Gefangen im Sog der Reize

Tiktok ist bei Jugendlichen eine angesagte App. Dass der Spass aus dem totalitären China kommt, weckt Misstrauen.

Bei einer Messe in China wirbt Tiktok mit fröhlich leuchtenden Symbolen. Was genau sich unter der bunten Oberfläche verbirgt, ist jedoch unklar. Foto: Barcroft Media, Getty Images

Bei einer Messe in China wirbt Tiktok mit fröhlich leuchtenden Symbolen. Was genau sich unter der bunten Oberfläche verbirgt, ist jedoch unklar. Foto: Barcroft Media, Getty Images

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Es ist der 24. November, als die damals 17-jährige Amerikanerin Feroza Aziz in ihrem Kinderzimmer auf Aufnahme klickt. «Hey guys», sagt sie und beginnt mit einem Schminktutorial, wie es sie zu Tausenden auf Tiktok gibt. «Also, ihr nehmt dafür als Erstes eure Wimpernzange, und dann formt ihr eure Wimpern, das sollte ja klar sein», sagt sie und kneift dabei die Zange zu. «Und dann legt ihr sie beiseite und nehmt euer Handy, das ihr gerade benutzt, und schaut nach, was in China passiert, wie sie Konzentrationslager bauen, in die sie unschuldige Muslime werfen, Familien auseinanderreissen, sie kidnappen, ermorden, vergewaltigen.»

Mehr als eineinhalb Millionen Mal wird das Video geklickt. Dann wird ihr Account gesperrt, das Video verschwindet später für 50 Minuten von der Plattform, um dann wieder aufzutauchen. Ein menschlicher Fehler, sagt Tiktok später.

Zum ersten Mal in der Geschichte des Internets vernetzt eine Firma aus einem totalitären Staat die freie Welt.

In der Unterhaltungsindustrie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten etwas verändert: Lange wurde hingenommen, dass die hellen Scheinwerfer des Showbusiness bisweilen auch dunkle Schatten werfen. Doch im Social-Media-Zeitalter ist die Reichweite messbar in Followern und Klicks. Mit diesen Zahlen wuchs auch der Ruf nach Verantwortung. Muss sich also rechtfertigen, wer Tiktok trotz aller Kritik nutzt? Muss jemand, nur weil ihm Millionen Menschen folgen, seinen Einfluss auch politisch nutzen? Oder reicht es, wenn er all diese Menschen in 15 Sekunden zum Lachen oder Staunen bringt?

Kaum eine App wurde im vergangenen Jahr häufiger heruntergeladen, keine Plattform ist so schnell gewachsen. Nach Facebook, Snapchat und Instagram ist jetzt Tiktok dran, eine ganze Generation junger Menschen zu prägen. Nur eines ist dieses Mal anders: Tiktok kommt nicht aus dem Silicon Valley, sondern aus China.

Zum ersten Mal in der Geschichte des Internets vernetzt eine Firma aus einem totalitären Staat die freie Welt. Zu Hause zensiert das Milliardenunternehmen Bytedance, das hinter der App steht, auf Befehl Pekings Inhalte. Ausserhalb Chinas wirbt es damit, einen kreativen Raum zu schaffen für «ein authentisches, unterhaltsames und positives Erlebnis».

Bei Tiktok ist nie etwas zu lang, das ist perfekt für die «Generation tl; dr» – «too long; didn’t read». Teenager sind es gewohnt, Inhalte schnell und beiläufig zu konsumieren. Die Videos bei Tiktok dauern zwischen 15 und 60 Sekunden. Das reicht, um den Hund als Cowboy zu verkleiden, einen kurzen Tanz aufzuführen oder die eigene Mutter nass zu spritzen. Die Videos landen in einem nie endenden Strom von Clips aus der ganzen Welt, dem «Für dich»-Feed, sortiert von einem Algorithmus. Es gibt keine Gruppen wie bei Facebook, keine privaten Chats wie bei Whatsapp. In 15 Sekunden kann jeder auf der Tiktok-Bühne zum Star werden.

