Pädophilie

Flirt mit der Grenze

Pädophilie war zu fast allen Zeiten geächtet. Trotzdem blieb sie durch die Jahrhunderte ein wiederkehrendes Motiv in Kunst und Literatur – und eine Quelle vieler Missverständnisse.

Natürliche Unschuld der Kinder als Lieblingsmotiv: Maler Balthus 1995, im Alter von 87 Jahren, mit seinem Lieblingsmodell, der elfjährigen Anna. Foto: Bruno Barbey (Magnum)

Natürliche Unschuld der Kinder als Lieblingsmotiv: Maler Balthus 1995, im Alter von 87 Jahren, mit seinem Lieblingsmodell, der elfjährigen Anna. Foto: Bruno Barbey (Magnum)

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Peinlich war es Thomas Mann noch fast vierzig Jahre später. Der «Tod in Venedig» war längst erschienen und von der Kritik gnädig aufgenommen worden. Die Novelle – der alternde Schriftsteller Gustav von Aschenbach verliebt sich auf einer Reise nach Venedig in einen Jüngling und wird schliesslich von der Cholera dahingerafft – war damals gewagt. Doch es war nicht so sehr die homosexuelle Gefühlsaufwallung, die Thomas Mann noch Jahrzehnte später nachts um den Schlaf brachte, oder die Befürchtung, man könnte von Aschenbach allenfalls auf ihn schliessen. Es war die Angst vor einem grundsätzlichen Missverständnis: «Pervers?», schrieb er dazu in einem niemals abgeschickten Brief. «Die Verfallenheit Aschenbachs an den Knaben Tadzio ist mit diesem recht pfuscherischen Wort nicht abzutun, denn sie ist nicht ordinäres Begehren, sondern Berauschtheit durch das Schöne.»

Eine moralische Debatte

Heute würde man diese Art der Motivation noch weit weniger verstehen. Es gibt kaum eine schärfer gezogene moralische Grenze als die zur Pädophilie. Oder zu dem, was in der Öffentlichkeit unter diesem Begriff verhandelt wird. Allein der Verdacht, jemand könnte entsprechend veranlagt sein, kann eine Karriere zerstören. Selbst in der Kunst, die den Tabubruch routiniert pflegt, scheut man vor einer Pädophiliedebatte zurück.

Im Februar sagte das renommierte Museum Folkwang in Essen aus diesem Grund eine lange geplante Balthus-Ausstellung ab. Die Polaroidbilder frühreifer Mädchen, die der greise Maler in den Achtziger- und Neunzigerjahren als Skizzen für künftige Gemälde gemacht hatte, sorgten schon im Vorfeld für Diskussionen, ob es sich nicht um Kinderpornografie handle. Man habe den Entscheid aus Furcht vor «ungewollten juristischen Konsequenzen» getroffen, erklärte Museumschef Tobia Bezzola, und weil man keinen Skandalerfolg gesucht habe. «Die Grenze des Zeigbaren», sagt auch Urs Stahel, Kurator des Fotomuseums Winterthur, «liegt heute bei Bildern, die als pädophil aufgefasst werden könnten.»

Pädophilie bezeichnet laut der forensischen Psychologin Monika Egli-Alge eine «sexuelle Präferenzstörung», die allein aber noch nichts aussagt über das tatsächliche sexuelle Verhalten der Betroffenen. Umgekehrt ist nicht unbedingt pädophil veranlagt, wer sich sexuell an Kindern vergreift. Laut einer Studie aus dem Jahre 2011 sind homosexuelle Männer unter den Pädophilen im Vergleich zum Durchschnitt der Bevölkerung übervertreten. Über pädophile Frauen sei wissenschaftlich fast nichts bekannt, sagt Egli-Alge, was nicht bedeute, dass es keine pädophilen Frauen gebe. Offenbar würden sie aber seltener straffällig.

