Gegen den Hype ums Kinderkriegen

Die Hebamme Livia Görner plädiert für mehr Normalität im Umgang mit dem Nachwuchs.

Die Stimme des gesunden Mutterverstands: Livia Görner. Foto: Gregor Schläger (PD)

Die Stimme des gesunden Mutterverstands: Livia Görner. Foto: Gregor Schläger (PD)

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Wenig bringt Livia Görner mehr in Rage als #regrettingmotherhood. Unter dem Begriff ­diskutiert die Internetgemeinde eine Studie der israelischen Soziologin Orna Donath. Darin kommt das tief empfundene Bedauern von ­Müttern zu Wort, sich überhaupt auf Kinder eingelassen zu haben. Es sind mehr, als Donath dachte: Als Buch wurde die Studie ein unerwarteter Bestseller. Ein Tabu sei damit endlich, endlich ausgesprochen worden, urteilte die Presse.

Die Hamburger Hebamme Livia Görner dagegen findet, wer sein Muttersein bereue, benötige einen Psychiater statt der Aufmerksamkeit von Buchverlagen, Zeitungen und Blogs. Zur «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» sagte sie zudem: «Dass die Gesellschaft und die Medien einem solch neurotischen Luxusproblem wie der angeblich bereuten Mutterschaft mancher Frauen einen derartigen Platz einräumen, ist unverantwortlich.»

4500 Kinder

Peng, das sitzt. Görner, die in den letzten dreissig Jahren 4500 Kindern auf die Welt geholfen hat, ist die Stimme des gesunden Mutterverstands in der mitunter schrill geführten Debatte ums Für, Wider und Warum des Kinderkriegens. Vor zwei Jahren hat sie einen Ratgeber veröffentlicht, den sie schlicht «Die Wahrheit übers Kinderkriegen» nannte. Seither ist sie eine gefragte Fachfrau zum Thema, arbeitet aber ganz normal als Hebamme weiter, überwacht Geburten, besucht junge Mütter, Väter und deren Babys in ganz Hamburg.

Gewaltig wundern – und ärgern! – würde sich Görner über die Schweiz, die mit sich selber über ein paar Tage Vaterurlaub im Streit liegt. Deutschland kennt pro Kind drei Jahre Elternzeit, die sich Mütter und Väter frei aufteilen können. Und sogar das sei noch verbesserungswürdig, findet Görner, denn Selbstständigerwerbende hätten keinen Anspruch auf Mutterschutz. Angesichts der Steine, die die Gesellschaft vielen Müttern in den Weg lege, hätten diese eben doch etwas zu bedauern. «Immer wird so getan, als sei Kinderbekommen ein privates Vergnügen», sagt Görner, «das ist es aber in keiner Weise.» Es sei eine klar gesellschaftliche Aufgabe.

Kein Ego- und kein Esoterik-Projekt

Sosehr die Mutter von zwei Töchtern (und Grossmutter von zwei Enkelkindern) das Kinderhaben zur staatlichen und subventionierungswürdigen Angelegenheit erklärt, so wenig kann sie damit anfangen, wenn es manche Mütter und Väter zum Ego-, Öko- oder Esoterik-Projekt hochstilisieren. Sie findet, als Vater müsse man nicht perfekter sein als vorher als Mann. Sie hat Verständnis, wenn Mütter aus dem Stillen keine Glücksgefühle schöpfen können. Und sie kann ein absurdes Beispiel von Babyvergötterung erzählen: Die Eltern wollten nur den besten und schönsten Kinderwagen für ihr Kind. Der passte nicht ins Auto, darum musste ein neues her. Das passte nicht in die Tiefgarage, darum wurde für das Kind ein Haus gekauft.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.06.2016, 21:29 Uhr

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