Geh jetzt weg, Papi!

Smartphones und Tablets ziehen Kinder magisch an. Elternberichte von TA-Redaktoren, die zwischen Kontrollverlust und Bewunderung schwanken.

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Das trojanische Smartphone
Michèle Binswanger

In der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt. Das wissen wir seit dem Trojanischen Pferd. Nie hätte ich geahnt, selber einmal ein solches in mein Heim zu lassen: das Smartphone. Es öffnete der Anarchie Tür und Tor. Meine Eltern hatten es leicht, unseren TV-Konsum einzuschränken, denn ein Fernseher ist so leicht zu überwachen wie eine Armee im Stellungskrieg. Ein Junge mit einem Handy ist dagegen ein Freiheitskämpfer im Guerillamodus. Sage ich: «Schon wieder am Handy?» Er: «Ich höre nur Musik.» Nie kann ich sicher sein, wo er sich mit seinem Gerät befindet, ich muss ihm hinterherschleichen, Buch führen, seine Aussagen im Indizienprozess widerlegen. Zum Glück ist das Teil neulich am Boden zerschmettert – ohne mein Zutun! Also fast. In der Liebe und im Krieg ist alles erlaubt.


Handlicher Babysitter
Nicola Brusa

Im Media-Markt gibt es extra Kinderstationen, an denen man die Kleinen eine Stunde andocken kann. Sie ballern dann in der virtuellen Weltgeschichte herum, während die Eltern in Ruhe shoppen.

Eine Familie fährt im Auto, über Fahrer- und Beifahrersitz ist ein hässlicher Sack gestülpt, der je ein iPad für je ein Kind haltert. Die Eltern fahren den ganzen Weg sicher ungestört.

In der Migros postet der Vater Milch, während die Kleine im Wägeli Filmchen schaut. Er schafft den Einkauf in Rekordzeit und ohne Gstürm.

Es parkieren Freunde ihre Kinder ziemlich direkt auf dem Sofa, drücken jedem ein iPhone in die Hand. Wir diskutieren den ganzen Abend ungestört.

Es gibt da draussen jede Menge Anschauungsunterricht. Den gab es schon immer. Trotzdem ist nur eines sicher: Es ist nicht sicher, ob nicht auch ich irgendwann einknicken werde.


Der Notfallplan
Philippe Zweifel

«Nur noch das Level fertig spielen», ­bettelt mein Achtjähriger, seine Augen auf den Handybildschirm gerichtet. Ich weiss, was jetzt kommt, bleibe aber ­ruhig.
«Was sagen die Regeln, die wir zusammen angeschaut haben? Eine halbe Stunde pro Tag.»
«Aber gestern habe ich nicht gespielt!»
«Man kann nicht kompensieren.»
«Das steht nicht in den Regeln», protestiert er.
«Aber ich sage es.»
«Wieso gibts dann Regeln?»
«Na gut, bis zum Level-Ende.»
Zehn Minuten später spielt er immer noch. Ich greife nach dem Handy.
«Fertig jetzt!»
«Bekim darf zwei Stunden pro Tag.»
«Du bist nicht Bekim», sage ich und hoffe, dass er das nicht so xenophob auffasst, wie es klingt. Ich reisse meinem Sohn das Handy weg, gerade als er mit einem Ozelot einen Creeper bodigen will. Mit den Füssen stampfend verzieht er sich. Kurz darauf dröhnt aus dem Computer im Büro der nervige Kinder-Hip-Hop der Lochis – der Sohn hat sich auf Spotify eingeloggt.
«Gehts noch?», rufe ich.
«Du hast aber nur gesagt: ‹fertig mit Spielen›.»
Was die Erziehungsexperten in solchen Momenten machen würden? Das Gespräch suchen? Liebevoller Leitwolf sein? Es ist acht Uhr abends, ich bin viel zu müde, um darüber nachzudenken, und leite den Notfallplan ein. Ich schleiche zum Sicherungskasten und schalte den Strom im Büro aus. Dann husche ich zurück ins Wohnzimmer.
Der Sohn stürmt aus dem Büro.
«Der Computer ist schon wieder abgestürzt!»
«Echt? Mühsam. Was machst du jetzt?»
«Dann lese ich halt ein Buch.»


Nicht ohne mein Handy
Alexandra Kedves

Überrascht hört man, wie die 12-jährige Tochter mit einer Freundin über angesagte Youtuber konversiert. Wann hat sie die bloss gesehen? Wieso weiss sie überhaupt so genau Bescheid? Ihr Smartphone-Gebrauch ist doch recht kontrolliert, oder? Auch dass auf eine Bemerkung im Familien-Whatsapp-Chat schon nach ein paar Sekunden ihr «Okeee» aufblinkt, erstaunt – ist gerade die Schule ausgefallen? Auf Nachfrage dann: «Jetzt bin ich nicht mehr online!»

Aha. Aber es gibt ja tausend gute Gründe, warum allerweil auf das Ding zurückgegriffen werden muss: Vielleicht hat die Lehrerin wichtige News in den Klassenchat geschickt. Die Kollegin hatte noch ein Arbeitsblatt schicken wollen, die Freundin einen Abmachtermin. Die Stundenplanverschiebung muss überprüft, der Wecker gestellt werden. Dass die eigenen Eltern ohne Handy gross wurden: unvorstellbar!


