Früh übt sich

Frühförderung soll sozial benachteiligten Kindern zu besseren Chancen in der Schule verhelfen. Doch wie bringt man betroffene Familien dazu, sich an entsprechenden Programmen zu beteiligen?

Spielend lernen: Jährlich machen 400 Kinder am freiwilligen Förderprogramm Schrittweise mit. Foto: Getty Images

Spielend lernen: Jährlich machen 400 Kinder am freiwilligen Förderprogramm Schrittweise mit. Foto: Getty Images

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Der 1½ Jahre alte Diar kommt freudig angerannt. Heute schaut eine sogenannte Hausbesucherin bei ihm daheim in Winterthur vorbei: Sadije Latifi wird diese Woche wieder rund eine halbe Stunde lang mit ihm spielen. Sie holt die Box mit verschiedenen Spielsachen, die sie beim ersten Treffen mitgebracht hat, und nimmt farbige Plastikbecher heraus. Auf Albanisch ermuntert sie Diar, die Becher auf dem Boden herumrollen zu lassen. Seine Mutter sitzt daneben und schaut zu. Immer wieder richtet Sadije Latifi das Wort auch an sie und erklärt ihr, wie sie ihren Sohn durch gemeinsames Spielen fördern kann.

Die Mutter spricht kein Deutsch. Auf Albanisch sagt sie: «Bei meinem ersten Sohn bin ich gar nicht auf die Idee gekommen, mit ihm zu spielen. Ich dachte, das sei nicht nötig.» Als der Erstgeborene in den Kindergarten kam, bemerkten die Lehrerinnen sprachliche und kognitive Defizite. Nun wird dafür gesorgt, dass der zweite Sohn, Diar, mehr Unterstützung erhält.

«Erste Jahre entscheiden»

Diar ist eines von jährlich insgesamt 400 Kindern in der Schweiz, die beim freiwilligen Förderprogramm Schrittweise mitmachen. Einmal pro Woche geht eine Hausbesucherin bei den 1- bis 5-Jährigen vorbei. Ziel ist es, sie zu fördern und gleichzeitig die Eltern für die Bedürfnisse ihres Kindes zu sensibilisieren. Fördern heisst dabei nicht etwa, dass die Kleinen das Geigespielen oder Fremdsprachen üben, sondern dass sie «spielend lernen». Zum Beispiel pro­bieren sie mit der Hausbesucherin, Klötze zu stapeln. Oder sie schauen mit ihr zum ersten Mal überhaupt ein Büchlein an.

Das Konzept basiert auf dem holländischen Programm Opstapje; für die Schweiz weiterentwickelt hat es der Verein Aprimo. «Die ersten Jahre sind entscheidend für den späteren Bildungs­erfolg», sagt Co-Geschäftsführerin Erika Dähler. «Deshalb ist es wichtig, Kinder aus sozial benachteiligten Familien schon vor dem Kindergarteneintritt zu fördern.» Oft handelt es sich um fremdsprachige Familien, aber auch um solche, die sich aus psychischen, physischen oder sozialen Gründen ihrem Nachwuchs nicht optimal widmen können. Dass jährlich 400 Mädchen und Buben profitieren, greift allerdings sehr kurz – wenn man bedenkt, dass laut Experten jedes zehnte Kind in der Schweiz in einer Risikofamilie aufwächst. Das entspricht fast 170'000 Minderjährigen.

Grosse Hoffnungen

Frühförderung für Kinder mit schlechten Startbedingungen boomt. Grosse Hoffnungen sind damit verbunden. Die Befürworter argumentieren gern mit dem volkswirtschaftlichen Nutzen, wenn später dank erfolgreicher Schullaufbahn weniger Menschen arbeitslos oder von der Sozialhilfe abhängig werden. Erste Evaluationen zeigen, dass früh geförderten Kindern der Eintritt in den Kindergarten besser gelingt – allerdings gibt es bislang keine Studie, die einen nachhaltigen Nutzen für den Schulerfolg auch in späteren Jahren nachweist. Erziehungswissenschaftler gehen dennoch davon aus, dass früh geförderte Kinder auf jeden Fall emotional profitieren.

Das Thema ebenfalls entdeckt hat die Politik: Der Berner SP-Nationalrat Matthias Aebischer reichte eine parlamentarische Initiative zur «Chancengerechtigkeit vor dem Kindergartenalter» ein. Der Bund soll verpflichten werden, sich der frühkindlichen Bildung anzunehmen und sie finanziell zu unterstützen. Bislang gibt es keine gesamtschweizerisch koordinierte Frühförderung. Während Städte wie Winterthur, Bern und Zürich mit gezielten Massnahmen möglichst alle unterstützen wollen, die Hilfe be­nötigen, variieren die Möglichkeiten vor allem auf dem Land von Gemeinde zu Gemeinde. So entscheidet letztlich der Wohnort, wer Beistand erhält.

