Freiheit von der Pille

Jahrelang galt die Anti-Baby-Pille als Inbegriff weiblicher Selbstbestimmung. Heute wollen viele ohne Hormone verhüten. Aber wie geht das eigentlich?

Die Frauen haben genug davon: Die Verkaufszahlen der Verhütungspillen sind rückläufig. Foto: iStock

Die Frauen haben genug davon: Die Verkaufszahlen der Verhütungspillen sind rückläufig. Foto: iStock

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Die Pille mache schöne Haut und grosse Brüste, erzählten sie sich auf der Mädchentoilette. Das will ich auch, dachte Sabine Kray. Sie war 15 Jahre alt und sie bekam, was sie wollte. Der Frauenarzt verschrieb ihr die Pille wegen Regelbeschwerden. Es vergingen drei Jahre, bis sie zum ersten Mal Sex hatte – mit Kondom im Übrigen, denn über sexuell übertragbare Krankheiten wurde in den Neunzigerjahren sehr gut aufgeklärt. Über die Pille und mögliche Nebenwirkungen weniger.

Ob sie grosse Brüste bekam, weiss Kray nicht mehr. Sie weiss aber, das es 17 Jahre dauerte, bis sie herausfand, welche Auswirkungen die Pille auf ihre Libido, auf ihre ganze Persönlichkeit hatte. Nach 17 Jahren setzte sie das Medikament ab und fühlte Lust.

Warum nur habe ich mich all die Jahre mit Hormonen malträtiert, fragt Kray in ihrem Buch «Freiheit von der Pille», das kommende Woche im Tempo-Verlag erscheint. Warum habe ich meinen Zyklus ausgeschaltet und damit auch meinen Trieb und Antrieb gedämpft? Mit ihr fragen sich das viele Frauen. Eine Umfrage der Masterstudentin Annika Becker am Institut des Bremer Pharmaexperten Gerd Glaeske ergab: Jede vierte Pillennutzerin denkt darüber nach, auf ein hormonfreies Verhütungsmittel umzusteigen, oder hat das bereits getan.

Frauen fühlen sich von Berichten über die Nebenwirkungen gerade der neu entwickelten Anti-Baby-Pillen verunsichert. Denn wer diese Pillen der sogenannten 3. und 4. Generation nimmt, hat ein deutlich erhöhtes Risiko für eine lebensgefährliche Thrombose. Lungenembolie, Herzinfarkt oder Schlaganfall können die Folge sein. Trotzdem erobern diese Pillen, die glänzendes Haar und glatte Haut versprechen, den Markt, gerade junge Frauen verlangen danach. Und Ärzte verschreiben sie.

Das Umdenken schwappt durch Internetforen, bricht sich Bahn in Berichten über Libidoverlust und depressive Episoden.

Zwar ist die Pille immer noch das beliebteste Verhütungsmittel, mehr als die Hälfte der jungen Frauen nimmt sie schon mit 17 Jahren. Doch die Verkäufe sind leicht rückläufig. Aber ob das nun an dem Rückgang der Frauen im gebärfähigen Alter liegt oder an einem Sinneswandel sei noch nicht zu sagen, vermeldet der Apothekerverband.

Ein Blick ins Internet spricht jedoch für Sinneswandel. Dort macht sich schon seit Längerem ein Unwohlsein über die Pille breit, das viel grundsätzlicher ist als die Frage nach unerwünschten Wirkungen. Es schwappt durch Internetforen, bricht sich Bahn in Berichten über Libidoverlust und depressive Episoden. Galt die Pille in den Siebzigerjahren noch als Symbol für die Unabhängigkeit der Frau, so sehen heute viele in ihr, was sie eben auch ist: ein Medikament mit Nebenwirkungen. Ein Hormoncocktail, eine Dauermedikation, die sich schlecht mit dem modernen Körpergefühl verträgt.

Blogs, die erklären, wie Verhütung auch ohne Pille geht, finden inzwischen Tausende Anhänger. Freiheit, das heisst für viele Frauen heute: frei von Hormonen. «Ich nehme, seitdem ich 14 bin, die Pille. Heute bin ich 22 und will das Ding endlich loswerden», schreibt eine Leserin im Blog «We are the ladies», wo Maggie, braune Haare, gewinnendes Lächeln, jedem, der es wissen will, erklärt, wie Verhüten auch ohne Hormone geht.

«Fühle ein echtes starkes Frau-Sein und das ist wunderbar», schreibt eine, die umgestiegen ist. Und eine andere: «Ich habe keine Depressionen mehr, bin nicht mehr müde, habe keine Fressattacken mehr und endlich wieder Lust auf Sex.» Aber ist es wirklich so einfach? In England veranlassten Warnmeldungen über die Nebenwirkungen der neuen Pillen kürzlich viele Frauen zum Absetzen. Danach aber kam es zu 13’000 zusätzlichen Abtreibungen, weil Frauen ungewollt schwanger wurden. Wie also geht sicheres Verhüten ohne Pille?

