Hintergrund

GA mit Löchern

Sommerzeit ist Reisezeit. Da sind auch Postautofahrten über Alpenpässe beliebt. Doch hier und anderswo müssen auch Besitzer des Generalabonnements draufzahlen. Wo und warum das so ist.

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Der Besitzer des Generalabonnements war erstaunt, als er für die Postautofahrt von Scuol nach S-charl im Unterengadin ein sogenanntes Alpine-Ticket kaufen musste. Er war davon ausgegangen, dass er mit seinem GA freie Fahrt bei allen öffentlichen Transportmitteln des Landes hätte und keinen Zuschlag mehr bezahlen müsste.

Ein Generalabonnement, das nicht generell gültig ist: Zwar gibt es auf der Übersichtsbroschüre zum GA-Geltungsbereich einen Hinweis, wonach GA-Besitzer auf «gewissen Postautostrecken» wie etwa auf Alpenpässen einen Zuschlag, ein sogenanntes Alpine-Ticket, berappen müssen. Doch manchem GA-Besitzer ist dies nicht bewusst. Im Dokument ist auch eine Vielzahl von Bahn- und Schifffahrtsunternehmen aufgeführt, bei denen GA-Besitzer den halben Billettpreis bezahlen. Dazu gehören zum Beispiel die Jungfraubahn, die Pilatusbahnen oder die Bodensee-Schiffsbetriebe. «Rein touristische Bahnen und Busse sind meist nicht im GA inbegriffen», sagt Roger Baumann, Sprecher des Verbands öffentlicher Verkehr (VÖV), auf Anfrage.

Kostendeckend fahren

Einer der betroffenen Verkehrsträger ist das Postauto. Seit 2008 gilt auf 35 bis 36 Strecken des Netzes der Alpine-Zuschlag für GA-Besitzer. Wie sich die Anzahl zuschlagspflichtiger Linien in den Jahren zuvor entwickelt hat, konnte Postauto auf Anfrage nicht in Erfahrung bringen. Der Preis des Alpine-Tickets variiert je nach Strecke und beträgt nicht immer die Hälfte des gewöhnlichen Billetts. Wer zum Beispiel die Postautostrecke Meiringen–Grimsel–Oberwald einfach fährt, bezahlt voll 36 Franken, mit Halbtax-Abo 18 Franken und mit GA noch 11 Franken – also gut ein Drittel weniger als beim Halbtaxpreis. Bei einem Retourbillett für diese Route bezahlen GA-Besitzer 15 Franken für ein Alpine-Ticket.

Der Grund für den Zuschlag ist folgender: Bei den betroffenen Postautostrecken handelt es sich um sogenannte touristische Linien, die keine primäre Erschliessungsfunktion für ständig bewohnte Siedlungen haben (siehe Box). «Die Postauto Schweiz AG erhält für diese Linien, im Gegensatz zu denjenigen mit Erschliessungsfunktion, keine Abgeltungen der ungedeckten Kosten durch die öffentliche Hand», erklärt Sprecher Simon Glauser gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. «Dies verlangt einen Betrieb, der wenigstens kostendeckend sein muss.» So müsse ein Aufpreis bei Pauschalfahrausweisen wie dem GA in Form eines Alpine-Tickets nacherhoben werden, während er bei Einzeltickets im Preis inbegriffen sei.

Mehr Ein- als Austritte im GA-Gültigkeitsbereich

Der Alpin-Zuschlag wurde Ende 1999 eingeführt, als die touristischen Linien aus dem Gültigkeitsbereich des GA ausgeschlossen wurden. Obwohl die GA-Übersicht auf das Alpine-Ticket hinweist, erhalten Postauto-Chauffeure und -Kundendienst laut Glauser vereinzelte Anfragen von Fahrgästen, die überrascht waren über den Zuschlag. «Der Ärger hält sich jedoch in Grenzen», so der Postauto-Sprecher.

Ein GA mit Löchern? «Das GA weist keine Lücken auf», betont VÖV-Sprecher Roger Baumann. «Es deckt alle Linien, egal welches Verkehrsmittel, mit Erschliessungsfunktion vollumfänglich ab.» Baumann betont, dass der GA-Gültigkeitsbereich seit 1999 um rund 70 Transportunternehmen erweitert worden sei, darunter die Aletsch-Riederalp-Bahnen, die Sportbahnen Schwyz–Stoos–Fronalpstock und der Ortsbus von Scuol im Unterengadin. In derselben Zeit seien etwa fünf Austritte verzeichnet worden, zum Beispiel von der Bürgenstockbahn oder dem Aufzug Matte–Plattform in Bern. In anderen Worten: Insgesamt stehen den GA-Reisenden mehr Strecken zur Verfügung, die vollumfänglich im GA inbegriffen sind.

