«Frauen lenken uns von der Arbeit ab»

Am Zürichsee trifft sich eine von 85 Schweizer Freimaurer-Logen. Alt-Stuhlmeister Matthias Gmünder erklärt den Geheimbund.

Tenü schwarz ist Pflicht für rituelle Arbeiten: Alt-Stuhlmeister Matthias Gmünder. Foto: Manuela Matt

Tenü schwarz ist Pflicht für rituelle Arbeiten: Alt-Stuhlmeister Matthias Gmünder. Foto: Manuela Matt

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In schwarzen Gewändern erscheinen Sie zum Tempeltreffen Ihrer Bruderschaft. Arbeiten Sie während Ihrer Rituale auch mit schwarzen Katzen und Hähnen?
Nein, die Freimaurerei hat nichts mit Aberglaube zu tun. Unsere Rituale enthalten weder schwarze Magie noch Satanismus, sondern basieren vielmehr auf Lebensweisheiten aus 3000 Jahren Menschheitsgeschichte, zum Beispiel von Zarathustra und aus der Kabbala. Die Zeremonien gründen auf Symbolen und gleichen einer Theateraufführung. Das Ritual wird in Hochdeutsch in Dialogform vorgetragen und mit klassischer Musik umrahmt.

Freimaurer suchen also nicht den Stein der Weisen oder betreiben Alchemie?
Die Zeremonien sollen ein ethisches Verhalten und die Spiritualität fördern. Mit einer Religion hat Freimaurerei nichts zu tun, obwohl wir an eine höhere Macht, an einen Schöpfergeist glauben. Wenn wir ein Trauerritual abhalten und der verstorbenen Brüder gedenken, zünden wir Kerzen an und würdigen die unsterbliche Seele: Alles Leben zerfällt im Staub der Erde. Das Einzige, was bleibt und lebt, ist das Wahre und das Gute. Dann löschen wir die Kerzen, sind im Dunkel und kehren zurück ins Leben.

Für die katholische Kirche bedeutete Freimaurerei nichts anderes als Satanismus. Gibt es unterdessen auch Katholiken in Ihrer Loge?
Unsere Loge ist für alle Religionen offen, ob Christen, Juden oder Muslime. Die meisten Freimaurer sind wohl Agnostiker und halten die Existenz Gottes für möglich, aber unerheblich für unser Dasein. Atheisten sind kaum bei uns zu finden. Katholiken hingegen schon, obwohl die katholische Kirche die Freimaurer lange Zeit in der Tat als Ketzer verteufelte und sie heute noch als schwere Sünder betrachtet.

Ist es eine Ironie des Schicksals, dass sowohl die katholische Kirche als auch die Freimaurer Frauen ausschliessen?
Dass die katholische Kirche Frauen vom Priesteramt ausschliesst, hat dogmatische Gründe. Wir hingegen wollen erotische Verhältnisse verhindern, weil uns Frauen aufgrund der Sexualität von der Arbeit ablenken. Wir haben nichts gegen Frauen, fühlen uns aber bei unseren Zusammenkünften wohler ohne das weibliche Geschlecht. Wir schätzen es, dass wir Männer unter uns sein können. Abgesehen davon gibt es unterdessen auch Logen nur für Frauen.

Eine weitere Parallele zwischen Katholiken und Freimaurern besteht darin, dass Rituale wichtig sind. Wieso sind diese bei Ihnen geheim?
Das hat mit der Geschichte zu tun: Geheimhaltung war existenziell, um überleben zu können. Herrscher und Diktatoren fürchteten im 18. Jahrhundert die Freimaurer, weil diese für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit einstanden. Die Mächtigen verdächtigten die Freimaurer, Umsturz und Revolutionen anzuzetteln. Im 19. Jahrhundert ging die Verfolgung weiter, als man Juden und Freimaurer gemeinsam der Weltverschwörung bezichtigte. Hitler hat im 20. Jahrhundert Freimaurer ins KZ gesteckt. Um sich gegen Verfolgung und Gesinnungsterror zu schützen, hielt man dicht.

Heutzutage werden Freimaurer nicht mehr verfolgt. Aber um die Rituale wird immer noch ein grosses Geheimnis gemacht.
Aus der Geheimhaltung wurde eine Tradition. Hinzu kommt, dass die Texte jahrhundertealt, einige Begriffe heutzutage ohne weiteres Wissen um deren Entstehung und ursprüngliche Bedeutung missverständlich und erklärungsbedürftig sind. Zudem geht jedem Grad ein besonderes Aufnahmeritual voraus, das mit kleineren Überraschungseffekten arbeitet, die natürlich möglichst auch überraschend bleiben sollen.

Wie wird aus einem Lehrling ein Geselle, aus diesem ein Meister?
In erster Linie braucht es Reife, Wissen und Erfahrung, um aufzusteigen. Der Lehrling übt sich in Selbsterkenntnis. Der Geselle schult sich in Geduld und der Reflexion des eigenen Sozialverhaltens. Der Meister beschäftigt sich mit der eigenen Vergänglichkeit und gibt seine Erfahrungen an die Unteren weiter. Diese drei Stufen bedeuten die einzige Hierarchie in der Freimaurerei. Ansonsten sind die Logen vollends autonom und demokratisch organisiert. So wird etwa der Stuhlmeister, der Vorsteher einer Loge, alle zwei Jahre neu gewählt.