Die natürliche Methode

Die Idee ist uralt: Höre auf deinen Körper, dann verrät er dir, ob du fruchtbar bist oder nicht. Lange Zeit galten Temperaturkurven als Verhütungsstrategie von Ökotanten. Inzwischen sind Achtsamkeit und Körperkontrolle angesagt. Auch Bloggerin Maggie empfiehlt, auf natürliche Art zu verhüten.

Sicherstes Mittel unter den natürlichen Varianten ist die symptothermale Methode. Dazu muss man jeden Morgen seine Temperatur messen und den Schleim, den die Gebärmutter absondert, beobachten. Einige Tage vor dem Eisprung wird der Schleim nämlich flüssiger, um den Spermien das Durchkommen zu erleichtern. Die Körpertemperatur steigt nach dem Eisprung um 0,2 bis 0,5 Grad. Drei Tage später kann die Frau für den Rest des Zyklus nicht mehr schwanger werden.

Wer beide Körperzeichen täglich auswertet, kann präzise die fruchtbaren Tage bestimmen. Die Methode wurde bereits Mitte der 80er-Jahre in einer international anerkannten Studie wissenschaftlich untersucht. Korrekt angewendet – und wenn man an den fruchtbaren Tagen enthaltsam bleibt – sei sie sehr sicher, sagt der ehemalige Professor für Frauenheilkunde der Universität Düsseldorf Günter Freundl, der damals die Studie leitete. Wer aber an den fruchtbaren Tagen mit Kondom verhütet, nimmt dessen geringere Sicherheit in Kauf.

Die Apps

Es gibt jede Menge Apps, die Frauen dabei helfen wollen, die fruchtbaren Tage zu bestimmen. Doch Vorsicht: Sie funktionieren sehr unterschiedlich. Wer sicher verhüten will, sollte sich nicht auf Apps wie Clue, Mein Menstruationskalender oder Woman-Log-Pro verlassen, da dies nur Zyklustagebücher sind, warnt Fruchtbarkeitsexperte Freundl. Diese Apps errechnen die fruchtbaren Tage nach dem Kalender, das heisst, sie fragen Monat für Monat vor allem, an welchen Tagen eine Frau ihre Periode hatte. Ausgehend von einem idealtypischen Zyklus orakeln sie dann den nächsten Eisprung.

Bessere Apps berücksichtigen auch Temperatur und Schleim. Die beste App für die symptothermale Methode sei My NFP, findet Bloggerin Maggie, aber auch die empfiehlt sie nur, wenn die Frauen wirklich gelernt haben, ihren Körper zu lesen. Auch Freundl hält My NFP für gut programmiert. Ähnlich funktioniert Ladycyle. Insgesamt fehle es aber an Studien. Bislang habe noch keine App in einer prospektiven Studie den Beweis erbracht, dass sie sicher sei.

Die symptothermale Methode funktioniert besonders gut für Frauen, die ihren Körper schon eine Weile beobachtet haben, etwa weil sie versucht haben, schwanger zu werden. Alle anderen sollten üben. Pro Familia empfiehlt drei bis vier Monate Probelauf. Die Autorin Sabine Kray sieht darin besonders für junge Frauen eine Chance, den eigenen Körper besser kennen zu lernen und ein positiveres Verhältnis zu ihm zu entwickeln. Rund um den Eisprung gebe es ein Feuerwerk von stimulierenden Hormonen. Wer das weiss und spürt, kann sich darauf einstellen.

Die Verhütungscomputer

Das Risiko der natürlichen Verhütung ist klar: Einmal beim Ausfüllen der Temperaturkurve verhauen und schon wird es gefährlich. Noch dazu machen Messfehler die Methode ungenau. Hier kann Technik helfen: Es gibt Zykluscomputer wie My Way oder Daysy, die die Temperatur direkt auswerten.

My Way ist in etwa so gross wie ein Smartphone. Es hat ein Mini-Thermometer, mit dem man morgens die Temperatur bestimmen kann. Bei Daysy ist der ganze Computer nur noch so gross wie ein zu dick geratenes Thermometer. Auch hier wird unter der Zunge gemessen; zusätzlich werden die Tage der Periode per Knopfdruck bestätigt, und dann gibt es grünes (oder eben rotes) Licht für die nächsten 24 Stunden. Die Verhütungscomputer berücksichtigen aber nicht den Schleim, was sie aus Sicht von Petra Frank Herrmann, Expertin für natürliche Verhütung der Uniklinik Heidelberg, weniger sicher macht.

