Hintergrund

«Keine Lust, dick zu werden»

Der Fitnesskult hat längst die Männerwelt erreicht. Neuerdings beginnen aber vor allem junge Männer schon sehr früh, ihren Körper zu trimmen.

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Schönheits- und Schlankheitsdiktate, denen sich lange Zeit einzig die Frauen unterwerfen mussten, haben längst die Männerwelt erreicht. Männer haben nicht mehr nur erfolgreich zu sein, sondern müssen auch gut aussehen. Und dazu gehört ein durchtrainierter Körper. Massgeblich an diesem mittlerweile gängigen Schönheitsideal beteiligt ist nicht zuletzt die Werbebranche, die uns seit Jahren perfekt gestählte Männerkörper präsentiert. Man erinnere sich an Marcus Schenkenberg oder Mark Wahlberg, die Anfang der 90er-Jahre halbnackt für Calvin Klein in Unterhosen von überdimensionalen Plakatwänden lächelten – oder jüngstes Beispiel: David Beckham, der aktuell für den schwedischen Modekonzern H&M die von ihm entworfene Unterwäschekollektion «David Beckham Bodywear» bewirbt.

Muskulöser und dünner

Mit Schenkenberg und Wahlberg wurde ein neuer Massstab in Sachen Attraktivität gesetzt: Models, aber auch Schauspieler, die Karriere machen wollten, mussten sich fortan in erster Linie einen makellosen, muskulösen Körper antrainieren. Und mit Fitness- und Lifestylemagazinen wie etwa «GQ» oder «Men's Health», die Mitte der Neunziger erstmals auch im deutschen Sprachraum erschienen – vollgepackt mit Fitness- und Diättipps für das starke Geschlecht –, erreichte der Körperkult die breite Masse. Gleichzeitig stieg auch die Anzahl Männer, die mit ihrem Körper nicht mehr zufrieden waren. Laut US-Psychiatrieprofessor und Autor («Der Adonis-Komplex») Harrison G. Pope hat das durch die Medien vermittelte Bild des männlichen Körperideals – «das zunehmend muskulöser, aber insgesamt dünner geworden ist» – dazu beigetragen, dass mehr und mehr Männer in den westlichen Industrienationen mit ihrer äusseren Erscheinung unglücklich sind.

Der perfekte Körper ist schon bei Teenagern ein Thema

Neu ist aber, dass sich der Fitnesskult immer häufiger bei ganz jungen Männern, die oftmals noch nicht vollständig ausgewachsen sind, ausbreitet. Kalorienzählen, fettarme Ernährung und ein regelmässiges Fitnesstraining gehören bei vielen Teenagern zum Alltag. Mirko ist 16 Jahre alt und schmächtig gebaut, sein «Hühnerbrüstchen» nervte ihn schon lange, «vor allem im Sommer». Also entschied er sich vor rund einem Jahr zusammen mit zwei Freunden, die nicht vorhandene Muskelmasse anzutrainieren. Leider mit mässigem Erfolg. Darum hat er Anfang Jahr begonnen, zusätzlich spezielle, «sauteure» Proteinpräparate, die er im Fitnessstudio kauft, einzunehmen.

Auch der 15-jährige Tim trainiert seit etwa einem halben Jahr an zwei bis drei Abenden pro Woche mit Hanteln, joggt regelmässig, fährt Velo und achtet auf eine ausgewogene, gesunde Ernährung – «nicht zu viel Süsses». Während sieben Jahren spielte er Fussball und als er letztes Jahr damit aufhörte, hatte er «keine Lust, dick zu werden». Ein strammer Körper ist ihm wichtig, nicht zuletzt wegen der Mädchen, die mit ihren Bemerkungen und Ansprüchen einen «grossen Einfluss» auf das Körperbewusstsein von jungen Männern hätten.

Mythos Sixpack

Informationen zur Körperstählung holen sich die Jungen selten bei einem Personal Trainer, wahrscheinlich vor allem aus Kostengründen. Wer aber über ein festes Einkommen verfügt, gönnt sich das massgeschneiderte Fitnessprogramm. Dave Dollé, ehemaliger Schweizer Leichtathlet und seit mehreren Jahren Inhaber eines Zürich, bietet ausschliesslich auf den Kunden abgestimmte Programme an. Die Nachfrage nach einem persönlichen Fitnessbegleiter sei in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen, wobei der typische Kunde rund 30 Jahre alt sei. «Das ästhetische Bewusstsein geht immer mehr in Richtung ‹fit und sexy›» und sei laut Dollé auch respektierter als nur «massig oder dünn». Junge Männer wollen «nicht nur gesund, sondern auch fit aussehen».

