sechs Jahre später sagt jeder: Milo hat es geschafft. Wie erklärst du dir deinen Erfolg?
Er liegt wohl im Wesen des Theaterbetriebs begründet: Entweder man hat Erfolg, oder man wird übergangen. Dazwischen gibt es nichts. Bei meiner Freundin, einer Grafikerin, ist das anders: Grafiker können zwar reich werden, aber ausserhalb der Szene kennt sie niemand. Das System ist ein völlig anderes.

Was willst du damit sagen?
Im Theater und im Film läuft alles extrem über die Person, das Publikum – und die Medien. Vielleicht hat bei mir die Skurrilität des IIPM eine gewisse Rolle gespielt. Sicher aber sind es meine doch eher finsteren Themen und die von mir entwickelten Formate, die bei den Leuten auf Interesse stossen. Schauprozesse auf der Bühne etwa gab es vorher so nicht.

Man könnte vermuten, dass du mit Absicht Themen wählst, die dir eine grosse Einschaltquote garantieren. Wie viel Kalkül steckt dahinter?
Interessanterweise hatte ich bei allen meinen bisherigen Projekten zuerst Probleme. Bei «Hate Radio» sagte man mir zum Beispiel: Es gibt mindestens zehn Filme über den Genozid in Ruanda. Wieso sollte sich jemand dein Stück ansehen? Und doch hatten viele meiner Stücke am Ende Erfolg. Aber vergiss nicht: Ich habe insgesamt sicher fünfzig Performances, Filme und Stücke rausgebracht, doch wirklich bekannt sind nur etwa zehn. Es ist also nicht immer so, dass sich Leute für meine Arbeit interessieren.

Aber Fakt ist doch: Du wählst Reizthemen aus wie zum Beispiel den norwegischen Massenmörder Breivik. Dass seine Rede öffentlich verlesen wird, sorgte für riesige Diskussionen – und schon war dir die Aufmerksamkeit gewiss. Geht es dir um die Sache oder den Effekt?
Mir geht es um beides. Denn es ist schon so: Tabuisierte Themen interessieren mich mehr als Themen, die völlig unbestritten sind. Bei Breivik reizte es mich, dass ich mir für seine Rede immer wieder neue Häuser in immer neuen Städten suchen musste. Generell kann man wohl sagen: Ich brauche bis zu einem gewissen Grad die Spannung, ob ein Projekt klappt oder schiefgeht. Aber daneben geht es mir immer auch um die Sache, das ist völlig klar. Sonst würde ich nicht oft zuerst ein Jahr lang in die Recherche meiner Projekte investieren.

Du hast Breivik trotz Verfremdung eine Bühne für seine abstrusen Ideen gegeben. Darf Kunst alles?
Ich finde schon. Dazu kommt, dass der Vorwurf nur schon faktisch nicht stimmt: Breiviks Erklärung hatte schon lange vor meiner Inszenierung eine riesige Verbreitung im Internet. Jeder kann sie lesen. Mich interessierte es, die Rede als Ganzes auf die Bühne zu bringen, nicht nur in Auszügen, wie es die Medien machten. Durch die Verdichtung passierte etwas mit ihr. Sie veränderte sich – für Breivik zum Schlechten. Zum Teil fand das Publikum seine Rede recht langweilig.

Worin liegt für dich die Faszination der finsteren Themen?
Das ist eine verhängnisvolle Frage. Ich würde sagen: Ich kann nicht anders, als mich für sie zu interessieren. Warum? Es ist einfach so. Sie faszinieren mich. Die andere Variante wäre, mich für klassische Inszenierungen an einem Haus anstellen zu lassen. Dann würde man mich fragen: Willst du Schiller oder Shakespeare inszenieren? Doch das wäre kein humanes Leben für mich. (lacht) Ich muss mir die Themen selber aussuchen – und danach das Format oder das Medium, das ihnen gerecht wird.

