Geboren als Frau, glücklich als Mann

Niklaus Flütsch kam als Frau zur Welt, wurde Gynäkologe und leitet heute die Sprechstunde für transsexuelle Menschen im Triemlispital. Die Frage, wie sich der Körper der Seele anpassen kann, ist für ihn zentral.

«Ich war als Frau vermutlich männlicher als jetzt als Mann», sagt Niklaus Flütsch.<br />Foto: Ursula Markus

«Ich war als Frau vermutlich männlicher als jetzt als Mann», sagt Niklaus Flütsch.
Foto: Ursula Markus

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Dass etwas nicht stimmte, merkte er früh. Vieles fühlte sich eigenartig an, Fragen drehten in dem Kinderkopf, auf die es keine Antwort zu geben schien. Warum störte er sich an seinen wachsenden Haaren, während die Kindergartengspänli mit Stolz Zöpfe trugen? Warum war es so peinlich, einen Rock anziehen zu müssen? Warum fühlte er schon als kleines Kind, dass da eine Diskrepanz zwischen seiner Innenwahrnehmung und der Wahrnehmung seines Äusseren lag? Irgendetwas war komisch in dieser Welt, die in Frauen und Männer eingeteilt war.

Er war als Mädchen geboren worden, so viel stand fest. Für seine Mutter war er Tochter, für seine Kolleginnen Freundin, für seine Geschwister Schwester. Doch ebenso fest stand, dass er nicht als Tochter, Freundin oder Schwester wahrgenommen werden wollte, sondern als Sohn, Freund und Bruder. Damals, als sein Leben von Weihnachtsmännern, Osterhasen, Feen und Zauberern geprägt war, schmiedete er einen Plan: «Ich wollte meine Mutter davon überzeugen, mir die Haare ganz kurz zu schneiden. Meine Vorstellung war, dass mir dann ein Penis wachsen würde.» Die Haare wurden dem Vierjährigen gestutzt, der Penis wuchs nicht.

Traumatische Pubertät

45 Jahre später sitzt ein Mann auf seinem Sofa, lässt den Blick durch grosse Fenster in die Winterlandschaft schweifen, krault dem ertaubten 16-jährigen Kater über den Kopf und sagt: «Wir Transmenschen sind kaum sichtbar, da wir vieles daransetzen, in der Gesellschaft integriert zu leben.» Nichts weist darauf hin, dass Herr Doktor Flütsch bis vor drei Jahren mit Frau Doktor Flütsch angesprochen wurde. Und im Verlauf des Gesprächs wird immer deutlicher, wie stimmig es sich anfühlen muss, wenn eine Seele nach 45 Jahren endlich den passenden Körper gefunden hat, wie sehr es Niklaus Flütsch aber auch ein Anliegen ist, sich gegen hartnäckige Vorurteile zu engagieren. Deshalb hat er an der Zürcher Frauenklinik Triemli eine Sprechstunde für transsexuelle Menschen ins Leben gerufen, führt in Zug eine Praxis für Gynäkologie, in deren Wartezimmer nicht nur Patientinnen, sondern auch Patienten sitzen, und hat sich im soeben erschienenen Buch «Das Geschlecht der Seele» in Bild und Text porträtieren lassen.

Die ersten 45 Jahre seines Lebens spielte er die Rolle einer Frau. «Ein Ausbrechen aus meinem Leben war für mich ausgeschlossen, das konnte ich meiner Umgebung nicht antun. Ich musste das einfach aushalten.» Manchmal ging ihm durch den Kopf, dass er für etwas bestraft werde, dessen Ursprung er nicht kannte. Heute vergleicht er die Situation mit einem Verurteilten, der hinter Gittern sitzt für eine Tat, die er nicht begangen hat.

Schon als Kind spielte er die Rolle mit ganzer Lebenskraft. Dennoch war das Glück gross, als er kurz vor Schulbeginn auf dem Dachboden den Tornister seines Grossvaters entdeckte und nun einen Theek mit Fell hatte. Er war stolz, sich gegen seine Eltern durchzusetzen und ausschliesslich Hosen zu tragen. Er jauchzte innerlich, wenn er als «Ruech» bezeichnet wurde, und im Sommer gab es nichts Schöneres, als den Oberkörper zu entblössen. Doch dann kam die Pubertät und mit ihr die schmerzlich sichtbare Entwicklung in die falsche Richtung. Er litt unter Rundungen an Körperstellen, an denen er flach bleiben wollte, ass immer weniger, hungerte sich die Kurven weg, trainierte seinen Körper, «strich», wie er sagt, «die Genitalien komplett aus dem Wahrnehmungsfeld», kam in ein Internat, outete sich als homosexuelle Frau und sollte erst später realisieren, dass er mit seiner Vorstellung falsch lag, Lesben seien Frauen, die Männer sein wollten.

Als Krankheitsbild qualifiziert

Nach der Matura entschied er sich für ein Medizinstudium und stiess in dessen Zuge erstmals auf das Thema Transsexualität. Zu Beginn wollte er sich damit nicht auseinandersetzen, denn damals, in den 80er-Jahren, galt Transsexualität noch als eine Persönlichkeitsstörung. Erst in den 90er-Jahren wurde der Begriff Transsexualismus zumindest vom Überbegriff Persönlichkeitsstörung getrennt, wird aber von den einschlägigen Handbüchern bis heute in der Ecke der psychischen Krankheiten angesiedelt. Schnell aber wurde ihm klar, wie sehr ihn die Gynäkologie interessierte. «Ich dachte, wenn ich den weiblichen Körper vollständig verstehe, würde ich auch meinen eigenen Körper besser verstehen und akzeptieren können.» Nun huscht ein Lächeln über das Gesicht mit dem kurzen Bart: «Ausserdem hatte ich einen Beruf ergriffen, in dem ich als Frau einen Frauenbonus hatte. Das war ein kleiner Trost, vielleicht auch Strategie.»