Es geht um eine heile, positive Welt

Es geht nur um Spass und Kreativität, um eine heile, positive Welt, die mit all den politischen Irrungen und Wirrungen da draussen auf gar keinen Fall etwas zu tun haben soll. Und wenn es doch passiert, dann ist das ein bedauerlicher Fehler. Wie vor einigen Monaten, als Journalisten von der Internetplattform Netzpolitik.org interne Moderationsregeln von Tiktok veröffentlichten. Demnach schränkte die Plattform bis mindestens September die Sichtbarkeit von Videos ein, die Menschen mit Behinderungen zeigten. Auch queere Menschen sollen markiert und ausgebremst worden sein. Die Videos wurden zwar nicht gelöscht, aber weniger Nutzern angezeigt. Sie verschwanden aus dem Sichtfeld der Masse, angeblich zum Schutz vor hämischen Kommentaren. Die deutsche Abteilung von Tiktok bestritt all das vehement, gab aber zu, mit einem «restriktiven Ansatz» bei der Moderation von Inhalten einen Fehler gemacht zu haben.

Chinesische Firmen sind per Gesetz unter gewissen Umständen im Ausland gezwungen, die staatlichen Behörden zu unterstützen, wenn es um die nationale Sicherheit geht. Im September veröffentlichte der britische «Guardian» Dokumente, die belegten, dass Tiktok zu Beginn auch «revolutionäre» Inhalte unterdrückte. Betroffen waren zum Beispiel Videos zur Unabhängigkeit Tibets, zum Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens und zur in China verbotenen Bewegung Falun Gong.

Von aussen erinnert das Gebäude eher an eine Fabrik als an das grösste Start-up der Welt. In der Eingangshalle stehen Modelle von Kampfflugzeugen der chinesischen Armee. 

Das Milliardenunternehmen Bytedance, dem Tiktok mehrheitlich gehört, ist im Ausland fast völlig unbekannt. Dabei spielt es längst in einer Liga mit Giganten wie Google, Apple und Facebook. Analysten schätzen den Wert des chinesischen Start-ups auf mehr als 75 Milliarden Dollar. Gründer ist der 36-jährige Zhang Yiming, heute einer der reichsten Menschen im Land. Nach dem Erfolg einer Nachrichten-App startete er 2016 Tiktok, gut zwei Jahre später verschmolz er die App mit Musical.ly, das ein ähnliches Konzept hatte.

Die Zentrale von Zhangs Firmenimperium liegt im Nordwesten Pekings. Von aussen erinnert das Gebäude eher an eine Fabrik als an das grösste Start-up der Welt. In der Eingangshalle stehen Modelle von Kampfflugzeugen der chinesischen Volksbefreiungsarmee. Das ganze Viertel soll für Bytedance umgebaut werden, eine eigene Bytedance-Welt. Zutritt bekommt man zu ihr aber nicht. Monatelang werden Interviewanfragen abgelehnt.

Der toxische Hintergrund

In Deutschland gibt man sich offen, gerne lädt eine Sprecherin zum Kaffee ins Büro ein. Sie hat ein Sortiment bunter Infobroschüren dabei, in denen Eltern erklärt wird, wie Tiktok funktioniert, und Influencer erzählen, was sie an der Plattform so lieben. Zum Beispiel die tollen Sicherheitseinstellungen. Bei einem Thema aber wird es schnell ernst: Bezeichnet man Tiktok als chinesische App, kommt sofort Widerrede. Tiktok sei ein völlig eigenständiges Unternehmen, sagt die Sprecherin. Ihre E-Mails kommen allerdings von einer Adresse mit der Endung @bytedance.com. Das habe nichts zu bedeuten, heisst es. Wenige Wochen später enden die Mailadressen auf @tiktok.com. Anscheinend weiss man bei Tiktok, wie toxisch der eigene, chinesische Hintergrund sein kann.