Welche Rolle spielt dabei für dich die Öffentlichkeit?
Theater, und politisches Theater im Speziellen, ist eine öffentliche Arbeit, ein kollektives Abenteuer. Wenn man Theater ohne Öffentlichkeit macht, verliert es jeglichen Sinn. Angenommen, ich inszeniere die «Zürcher Prozesse» in einem geheimen Raum, ohne Publikum, ohne Kameras, dann existieren sie aus dem konstruktivistischen Gesichtspunkt heraus nicht. Sie erhalten keine Realität.

Welches war dein bisher schwierigstes Projekt? Und warum?
«Hate Radio» war vor allem aus menschlichen Gründen extrem schwierig. Es gab viele Umbesetzungen bei den Schauspielern. Zum Teil hatten sie Mühe damit, dass viele westliche Zuschauer automatisch davon ausgingen, sie seien Laienschauspieler, da sie ja allesamt schwarz und zudem Opfer des Genozids sind. Beides trifft zwar zu. Doch in erster Linie sind sie ausgebildete Schauspieler. Bei mir spielen sie «Hate Radio», bei einem anderen Regisseur Shakespeare.

Hast nicht du selbst zu Beginn stark betont, dass Überlebende des Genozids auf der Bühne stehen?
Es ist ja so, und es kam uns damals wichtig vor. Mit der Zeit rückte dann anderes in den Vordergrund. Auch weil ich merkte, dass vielen Schauspielern die Fixierung auf ihr Schicksal Mühe machte. Da half es auch nicht, dass ich sie absichtlich die Rolle der Täter habe spielen lassen. Man kann sich nicht ständig mit dem Genozid in Ruanda beschäftigen.

Welches Themas nimmst du dich als Nächstes an?
Mein nächstes Projekt heisst «The Civil Wars», es wird um Syrien, Zentralafrika, Kolumbien gehen – das genaue Format ist noch unklar. Und ab November mache ich zudem in den Sophiensälen in Berlin eine Talkshow. Jede Ausgabe der «Berliner Gespräche» behandelt ein bestimmtes Thema, so bei der ersten Ausgabe etwa Gerechtigkeit. Eingeladen sind Anwälte, die in Jugoslawien und Ruanda für die Täter plädiert haben. Vier Kameras zeichnen die Gespräche auf, später kommen sie ins Fernsehen. Bis jetzt sind drei Pilotsendungen geplant.

Apropos Kamera: Dein erster Spielfilm «Paranoia Express» war . . .
. . . kryptisch. (lacht)

Ich wollte sagen: ein Flop. Mein Vater, der den Film mitgesponsert hat, versteht ihn immer noch nicht.
Der Film war wirklich wirr. Das lag wohl auch an der Übungsanlage: Es handelte sich um eine Verfilmung eines Kapitels aus einem Buch von Thomas Pynchon, eine Art Agentengeschichte, transponiert in die Alpen. Viele Nachtdrehs, zum Teil auf dem Gletscher, Pistolengefechte und derart abstruses Zeugs. Aber immerhin war der Film billig. Er hat nur etwa 80 000 Franken gekostet.

Nach der Matura wollte ich Germanistik studieren, also ludst du – bereits Germanistikstudent – mich an die Uni ein. Von einem kurzen Vorlesungsbesuch abgesehen, verbrachten wir den Tag mit deinen Kommilitonen im Café. Ihr habt gescheit geredet und viel geraucht. Behagte dir die Diskussion schon immer mehr als Frontalunterricht?
Ich war nie ein Fan von Frontalunterricht – ausser, wenn ich selber Dozent bin. (lacht) Auch für meine Projekte gilt: Ich rede mit so vielen Leuten wie möglich, seien es die Schauspieler, der Bühnenbildner oder der Kameramann. Das bringt mich weiter.