Wofür setzen sich die Freimaurer ein?
Wir bilden die Brüder zu selbstbestimmten, wahren Menschen aus. Wir wollen weltweit zur Verbreitung der Demokratie beitragen und uns für die Menschenrechte einsetzen. Wichtig ist uns der Kampf gegen Intoleranz: Gegenüber der Intoleranz verhalten wir uns vollends intolerant. Hinzu kommt ein humanitäres, soziales Wirken in der Welt, indem wir Menschen unterstützen.

«Die Welt hat sich dank den Freimaurern zum Guten entwickelt.»

Engagieren Sie sich auch in der Region Zürichsee?
Unsere Loge hat im Sommer die Gesellschaft Bildung am Obersee gegründet, mit der wir Kindern und Jugendlichen aus wenig begüterten Familien ermöglichen, ein Instrument zu spielen und Musikunterricht zu besuchen. Zudem unterstützen wir Menschen in Not, die durch einen Schicksalsschlag Hab und Gut verloren haben. So haben wir einem Bauern geholfen, seine durch Unwetter zerstörte Scheune wieder aufzubauen. Oder einem Garagisten, dessen neue Autos nicht versichert waren und durch ein Unwetter zerstört wurden. Die Versicherung zahlte wegen besonderer Klauseln nur einen Bruchteil des Schadens.

Wie sind Sie selber bei den Freimaurern gelandet?
Ich nahm an der Beerdigung meines Freundes, eines früheren Kantonsschullehrers, teil und erfuhr an der Abdankung, dass er Freimaurer war. Seine Mitbrüder haben mich dann nach der Bestattung zu einem Treffen eingeladen. So kam ich hinein in den Kreis und wurde als Lehrling aufgenommen. Kriterien für die Aufnahme sind ein guter Ruf und Leumund, ein edles Gemüt. Vorstrafen sind sicherlich eher hinderlich hierfür.

Sind Handwerker willkommen? Immerhin gehen die Freimaurer zurück auf Handwerkerzünfte, die im Mittelalter Kathedralen bauten.
Das glaubte man früher, doch mit Maurern hat das Ganze wenig zu tun. Die Freimaurer trafen sich ganz einfach in den Bauhütten der Steinmetzbruderschaften, waren selber aber keine Handwerker, sondern vielmehr Akademiker und Adelige. Das ist noch heute so: Unsere Mitglieder sind vorwiegend Beamte in leitenden Stellungen, Freiberufliche, Unternehmer, Politiker, Lehrer, Musiker, Schriftsteller, Architekten und Philosophen. Das entspricht auch dem Bild aus der Vergangenheit: Churchill, Roosevelt, Truman, Henry Ford, Goethe, Lessing, Voltaire und Montesquieu sowie Mozart waren Freimaurer.

Wie beeinflusst die Freimaurerei Ihr Leben, Ihren Alltag?
Zuallererst sind meine Mitbrüder Kollegen und Freunde, mit denen ich auch im Alltag verbunden bin. Naturgemäss tangieren diese Freundschaften auch das berufliche Umfeld. Das Netzwerk kann praktische Bezüge annehmen und Know-how vermitteln. Wer allerdings nur aus Karrieregründen zu den Freimaurern gehen will, ist in einer Loge fehl am Platz. Wir sind keine Verbindung, sondern wollen uns vielmehr bilden und geistig entwickeln und das Wahre und Gute auf der Welt stets weiterverbreiten.

Wie hat sich die Welt dank den Freimaurern verändert, wohin bewegt sie sich jetzt?
Die Welt hat sich dank den Freimaurern zum Guten entwickelt. Die Armut ist weltweit zurückgegangen, das Bildungsniveau steigt, die Zahl der Kriege und Konflikte sinkt. Ich bin durchaus optimistisch, dass sich der Fortschritt auf unserer Erde weiter ausbreitet. Trump und Putin sind nur Randfiguren in der Geschichte der Menschheit. Ihre Macht basiert vollends auf Lügen und wird wie ein Kartenhaus komplett in sich zusammenbrechen.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 16.01.2018, 09:23 Uhr

Freimaurer seit 30 Jahren

Matthias Gmünder, geboren am 18. September 1951 in Wattwil, arbeitete nach einem Jurastudium als Gerichtsschreiber. Seit vierzig Jahren ist er als öffentlicher Notar und Rechtsanwalt, spezialisiert in Erb- und Baurecht, tätig. Vor dreissig Jahren trat Matthias Gmünder den Freimaurern bei und ist Mitglied der Rapperswiler Loge Weg zur Wahrheit, die 1999 gegründet wurde. Er war FDP-Ortsparteipräsident in Wattwil. Matthias Gmünder lebt in Bilten und Hemberg, ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne.

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