In der moralischen Diskussion um Pädophilie geht es um die Fragen, wie die Gesellschaft mit ihren Kindern umgeht und wie Kindheit definiert wird. Das war nicht zu allen Zeiten gleich, was auch heute noch zu Missverständnissen führt. Ein Beispiel: Als Gerold Becker, Leiter der deutschen Odenwald-Schule, 2010 mit Vorwürfen konfrontiert wurde, Erzieher hätten sich an seinem Institut jahrelang an Schülern vergriffen, schwang sich der Schweizer Literat Adolf Muschg zur Verteidigung des bekannten Reformpädagogen auf.

Der Eros sei immer eine Grenzüberschreitung und moralische Haltungen, wie jene zur Homosexualität, seien gesellschaftlichen Veränderungen unterworfen, sagte Muschg. In der öffentlichen Empörung sah er ein «Hexengericht», unter Verweis auf die alten Griechen schloss er mit den Worten: «Wir haben es viel mehr mit einer kulturellen als mit einer moralischen Frage zu tun.»

Ähnlich wie Thomas Mann berief sich auch Adolf Muschg auf die Antike, um päderastische Leidenschaften zu rechtfertigen. Doch während Mann seinen Helden die Grenzen der bürgerlichen Moral einhalten lässt, versucht Muschg diese mit Verweis auf die Antike zu relativieren. Tatsächlich hat er damit ein schlechtes Beispiel gewählt.

Laut Altertums­forscher Christian Marek war die Päderastie oder Knabenliebe wohl zwischen 800 und 323 vor Christus im antiken Griechenland weit verbreitet, ja ein fester Bestandteil im Gemeinschaftsleben der bürgerlichen Eliten. Dabei vermittelte ein älterer Erzieher einem jüngeren Geliebten eine höhere Bildung und zentrale Werte, etwa das Bewusstsein, Teil einer elitären Männergesellschaft zu sein.

Schon damals war die sexuelle Komponente dieser Beziehung aber umstritten. Der Philosoph Platon beschwor in «Das Gastmahl» («Symposion») den pädagogischen Eros und beschrieb gleichzeitig auch dessen ausbeuterische Dimension. Phaidros erläutert seinem Gesprächspartner Sokrates, wie das Erzwungene an einer solchen Beziehung dem Jüngeren lästig sei, und schildert den «äussersten Widerwillen» beim Anblick des älteren Mannes.

Auch wenn damals offiziell weniger der Altersunterschied zwischen dem Liebhaber und dem Liebesobjekt anstössig war als die homosexuellen Praktiken, ist klar, dass der Brauch einer erotisch inspirierten Pädagogik oft ein Missbrauch war.

Romantische Projektionen

Die Unterscheidung zwischen Empfinden und Handeln wird in der öffentlichen Diskussion oft nicht gemacht, aber gerade sie ist wesentlich. Die Tradition der griechischen Päderastie blieb im Abendland einmalig. Im Römischen Reich war die Knabenliebe verpönt, in der jüdischen Kultur ausdrücklich verboten, und mit dem aufkommenden Christentum wurde die Sexualität streng auf die Ehe beschränkt. Den Christen ging es allerdings nicht um den Schutz der Kinder, sondern um das Seelenheil der Sünder.

Dies änderte sich erst, als die bürgerliche Gesellschaft ab dem 18. Jahrhundert die Kindheit als ein eigenes Entwicklungsstadium entdeckte. Im Mittelalter noch hatten Kinder als unvollständige Menschen und leichte Beute für den Teufel gegolten. In der Romantik erhielten die Kinder für die bürgerliche Kernfamilie einen höheren Stellenwert. Erwachsene entdeckten die Kindheit gewissermassen als nostalgische Projektionsfläche, als Zeit, in der alles unkomplizierter war.

Maler und Bildhauer fanden in der natürlichen Unschuld der Kinder ein neues Lieblingsmotiv. Sie widmeten sich ihr mit einem Enthusiasmus, der heute gemischte Gefühle weckt. Auch deshalb, weil die Figur des Künstlers in dieser Zeit ebenfalls neu erfunden wurde: als einer, der sich der gutbürgerlichen Ordnung entzieht und einen moralischen Sonderstatus beansprucht. Dabei lud oftmals gerade das Motiv der kindlichen Unschuld die Darstellungen sexuell auf.