Wolltest du von jeher Künstler werden?
Als Kind hatte ich drei Visionen: Ich wollte entweder Kriegsreporter, Philosoph oder Künstler werden. Ich dachte, ich wolle einer sein, der gewählt reden kann, mit Schauspielern arbeitet, Filme macht und Bücher herausgibt. Ein Intellektueller sozusagen. Oder dann einer, der in die Krisengebiete der Welt reist.

Das sind drei sehr spezielle Berufswünsche für ein Kind.
Ich wollte auch noch Saxofonspieler und Zugführer werden, aber das war davor. Vielleicht hatte ich die drei Visionen als Teenager. Inzwischen übe ich einen Beruf aus, der irgendwie alle drei Berufswünsche vereinigt, schliesslich reise ich auch sehr viel. Darauf basiert wohl meine Zufriedenheit.

Du warst sowieso ein komisches Kind. Ich hab Astrid Lindgren oder Enid Blyton gelesen, du aber Lenin und Trotzki. Hast du das verstanden, oder wolltest du einfach cool sein?
Erstaunlicherweise habe ich recht viel verstanden. Obwohl es meine erste Begegnung mit Philosophie war. Es waren aber auch ihre einfacheren Werke.

Was dachtest du von uns, die Jugendliteratur lasen oder – nichts?
Ich habe mir das nie überlegt. Es war ja nicht so, dass nur ihr keine solchen Dinge gelesen habt. Auch der Grossteil meiner Freunde interessierte sich nicht dafür. Es war mir immer klar, dass ich ein komisches Hobby pflege, und ich erwartete erst gar nicht, dass sich jemand dafür erwärmen kann. Ehrlich gesagt, hätte es mich wohl auch enttäuscht.

Wer von der Familie hat dich am meisten geprägt?
Es war wohl Dino Larese, mein Grossvater mütterlicherseits, mit dem du nicht verwandt bist. Er war Lehrer und Autor von Märchen, Sagen, Jugendbüchern, autobiografischen Schriften und Theaterstücken. Ein extrem charismatischer Mann, für den alles Praktische nichts und alles Geistige alles war. Er kannte alle wichtigen Leute wie Thomas Mann, Martin Heidegger, Eugène Ionesco persönlich, und es war mir immer klar: Das sind die Coolen. Ich muss sein wie sie. (lacht)

Dein Grossvater wäre sicher stolz auf dich. Du auf dich auch?
Es ist mir unangenehm, wenn andere, etwa meine Mutter, auf meinen Erfolg hinweisen. Aber natürlich freut er mich – auch wenn er weder Reichtum noch Groupies zur Folge hat. Zweiteres wäre angesichts meiner Familie sowieso nicht sehr angebracht. Aber diesen Respekt zu erfahren, ist auf jeden Fall schön.

Zweifelst du manchmal?
Nein, ich zweifle überhaupt nicht. Oder ich zweifle permanent. So wie vermutlich jeder.

Erstellt: 30.07.2013, 08:46 Uhr

Familienduo

Der Regisseur und Autor Milo Rau (36) studierte Germanistik, Romanistik und Soziologie in Zürich, Berlin und Paris. Im Jahr 2007 gründete er für die Produktion und Verwertung seiner künstlerischen Arbeiten das International Institute of Political Murder (IIPM). Seine Theaterprojekte konzentrieren sich auf zentrale historische und gesellschaftspolitische Ereignisse – so etwa «Die letzten Tage der Ceausescus» oder «Hate Radio» über den Genozid in Ruanda.