Orientiert man sich an den verschiedenen Fitness- und Männermagazinen auf dem Markt, scheint vor allem der aufwendig antrainierte Waschbrettbauch nach wie vor wichtigstes männliches Schönheitsattribut zu sein. Ein Schönheitsdiktat, dem sich regelmässig auch Hollywoodstars unterwerfen. So sorgte der kanadische Schauspieler Ryan Gosling unlängst in «Crazy, Stupid, Love» vor allem mit seinem perfekt gestählten Körper für Furore, nicht mit seinem Schauspieltalent. Bezeichnend ist die Szene, in der sich der Frauenheld vor seiner jüngsten Eroberung (Emma Stone) auszieht und diese ihm beim Anblick seines Sixpacks vorwirft, er sehe «photoshopped» aus.

Nun ist ebendieses meist nur mit einem aussergewöhnlichen Trainingsaufwand und oftmals auch mit einer radikalen Diät zu erreichen. «Wer also ein Sixpack hat, beweist schon mal, dass er den Willen hat, hart zu arbeiten, und dies erzeugt im Umfeld meist Aufmerksamkeit und Anerkennung», so Dollé. Doch genau hier liegt die Gefahr. Denn das Sixpack «ist eben kein Gradmesser», sagt der Arzt und Autor Rolf-Dieter Hesch («Absolut Mann – fit bleiben und gut aussehen»), «denn er ist für die Mehrheit der gut trainierten und fitten Männer nicht alltagstauglich zu erreichen». Leider seien es oft genau Schauspieler oder Models, die damit einen krankhaften Fitnesswahn auslösen können. «Und auch die Fotos in Bodybuilding- oder sogenannten Fitnessmagazinen sind katastrophale Vorbilder, da die gezeigten Muskeln durch Anabolika und nicht durch natürliches Training entstanden sind», so Hesch.

Wenn der Körperkult zum Körperwahn wird

Gefährlich werde es nur, wenn ein Mann dem Adoniskomplex, (wie der übertriebene Schönheitswahn und Körperkult bei Männern seit dem Bestseller von Harrison G. Pope definiert wird), verfällt. Dann also, wenn der Mann nicht mehr «alltagstauglich ist, für Familie, gesundes Essen, Ausgehen, Freunde und freien Lebensstil», so Hesch, «sondern, dem ‹Wahn› zu viel opfert und sich einschränkt mit seinen Lebensgewohnheiten». Mirko bewegt sich laut eigener Einschätzung schon ziemlich Nahe an dieser Grenze, er sei sich schon bewusst, dass sein Fitnessverhalten «teilweise krass» sei und er mittlerweile lieber auf einen Abend mit Freunden statt auf sein Training im Studio verzichtet. Und sein kontrolliertes Essverhalten (Trennkost, kein Zucker, wenig Fett) nerve seine Mutter immer mehr. «Sie findet, es werde immer komplizierter, für mich zu kochen».

Doch wo genau verschwimmt die Grenze zwischen gesundem Fitnessbewusstsein und krankhaftem Körperwahn? Denn fest steht, dass auch die Zahl essgestörter Männer in den letzten Jahren zugenommen hat. Heidelinde Krenn hat vor einigen Jahren eine Dissertation zum Thema «Essstörungen bei Männern» – ein noch weitgehend unerforschtes Thema – verfasst. Sie hat festgestellt, dass im Unterschied zu Mädchen oder jungen Frauen ein besonders niedriges Körpergewicht nicht das primäre Ziel der Diätversuche bei jungen Männern ist: «Im Vordergrund steht eher das Aufbauen oder Definieren von Muskelmasse beziehungsweise von bestimmten Muskelgruppen.» Somit spielt sportliche Betätigung im Zusammenhang mit Essstörungen bei Männern eine zentrale Rolle.

Dennoch ist es für Rolf-Dieter Hesch, der sich der Entwicklung der Anti-Aging-Medizin für Männer verschrieben hat und selber seit 35 Jahren auf einen gesunden und fitten Körper achtet, eine «erfreuliche Tatsache, dass sich immer mehr junge, aber auch ältere Männer um einen straffen, muskulösen Körper mit wenig Körperfett bemühen». Mirko wird sein Training in den nächsten Wochen auf jeden Fall intensivieren, denn die Badesaison steht an. Und auch Tim will auf den Sommer vorbereitet sein, denn spätestens dann «kann man sich nicht mehr unter mehreren Kleiderschichten verstecken». (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.03.2012, 12:03 Uhr

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– Liposuktion (Fettabsaugung)
– Rhinoplastik (Nasenkorrektur)
– Blepharoplastik (Augenlidstraffung)
– Gynäkomastie (Brustkorrektur bei übermässiger Brustbildung)
– Haartransplantationen

Quelle: Prevention-center.com

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