Man könnte vieles, was an Tiktok kritisiert wird, auch den grossen US-Netzwerken vorwerfen: die Datensammelei, das Eindringen in die Privatsphäre, das Geschäft mit der Aufmerksamkeit der Nutzer. Doch in der Wahrnehmung gibt es einen entscheidenden Unterschied. Facebook zensiert nackte Frauenbrüste auf Fotos, weil in den USA ein prüder Konsens herrscht. Dafür lässt es abseitige Meinungsäusserungen und Beiträge oft unangetastet. In China dagegen herrscht eine Partei, die die Zensur als Machtinstrument gegen die Meinungsfreiheit einsetzt – ob durch Sicherheitsbehörden oder durch Unternehmen wie Bytedance, die den Anweisungen folgen müssen. Das Misstrauen gegenüber China sitzt tiefer.

Tiktok ist dabei so gebaut, dass die Nutzer möglichst lange in der App bleiben. Durch die kurzen Videos müssen sie alle paar Sekunden wieder aktiv werden, weiter scrollen.

Dass die App zum politischen Werkzeug wird, das Teenagern die Gehirne wäscht, scheint trotzdem noch weit hergeholt. Doch auch ein paar Nummern kleiner reichen die Möglichkeiten, um Politikern und Eltern Sorgen zu machen. Die App ist absolut auf Profit ausgerichtet: Sie sammelt intensiv persönliche Daten der Nutzer, um sie für Werbung vermarktbar zu machen. Firmen können verschiedene Werbepakete buchen, zum Beispiel Hashtag-Challenges und Videos, die dann besonders prominent und häufig angezeigt werden.

Tiktok ist dabei so gebaut, dass die Nutzer möglichst lange in der App bleiben. Durch die kurzen Videos müssen sie alle paar Sekunden wieder aktiv werden, weiter scrollen in einem nie endenden Strom von Inhalten, Reizen, ständigen Belohnungen. Ein Content-Trichter, an dessen steilen Wänden der Nutzer immer weiter hinunterrutscht und doch nie unten aufschlägt. Zum Halten kommt er erst, wenn er das Smartphone weglegt.

China hat ein eigenes Tiktok

Tiktok hat Verträge mit den grossen Musiklabels, die Sekundenausschnitte der Lieder zur Verfügung stellen. Wird ein Lied auf Tiktok zum Trend, ist das ein gutes Geschäft. Der «Old Town Road Remix» von Lil Nas X und Billy Ray Cyrus war so ein Lied. Ein Produkt wird da entworfen, designt für den globalen Erfolg. Wobei, das stimmt nicht ganz. Tiktok ist nicht überall auf der Welt nutzbar – ausgerechnet in China ist es gesperrt. Nutzer können die App nicht mal auf ihre Geräte laden. Wer nach Tiktok sucht, bekommt die chinesische Schwester Douyin angezeigt. Die beiden haben fast dasselbe Logo. Doch bei Douyin filtern sie noch strenger. Da wird wirklich alles aussortiert, was der Partei nicht passt.

Anfangs liessen sich zum Beispiel noch Schnipsel aus der Region Xinjiang finden, in denen Uiguren über ihre Unterdrückung berichteten. Inzwischen sind uigurische Nutzernamen verboten. Videos, in denen die Turksprache der Minderheit gesprochen wird, verschwinden. Populär sind nun Videos wie mit dem Hashtag «Der Charme der Menschen in Xinjiang». In denen nur «die schönen Menschen mit ihren tollen Trachten und, natürlich, mit ihrem breitesten Lächeln» zu sehen sind, wie die Staatspresse schreibt.

Erstellt: 14.02.2020, 16:27 Uhr

In Zahlen

13

Jahre ist das Mindestalter für Nutzer, die sich bei Tiktok registrieren. Die App wird in der Schweiz fast ausschliesslich von sehr jungen Personen genutzt, wie das Gottlieb-Duttweiler-Institut feststellte.

39 Millionen

Follower hat Loren Grey, eine 17-jährige Amerikanerin, Spitzenreiterin unter den Tiktok-Stars ausserhalb Chinas. Top-
Influencer der Tiktok-Schwester in China haben mehr als 50 Millionen Follower.

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