Sucht man in der bildenden Kunst nach dem pädophilen Blick des Künstlers, wird man überall fündig. Von der Renaissance bis in die Postmoderne malten und fotografierten Künstler nackte Kinder, oftmals in eindeutig lasziven Posen.

Caravaggio malte im 16. Jahrhundert aufreizend sinnliche Lustknaben. Lewis Caroll schrieb im 19. Jahrhundert mit «Alice im Wunderland» nicht nur eines der bekanntesten Kinderbücher. Er war auch ein begeisterter Fotograf, der am liebsten die real existierende Alice in lasziven Posen abbildete. Und im 20. Jahrhundert fertigte der französisch-polnische Maler Balthus von seinem Lieblingsmodell Anna Tausende von provokativen Fotos an.

Was Freud bewusst machte

Nicht selten erscheinen Darstellungen von Kindern so sexualisiert, dass Aussteller und Museen in der Regel darauf verzichten, diese Bilder öffentlich zu zeigen. Die Frage bleibt, warum die Öffentlichkeit vor hundert Jahren weit mehr Anstoss an den expressionistischen Ausdrucksformen der «Brücke»-Maler nahm als an ihren Motiven: halb nackten Mädchen in lasziven Posen. Und warum in einer Gesellschaft, die sich punkto Sexualmoral so entspannt gibt wie die unsrige, ein Roman wie Thomas Manns «Tod in Venedig» womöglich das Ende seiner internationalen Karriere bedeuten würde.

Eine mögliche Antwort darauf gibt die amerikanische Kunstgeschichtsprofessorin Anne Higonnet. In ihrem Buch «Pictures of Innocence» befasst sie sich ausführlich mit der Darstellung der Kindheit seit der Romantik. Und stellt fest, dass sich das Bild der Kindheit im 20. Jahrhundert abermals geändert hat – dank Sigmund Freud. Er machte bewusst, wie prägend die Erfahrungen der Kindheit für die spätere Psyche sind. Und er etablierte die Vorstellung einer kindlichen Sexualität, zwar nur latent, aber dennoch wirksam. In der Folge begann man Kinder als Wesen mit einer eigenen Gefühls- und Wertewelt zu begreifen und die Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen als Kontinuum. Damit verwischten sich auch die Grenzen zwischen kindlicher und erwachsener Natur und Sexualität.

Genau das hat Vladimir Nabokov in seinem Roman «Lolita» 1955 thematisiert – nicht umsonst gilt er als ein literarisches Meisterwerk des 20. Jahrhunderts. In den Siebzigerjahren postulierten schliesslich linke und grüne Aktivisten, gleichwertige sexuelle Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern seien möglich. Die gleichzeitig von der Frauenbewegung angestossene Missbrauchsdiskussion verhinderte zwar die Durchsetzung dieser Idee. Dennoch gab es in Deutschland ernsthafte Bestrebungen unter den Grünen, Sex mit Kindern zu legalisieren.

Anne Higonnet bezeichnet diese neue Vorstellung als «Bild vom wissenden Kind», das vielleicht nicht nur unschuldig empfindet. Dies mag der Grund sein, warum die Gesellschaft heute so sensibel auf Bilder reagiert, die als pädophil gedeutet werden könnten – aus Angst, dass die Empfindungen von Erwachsenen wie Kindern vielleicht eben tatsächlich nicht so klar sind, wie wir es uns wünschen.

Die amerikanische Professorin plädiert deshalb dafür, die Grenzen des Zulässigen juristisch möglichst genau zu definieren und Übertretungen zu ahnden. Was hingegen die Definition von Bildern und Empfindungen angeht, so bleibt es letztlich der Einschätzung des Betroffenen vorbehalten, ob er einen «Rausch durch das Schöne» empfindet oder doch nur ordinäres Begehren.

Erstellt: 24.04.2014, 06:42 Uhr

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