Privat bewegte er sich in Kreisen, «in denen die männliche und weibliche Rolle nicht so entscheidend war», wie er es formuliert, wurde Oberarzt am Kantonsspital Zug und eröffnete schliesslich mit einer Kollegin seine erste Praxis für Gynäkologie. Er verdiente gut, war in der Karriere am Ziel angekommen und sagte sich immer wieder, eigentlich müsstest du glücklich sein. «Aber in meinem Leben stimmte eben etwas Grundlegendes nicht.» Der Druck, Körper und Seele in Übereinstimmung zu bringen, wurde immer grösser. Er kann sich gut an den Moment erinnern, an dem ihm etwas Entscheidendes klar wurde: «Irgendwann machte es klick, und ich wusste: Der Körper kann sich auch der Seele anpassen. Es muss nicht immer umgekehrt sein.» Er suchte einen Spezialisten in Zürich auf und sollte das Gefühl darauf nie vergessen: «Ich stand auf der Terrasse der ETH, schaute hinunter auf die Stadt und spürte von Kopf bis Fuss: Jetzt fängt ein neues Leben an. Jetzt mache ich, was ich immer wollte. Jetzt gehe ich meinen Weg als Mann.»

Abschied von einer Hülle

Bevor er die Büstenhalter wegwerfen und das Badezimmer von Lotionen und Lippenstiften befreien konnte, stand ein wichtiger Schritt an: das Coming-out. «Ich konnte nicht einfach verschwinden und zwei Jahre später als Mann wieder auftauchen; ich musste das proaktiv angehen.» Das Gefühl vor den Gesprächen mit seinen Eltern, Verwandten und Freunden, seinen Arbeitskollegen und Patientinnen vergleicht er mit der Angst eines Fallschirmspringers, der sich über die Kante des Flugzeugs schwingt und nicht weiss, ob der Fallschirm sich auch wirklich öffnet. Doch Niklaus Flütschs Schirm trug besser, als er es zu hoffen gewagt hätte. Die Familie reagierte offen, ebenfalls seine Freunde und die Arbeitskollegen, mit wenigen Ausnahmen stellten alle umgehend von «sie» auf «er» um. Er entschied sich zum Austritt aus der Gemeinschaftspraxis und wurde im Kantonsspital Zug Leitender Arzt. Seinen Patientinnen schrieb er zum Abschied einen Brief, und mit den künftigen Spitalkolleginnen und Kollegen stiess er bei einem Apéro auf seinen neuen Namen an. «Ich hatte enormes Glück: Für alle stand nicht mein Wandel im Vordergrund, sondern ich als Mensch.»

Schritt für Schritt nahm er von seiner Hülle Abschied, unterzog sich Operationen und einer Hormonbehandlung und erlebte mit 45 Jahren zum zweiten Mal eine Pubertät, bei der er sich ungleich der ersten über jede Änderung freute. Solange er noch seinen alten Ausweis trug, kam es mitunter zu verwirrenden Momenten; wenn er sich beispielsweise am Postschalter oder in der Bahn mit bereits tiefer Stimme als transsexuell outen musste. Er änderte lediglich seinen Vornamen, den Nachnamen behielt er bei, ebenso den Personenstand. Auf der Identitätskarte und im Pass steht deshalb immer noch ein «f»; für ein «m» müsste er sich von Amtes wegen einer Sterilitätsoperation unterziehen lassen. Im Gegensatz etwa zu Deutschland oder Argentinien sind in der Schweiz die Bedenken in den meisten Kantonen zu gross, dass ein Mann schwanger oder eine Frau Vater werden könnte.

Begehrter Spezialist

Fragen wie diese beschäftigen Niklaus Flütsch. «Wäre eine Gesellschaft, in der man sein Geschlecht frei wählen kann, nicht viel ehrlicher?» Genaue Zahlen zur Anzahl Transmenschen in der Schweiz existieren nicht, die Dunkelziffer ist hoch. «Es gibt aber auch Studien, die von etwa einer Person auf 500 ausgehen», gibt Niklaus Flütsch zu bedenken. Manchen von ihnen begegnet er in seiner neu eröffneten Praxis in Zug, anderen an seiner Sprechstunde im Triemli. Dass ihnen mit Niklaus Flütsch ein Mensch gegenübersitzt, der nicht nur über ein grosses Mass an Empathie verfügt, sondern vor allem auf einen langjährigen Schatz eigener Erfahrungen zurückgreifen kann, macht ihn zu einem begehrten Spezialisten.

Seine Offenheit ist seit drei Jahren grösser als je zuvor: «Bis dahin war für mich wichtig, die Welt in Frauen und Männer zu teilen. Ich versuchte als Frau immer, meine männlichen Seiten in den Vordergrund zu stellen und war als Frau vermutlich männlicher als jetzt als Mann.» Doch jetzt, da sein Körper zu seiner Seele passt, sei es unwichtig geworden, sich einem Geschlecht zuordnen zu können. Die Frage, ob ich mich nun als Mann oder Frau fühle, ist in den Hintergrund getreten. Seit ich als sichtbarer Mann durch das Leben gehen kann, bin ich endlich ich selbst geworden.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.01.2013, 06:29 Uhr

Das Buch zum Thema

Tanja Polli (Text)und Ursula Markus (Fotografie), «Das Geschlecht der Seele: Transmenschen erzählen.» Elster-Verlag, 192 Seiten, ca. 40 Franken.

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