«Ganz viele junge Leute nehmen es mit den Umgangsformen allzu easy»

Vom Veloladen bis zum Möbelkonzern – zunehmend wird aufs Siezen verzichtet. Droht die Verluderung der Umgangsformen, oder wird damit das Betriebsklima verbessert?

Zeichnung: Felix Schaad

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Allen kann man es nie recht machen. Mit ziemlicher Sicherheit schläft die 42-jährige Lehrerin schlecht, nachdem sie im Veloladen vom Verkäufer plötzlich mit «Frau Meier» angesprochen worden ist. Denn beim Fahrradmechaniker sagt sich eigentlich jeder, wirklich jeder, der nicht am Gehstock geht, «Du».

Doch da gibt es auch diese Geschichte, die jüngst ein guter Freund erzählt hat: Er war im szenigen Restaurant Krokodil an der Zürcher Langstrasse und wurde von der jungen, hübschen Kellnerin mit einer Selbstverständlichkeit geduzt, die ihn doch zünftig ge­ärgert hat. Der Freund ist 73.

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Sie? Du? Man könnte meinen, diesbezüglich herrsche in heutigen Zeiten der komplette Wildwuchs. Was den Anstand angeht, sei die Gesellschaft am Ver­ludern. Doch dies relativiert Hanspeter Vochezer, der regelmässig Manager im korrekten Auftreten schult: «Natürlich nehmen es ganz viele junge Leute mit den Umgangsformen allzu easy», sagt er. «Dafür wird in vielen Branchen wieder deutlich mehr Wert auf sie gelegt als auch schon.» Als Beispiele nennt er das Versicherungs- oder das Banken­gewerbe, wo Stil und Knigge noch immer hoch geschätzt würden.

Vochezer nennt die klaren Regeln, die in der Geschäftswelt nach wie vor gelten. Bis heute könne man sich am Prinzip «Rang vor Alter vor Geschlecht» orientieren: Der jüngere Firmenchef darf dem älteren Mitarbeiter das «Du» anbieten, aber nicht umgekehrt. Bei gleichaltrigen Kollegen auf gleicher Stufe muss die Frau den ersten Schritt machen. Anders verhalte sich die Sache dann, wenn ein Betrieb angelsächsisch geprägt sei: «Gerade in der Bankenhochburg London spricht man sich über die hierarchischen Grenzen hinweg mit dem Vornamen an.» In der Werbe- und der IT-Branche sei es ähnlich.

Offene Türen bei Ikea

Der Möbelkonzern Ikea gehört zu den Unternehmen in der Schweiz, die sich betriebsintern konsequent an das «Du» halten. Ob Geschäftsführer, Verkäufer oder Putzkraft – alle sind Peter, Heidi, Claudia: «Das hat natürlich mit unseren schwedischen Wurzeln zu tun», sagt Mediensprecher Alexander Gligorijevic. Im skandinavischen Land existiere das «Sie» zwar, man benütze es aber höchstens, wenn man mit den Behörden kommunizieren müsse.

Bei Ikea sei das Duzen Teil der Firmenphilosophie, so Gligorijevic. Es stehe für flache Hierarchien – ebenso wie die Tatsache, dass man am Schweizer Hauptsitz in Spreitenbach AG auf ­Bürotüren verzichte. «Die Vorgesetzten übermitteln den Mitarbeiter damit die Botschaft, dass man auf sie zukommen darf.» Es funktioniere tatsächlich, dass so Hemmschwellen abgebaut würden, sagt der 37-Jährige: «Wenn wir eine Information brauchen, gehen wir doch alle zuerst zu denjenigen Menschen, die wir duzen.» Zu bedenken gibt er einzig, dass die Sache nur dann funktioniere, wenn die Firmenkultur grundsätzlich im Lot sei. Würden in einem Betrieb häufig Fehler angeprangert, werde es dagegen schwierig: «Kritik wird härter, wenn man das schützende ‹Sie› abgestreift hat.»

Übrigens wird bei Ikea schon vor dem ersten Vorstellungsgespräch darauf hingewiesen, dass man sich im Unternehmen gegenseitig mit dem Vornamen anspricht. Das hat die leicht irritierende Konsequenz, dass dann sogar eine eventuelle Absage in schriftlicher Form per «Du» erfolgt.

Ausgerechnet für Roger Schawinski, Chef beim Zürcher Lokalradiosender Radio 1, ist das aber ein No-Go. Er möge es nicht mehr so sehr, verrät der 71-jährige Journalist, wenn ihm jemand schon beim ersten Kontakt das «Du» antrage: «Ja, manchmal nervt es mich sogar ein wenig.» Und das sagt gerade Schawinski, der in seinen Pionierzeiten bei Radio 24 das Duzen über den Äther erst salon­fähig gemacht hatte: «Es war eines der Elemente, das uns von der SRG unterschied.» Und ja, er glaube schon, dass er damit seinen Beitrag dazu geleistet habe, dass die Anrede mit dem Vornamen – auch wenn man sich nicht persönlich kennt – in der Gesellschaft mehr Verbreitung gefunden habe.