Die bisherigen Produktionen des IIPM stiessen international auf grosse Resonanz. Sie stehen für eine neue, dokumentarisch und ästhetisch verdichtete Form politischer Kunst. Rau wohnt mit seiner Freundin und den zwei gemeinsamen Töchtern in Köln, wo auch das Gespräch stattfand. Seine Cousine Simone Rau (34) studierte Germanistik, Filmwissenschaften und Publizistik in Zürich. Seit 2009 arbeitet sie beim «Tages-Anzeiger», erst als Volontärin, dann als Inlandredaktorin und seit Anfang Juli als Reporterin. (TA)

Und Du? Zurückgefragt

Du hast als Kind viel gelesen und geschrieben – wie ich. Wolltest du immer schon Journalistin werden?
Schreiben und Lesen waren immer sehr präsent für mich. Aber wenn, dann wollte ich als Kind Schriftstellerin werden – nicht Journalistin. Ich dachte, das sei ein schöner Beruf, und fing sogar mal an, einen Roman zu schreiben. Doch die Figuren ergaben überhaupt keinen Sinn, also habe ich den Plan sehr rasch wieder verworfen. (lacht) Mein zweiter Berufswunsch war Zirkusdirektorin. Auch das habe ich nicht geschafft.

Hat dein Beruf wenigstens Ansätze einer Zirkusdirektorin?
Nicht wirklich. Ausser dass ich als Journalistin genau wie in einem Zirkus kreativ sein kann und die Leser mit meinen Texten unterhalten will. Auch das Programm stelle ich mir weitgehend selber zusammen: Als Reporterin habe ich beim «Tages-Anzeiger» das Privileg, mir die meisten Themen selbst auswählen zu können. Davon abgesehen: Ich bin, um beim Bild zu bleiben, gewöhnliche Artistin – nicht Direktorin. Da hat man, was die Zeitung als Ganzes angeht, nicht viel zu melden. Was wann wie ins Blatt kommt, bestimmen andere. Zudem hoffe ich, dass ich als Journalistin nicht nur unterhalte, sondern vor allem informiere, analysiere, hinterfrage.

Wie gehst du damit um, dass du nur beschränkt Zeit und Platz für deine Artikel zur Verfügung hast?
Es ist einfach so. Ich arbeite bei einer Tageszeitung, also ist es das Ziel, mehrmals pro Woche einen Artikel zu schreiben und diesen in die dafür vorgesehene Form zu passen. Mehr Zeit und Platz gibt es nicht, ob man will oder nicht. Was absolut klingt, ist in der Praxis verhandelbar: Bin ich an einer guten Geschichte dran, die mehr Zeit braucht, bekomme ich diese. Umso mehr als ich als Reporterin hauptsächlich für die Geschichten der zweiten Geschwindigkeit zuständig bin.

Und der beschränkte Platz?
Der Platz ist bis zu einem bestimmten Grad ebenfalls verhandelbar. Aber auch hier gilt: Man kann nicht plötzlich vier Seiten füllen, nur weil man persönlich das Gefühl hat, das Thema gebe so viel her. Eine Seite ist, von seltenen Ausnahmen abgesehen, das Maximum.

Ist das nicht nervig?
Manchmal schon. Handkehrum lassen sich viele Geschichten auch auf weniger Platz gut erzählen. Es muss nicht immer ein langer Riemen sein. Und bekanntlich sind wir eine Tageszeitung, kein Magazin. Man gewöhnt sich an die beschränkte Zeit und den beschränkten Raum. Als ich meinen allerersten Kommentar schrieb, war er in der ersten Version dreimal zu lang. Ich dachte: Wie schaffe ich es jemals, diesen Text so zu kürzen, dass ich doch noch einigermassen gescheit argumentiere? Am nächsten Tag war er im Blatt. Es geht immer irgendwie.

Angenommen, du dürftest nicht mehr schreiben, auch nicht Fernsehjournalistin oder Zirkusdirektorin werden: Was würdest du beruflich machen?
Dann wäre ich am liebsten Neurologin oder Psychiaterin. Das Hirn und die Psyche des Menschen, überhaupt den Menschen und wie er tickt, finde ich extrem faszinierend. Weit gekommen wäre ich im Medizinstudium allerdings nicht, in Chemie und Physik war ich nie gut. In Biologie war es etwas besser.

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