«Üsserschwiizer» sollen selber bezahlen

Kurt Schreiber, Präsident von Pro Bahn Schweiz, versteht den Zuschlag grundsätzlich, denn viele Postautostrecken auf Alpenpässen rentierten in der Zwischensaison wenig und müssten finanziert werden. «Trotzdem hält sich unsere Begeisterung in Grenzen», so Schreiber gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Wer soll also die touristischen Postautostrecken finanzieren? Herbert Volken, Regierungsstatthalter des Bezirks Goms, schlägt vor, dass das Förderprogramm San Gottardo die Alpinzuschläge in der Region übernimmt. «Was nützen die vielen Millionen, die Bund und Kantone in die Förderung des Tourismus (...) einschiessen, wenn der Bundesbetrieb Postauto Schweiz diese Bemühungen durch künstliche Verteuerung teilweise zunichte macht?», schreibt Volken in einer Mitteilung. Schreiber hält wenig von Volkens Idee: «Ich finde, der Zuschlag soll verursachergerecht erhoben, also von ‹Üsserschwiizern› bezahlt werden, die grösstenteils diesen Transportservice nutzen. Es wäre nicht sinnvoll, wenn die Gotthard-Region für Postautogäste bezahlen soll, die zumeist nicht aus der Gegend kommen.»

Mehr Rigi-Besucher, seit GA voll akzeptiert

Bei den Rigi-Bahnen bezahlten GA-Besitzer bis im Dezember 2009 die Hälfte des Billettpreises. Seither sind für sie die Fahrten mit allen drei beteiligten Bahnen inklusive. 2010 verzeichnete man auf dem Innerschweizer Berg 625'000 Besucher, das sind 13,6 Prozent mehr als vor der vollen GA-Akzeptanz. 2011 nahm die Besucherzahl auf 645'000 zu. «Besonders an Schlechtwettertagen hat die Gästezahl zugenommen, während sie an sonnigen Wochenendtagen etwa gleich geblieben ist wie früher», sagt Sprecher Roger Joss auf Anfrage. Er betont jedoch, dass dies nicht allein auf das GA zurückzuführen sei. Unter anderem hätten auch das im Juli 2012 eröffnete Mineralbad von Mario Botta, ein grösseres Angebot an Aktivitäten und verstärktes Marketing mehr Gäste angezogen. «Es ist schwierig zu beurteilen, wie viel das GA zur Zunahme beigetragen hat.»

Eine Tageskarte für die drei Rigi-Bahnen kostet 66 Franken respektive mit Halbtax noch 33 Franken. Geht die Rechnung auf, wenn die GA-Besitzer letzteren Betrag nicht mehr draufzahlen müssen? «Auf jeden Fall», sagt Joss. «Unsere finanziellen Resultate haben sich in den letzten drei Jahren verbessert. Wir halten auf jeden Fall an der GA-Akzeptanz fest – erst recht, weil rund 85 Prozent unserer Gäste Schweizer sind.»

Erstellt: 26.08.2013, 08:37 Uhr

Wer über Zuschläge entscheidet

Transportunternehmen können selber entscheiden, welche ihrer Angebote in den Gültigkeitsbereich des GA aufgenommen werden sollen, wie Andreas Windlinger, Sprecher des Bundesamts für Verkehr (BAV), erklärt. Ob eine Strecke subventioniert wird, entscheidet jedoch der Bund. Der rein touristische Verkehr erhält jedoch keine Subventionen. In solchen Fällen entscheidet der Transportanbieter, ob er für die Kostendeckung einen Zuschlag von GA-Besitzern erheben möchte.

Um Subventionen von Bund und Kanton zu erhalten, muss ein Transportangebot eine Erschliessungsfunktion haben. Dies besagt das Personenbeförderungsgesetz (PBG). Eine Erschliessungsfunktion besteht dann, wenn ganzjährig bewohnte Ortschaften erschlossen werden. Als solche Ortschaften gelten Siedlungsgebiete, in denen das ganze Jahr über mindestens 100 Personen wohnen.

Allerdings wird auf einigen Postautostrecken mit Alpine-Ticket in der einen oder anderen Kleinstsiedlung Post abgeholt und ausgeliefert. Besteht doch Erschliessungsfunktion, die subventioniert werden müsste? Laut Windlinger ist dies nicht der Fall. «Das Erbringen allfälliger postalischer Dienstleistungen ist unabhängig von der Frage, ob solche Postautolinien im Sinne des regionalen Personenverkehrs subventioniert werden oder nicht.» Es sei Sache der Postauto AG, zu entscheiden, ob sie auch postalische Dienstleistungen erbringe.

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