«Es gibt Väter, die verbieten es ihren Frauen, den Sohn oder die Tochter in eine Tagesstätte zu geben.»Margrit Stamm, Erziehungswissenschaftlerin

Das Problem dieser Willkür ist erkannt. Der Kanton Bern geht nun zumindest auf kantonaler Ebene voran. Im Fokus steht dabei weniger die Stärkung des Lernorts Familie, wie dies beim Programm Schrittweise geschieht, sondern die familienergänzende Betreuung. Ab 2019 sollen alle Berner Gemeinden Betreuungsgutscheine ausstellen können. Auch sozial benachteiligten Familien soll es so möglich sein, zu günstigen Tarifen Fremdbetreuung in Anspruch zu nehmen. Es ist wissenschaftlich belegt, dass deren Kinder davon am meisten profitieren können. Zudem kommen so Migrantenkinder schon vor dem Kindergarteneintritt mit der Schweizer Kultur und ihren Sprachen in Berührung.

Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm ist jedoch skeptisch: «Nur weil man Gutscheine anbietet, heisst das noch lange nicht, dass sie auch genutzt werden.» Diese Einschätzung teilt Giuliano Bonoli von der Eidgenössischen Koordinationskommission für Familienfragen: «Familien mit geringem Ein­kommen und weniger Bildungsniveau sowie Migranten haben generell weniger Zugang zu Kitas, auch wenn man sie finanziell unterstützt.» Das liege vor allem daran, dass bedürftige Eltern weniger gut informiert seien über die verschiedenen Angebote.

Margrit Stamm ortet ein weiteres Problem bei den Vorurteilen. «Je nach Kultur haben Eltern teilweise eine ablehnende Haltung Fremdbetreuung gegenüber», erklärt sie. «Es gibt Väter, die verbieten es ihren Frauen, den Sohn oder die Tochter in eine Tagesstätte zu geben.» Da viele Migrantinnen nicht arbeiteten, seien die Familien auch nicht auf eine Fremdbetreuung angewiesen. Hinzu komme, dass oft Verwandte die Kinder hüteten.

Zwang nicht möglich

Könnte man die Eltern nicht verpflichten, ihr Kind in eine Kita zu schicken, damit es dort möglichst früh integriert und gefördert wird? Für Alex Haller, Leiter des Jugendamts der Stadt Bern, ist das äusserst heikel: «Damit würde man die Autonomie der Eltern grundlegend beschneiden.» Zudem spüre ein Kind, wenn seine Eltern Vorbehalte gegenüber einer Institution hätten. «Das kann das betroffene Kind daran hindern, einen Nutzen aus dem Angebot zu ziehen.»

Margrit Stamm plädiert trotzdem für eine verbindliche, systematische und gesamtschweizerisch geregelte Früh­förderung. «Sie muss aber gezielt auf die Sprachförderung ausgerichtet sein, nicht nur auf den möglichst häufigen Besuch einer Kita.» Wie dies aussehen könnte, macht der Kanton Basel-Stadt vor: Dort werden Mädchen und Buben, die über keine oder ungenügende Deutschkenntnisse verfügen, seit 2013 obligatorisch in Spielgruppen, Kitas oder eine Tagesfamilie geschickt. Eine Auswertung durch die Universität Basel zeigt, dass die Ki­nder bereits profitierten, wenn sie nur an zwei Halbtagen pro Woche eine Einrichtung besuchten. Den Rückstand zu den Kindern aus Familien mit Deutsch als Erstsprache konnten allerdings auch sie nicht aufholen. Er vergrösserte sich im gleichen Zeitrahmen sogar noch. Denn auch die deutschsprachigen Kinder verbesserten ihre Kenntnisse – einfach durch den Austausch mit ihrem anregenden Umfeld.

Dieses Phänomen beschäftigt Margrit Stamm: «Der Mittelstand fördert seine Kinder immer gezielter. Das kann man natürlich niemandem verbieten, aber dadurch vergrössert sich der Abstand zu den sozial Benachteiligten weiter.» Gleiche Startchancen wird es also so schnell nicht geben. Die bisherigen Unterstützungsmassnahmen vermögen bloss dafür zu sorgen, dass die Unterschiede nicht noch grösser werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.01.2018, 23:36 Uhr

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