Verhütungsspielzeug

Die wachsende Verhütungsindustrie hat noch mehr im Programm. Der Gesundheitsmarkt zeigt, wo es hingeht: Dort gibt es Armbänder und Uhren, die alle möglichen Daten erfassen: Wie hoch ist der Blutdruck? Hat man genug geschlafen und wie viele Kalorien wurden verbrannt? Warum sollten solche Armbänder Frauen nicht auch sagen, wie sie am besten ihr Liebesleben planen? Ideen dafür gibt es: Die Schweizerin Lea von Bidder hat mit ihrem Team ein Armband entwickelt, das die fruchtbaren Tage einer Frau bestimmt. Es heisst Ava, sieht aus wie ein Fitnessarmband und ist seit neuestem auch in Deutschland zu haben.

Ava muss man nachts tragen, um den Zeitpunkt der niedrigsten Körpertemperatur einzufangen. Es misst aber noch andere Körperfunktionen, die bei der Ermittlung der fruchtbaren Tage helfen sollen, die Herzfrequenz etwa oder den Ruhepuls. Ob die vielen Daten zusätzlichen Nutzen bei der Verhütung bringen, sei noch nicht bewiesen, sagt Gynäkologin Frank-Herrmann.

Solche Beweise fehlen auch für eine weitere Erfindung: Trackle, ein Temperaturmessgerät, das man sich nachts in die Scheide einführen soll. Total praktisch findet Entwicklerin Katrin Reuter ihren digitalen Tampon, eben weil man dann morgens nicht zwischen Kindern mit dem Thermometer hantieren muss. Angst vor Überwachung und Hackern sollte man aber auch nicht haben, sonst könnte einem der Trackle in der Scheide womöglich den Schlaf rauben. Er sitzt dort und misst die ganze Nacht, bis er die niedrigste Temperatur eingefangen hat, die er dann wireless aufs Handy überträgt.

Diaphragma

Wer zu viel Technik im und um den Körper fürchtet, der landet doch wieder bei den ganz alten Verhütungsmethoden. Bei der Spirale oder beim Diaphragma, quasi dem Kondom für die Frau. Es ist ein Ring, an dem eine Plastikfolie aufgespannt ist. Das Diaphragma bedeckt den Muttermund und versperrt den Zugang zur Gebärmutter. Es verhütet aber nur dann wirksam, wenn es gut sitzt. Da Frauen es vor dem Geschlechtsverkehr selbst einführen müssen, brauchen sie ein gutes Körpergefühl, sagen Frauenärzte. Das Diaphragma ist also ein Fall für die äusserst Körperachtsamen, zum Beispiel für Nutzerinnen der Menstruationstasse (einem wiederverwertbarem Tampongefäss), die man auch mit einer bestimmten Technik einführen muss.

Kupferspirale und Kupferkette

Kupfer macht die Spermien unbeweglich und wirkt auf die Gebärmutterschleimhaut. Die Kupferspirale – ein T-förmiges, mit Kupferdraht umwickeltes Stück Kunststoff, das in die Gebärmutter eingesetzt wird – verhindert Schwangerschaften damit zuverlässig und ganz ohne Hormone. Trotzdem wird sie in Deutschland nur von wenigen Frauen getragen – auch weil sie mit stärkeren Blutungen einhergeht als die Hormonspirale.

Ausserdem steht sie im Ruf, nur ein Verhütungsmittel für Frauen zu sein, die bereits Kinder haben. Zu Unrecht findet Jutta Pliefke, die als Gynäkologin für Pro Familia arbeitet. Kupferspiralen würden in der Grösse angepasst. Für ganz junge Frauen gebe es zudem die Kupferkette, die aus kleinen, auf einen Nylonfaden aufgezogenen Kupferperlen besteht. Doch das Einsetzen einer Spirale ist teuer. Auch Ärzte setzen sich eher selten für das Kupfermodell ein – der Eingriff sei für sie bei Frauen unter 20 Jahren wenig lukrativ, so Pliefke.

Der Mann

Bleibt die Frage nach den Männern. Geforscht wird an einem Verhütungsgel, das dafür sorgt, dass zwar Samenflüssigkeit austritt, die Samenzellen selbst aber im Hoden bleiben. An Affen ist das bereits getestet worden. Ob es eine wirksame und sichere Verhütungsmethode für den Mann sein kann, ist noch unklar.

Und dann gab es im vergangenen Jahr die Geschichte eines Tischlers, der ein Ventil gebaut hat, um seine Samenleiter bei Bedarf zu verschliessen; ein Arzt hat ihm das sogar eingesetzt. Ernstgenommen wird diese Idee jedoch nicht, sondern als kurioses Phänomen auf der Suche nach modernen Verhütungsmethoden ins Feld geführt. Vielleicht aber könnte auch der Mann ja mal eine Weile Hormone schlucken, wenn die Frau nicht mehr mag? Forschung dazu gibt es seit langem. Diese Studien wurden aber immer wieder abgebrochen – wegen der Nebenwirkungen. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 10.11.2017, 09:34 Uhr

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