Inzwischen ist Roger Schawinski selber bei SRF unter Vertrag (auch dort wird heutzutage öfters geduzt) mit seiner Talksendung «Schawinski». Wer die letzten Folgen gesehen hat, durfte feststellen, dass er mit Jolanda Spiess-­Hegglin und Christoph Blocher per «Sie» talkte, Jean Ziegler und Flavia Kleiner aber duzte. «Ich will eine möglichst natürliche Sprechsituation», erklärt Roger Schawinski. «Ich spreche diejenigen Gäste mit ‹Du› an, mit denen ich auch privat so verkehre.»

Inzwischen ist der Fernseh- und Radiomann also geschäftlich lieber per «Sie» als per «Du» – von einer Ausnahme einmal abgesehen: «Mit dem Fan-Du kann ich leben. Wenn einer sagt, für mich bist du seit damals einfach ‹dä Rosche›, dann geht das in Ordnung.»

Wie ist es denn, wenn man literarische Texte vom Englischen, das gar keine Höflichkeitsform kennt, ins Deutsche überträgt? «Fixe Regeln gibt es dafür nicht», sagt die Übersetzerin Katharina Böhmer. «Das englische Original verrät nicht, ob es sich beim ‹you› eher um ein ‹Du› oder ein ‹Sie› handelt – da hilft meist einzig der Kontext. Man muss sich jedes Mal von neuem überlegen, wie die Personen in einem Roman zu­einander stehen.»

Wenn sich zwei Figuren küssten, dann sei natürlich klar, dass sie sich wohl kaum siezten. Wenn es aber beispielsweise um Arbeitsverhältnisse oder Bekanntschaften gehe, sei Feingefühl gefragt. Am schwierigsten falle die Entscheidung, wenn zwei Figuren sich im Laufe der Geschichte allmählich näherkämen: Wann genau aus dem «Sie» ein «Du» werde – diesen Moment müsse man als Übersetzerin im deutschen Text eigenmächtig festlegen.

Offenbar ist es nicht immer leicht, zu entscheiden, ob «Du» oder «Sie» – ausser man arbeitet bei Tamedia, wo auch der «Tages-Anzeiger» erscheint. Im Mai hat CEO Christoph Tonini anlässlich eines grossen Firmenfestes kommuniziert, dass die gesamte Unternehmensleitung den Mitarbeitern das «Du» anbietet: «Die Idee entstand, als wir vermehrt mit dem Digitalunternehmen Ricardo zu tun bekamen», sagt er. «Als ich jeweils sagte, ich bin Herr Tonini, kam ich mir dort wie ein Fremdkörper vor.» Der 46-Jährige ist davon überzeugt, dass in der Medien- und Kommunikationsbranche die wirklich guten Ideen von der Basis kommen. «Und da ist es ein Vorteil, wenn man alle möglichen Barrieren abbaut. Wenn jeder mit jedem spricht. Wenn man das ganze Talent untereinander vernetzt.» Er hofft, dass das «Du» bei Tamedia bald schon ganz normal wird.

Nur eine Kollegin wollte nicht

Wie waren die ersten Erfahrungen? «Durchs Band positiv», bilanziert Tonini. «Viele Mitarbeiter kamen auf mich zu und gaben mir die Hand, um das ‹Du› zu besiegeln.» Nur eine Ausnahme habe es gegeben: Eine Mitarbeiterin im Welschland (von rund 3000 Angestellten insgesamt) empfand das Angebot als unangenehm und beschwerte sich via Mail. «Ich habe ihr zurückgeschrieben und tat dies natürlich per ‹Sie›. Ein ‹Du› sollte ja gegenseitig sein.» Er habe ihr aber auch erklärt, dass die Standardkorrespondenz der Tamedia künftig trotzdem in der ­Du-Form abgefasst sein werde.

Ja, ein «Du» sollte gegenseitig sein – was heisst das jetzt für das Restaurant Krokodil an der Langstrasse? «Ich finde es in Ordnung, wenn unsere Mitarbeiter dort das freundschaftliche ‹Du› pflegen», sagt Gastronom Marco Pero. Er betont aber, dass dies nicht in all seinen Betrieben gleich sei. Im Dreistuben, das er ebenfalls betreibe, sei er viel strikter: «Unser Service siezt dort sogar die Stammgäste, wenn sie mit Firmenkunden zum Essen kommen. Sonst würde es ja aussehen, als sässen sie permanent im Restaurant.»

Man könnte folgendes Fazit ziehen: Das Duzen in unserer Gesellschaft nimmt deutlich zu. Dagegen kann man nichts tun. Nur heisst es eben nicht, dass es immer und überall auch an­gebracht wäre. Oder wie siehst du das, lieber Leser?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.07.2016, 23:29 Uhr

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