Der Wischfinger
Pascal Unternährer

Man kann Katzen Kameras um den Hals binden, die ein Bild in der Minute schiessen oder gar Videos aufnehmen. So lässt sich rekonstruieren, was das Tier den lieben langen Tag gemacht hat. Bei meinen Kindern muss ich nichts dergleichen tun. Sie greifen sich mein Handy, laufen rum und schiessen, eher konservativ gerechnet, 20 Fotos in der Minute. Danach sehe ich, wo sie sich herumgetrieben haben.

Ich lege die Bilder ab – könnte ja sein, dass die Kinder internationale Stars der Avantgarde-Fotografie werden. Dann haben sie ihre frühen Werke, die an meine Lomo-Versuche anno dazumal erinnern, zur Hand. Faszinierend finde ich, dass sie ihre Schnappschüsse ellenlang durchgehen können. Nach dem bereits bekannten SMS-Daumen wird bestimmt bald der Wischzeigefinger der jetzigen Generation wissenschaftlich untersucht.


Der Geist ist schwach
Philipp Loser

Ein Vater zu sein, und das sagt einem vorher leider niemand, besteht zu grossen Teilen darin, die eigenen Schwächen vorgeführt zu bekommen. Das beginnt bei Äusserlichkeiten (sorry für die komischen Füsse, lieber Bub), geht über Rituale, die im besten Fall etwas merkwürdig sind (müssen deine Turnschuhe im Regal wirklich nach Farben ausgerichtet sein?), und endet bei der grössten Schwäche überhaupt: dem eigenen Willen. Dem nicht vorhandenen.

Jenem Opportunismus, den man in der Öffentlichkeit bei anderen bedauernswerten Eltern mit einer hochgezogenen Braue und einem gezischten «Tss» kommentiert («Hast du das gesehen? Der nölende Balg bekommt ein Capri-Sonne!») und dem man bei den eigenen Kindern natürlich genauso chancenlos ausgeliefert ist.

Ja, ich bin schuldig. Ich habe schon am Rand des Spielplatzes heimlich eine Zigarette geraucht, weil ich nicht mehr warten konnte (und mich die Kinder an den Rand brachten). Liess den Jüngeren mit den guten Bratpfannen spielen und hab ihn dann, als es gar nicht mehr anders ging, mit Schokolade abgelenkt. Hab den quengelnden Älteren die viel zu lauten Schuhe in der Wohnung probieren lassen und hab ihn dann, als es gar nicht mehr anders ging, mit einem Schluck Cola abgelenkt. Zucker funktioniert in der Not immer. Fernsehen auch. Und natürlich die diversen Geräte, von denen man ja selber kaum die Augen lassen kann (apropos Schwäche und so).

Natürlich kann man sich als Vater endlos über den altersgerechten Einsatz all dieser Dinge Gedanken machen – wahrscheinlich müsste man sogar. Doch manchmal ist man einfach nur froh, wenn die nächste Grundsatzdiskussion und der nächste Wutanfall mit einer kurzen Runde des (natürlich sehr kindgerecht ausgewählten) iPad-Spiels um ein paar kostbare Momente verzögert werden.


WLAN und Latein
Susanne Kübler

Sie müsse lernen, sagt die 14-jährige Tochter. Zimmertür zu, man hört nichts, seit Stunden. Lernt sie wirklich? Oder bringt sie sich auf den neusten Meme-Stand? Man könnte nachschauen, aber spätestens beim dritten Mal müsste man sich den Vorwurf des Misstrauens gefallen lassen – schlecht für den Familienfrieden, und man kommt sich ja auch ziemlich blöd vor dabei.

Also besser der alte Trick: WLAN abstellen im Nebenzimmer und schauen, was passiert. Tatsächlich, es dauert höchstens zehn Sekunden, bis die Tür aufgeht: erwischt! Aber nein, sie protestiert nicht, sondern braucht nur jemanden, der sie Lateinwörter abfragt.

Brave Tochter. Nach den Lateinwörtern schauen wir als Belohnung zusammen die neusten Memes an. Die sind ja auch wirklich lustig.


Nur ein Foto bitte
Lorenzo Petrò

Nora (noch nicht 3): «Papa, ich möchte ein Filmchen schauen. Darf ich schnell das Handy? Papa, weisst du, ich möchte etwas schauen, nur schnell. Nachher kannst du es wieder haben. Ganz sicher. Ich gebs dir wieder zurück.» «Du Papa, kann ich ein Foto machen? Nur ein Foto, ich möchte ein Foto von dir machen. Gibst du mir das Handy?» «Papa, das ist doch unbequem für dich, das Handy, da in deiner Hosentasche. Warte, ich nehme es raus, das ist doch nicht gut für dich!» «Ich will dir etwas zeigen. Gib mir mal dein Handy, Papa.» «Danke, Papa.» «Kannst du mir den Code eingeben? Weisst du, ich kanns dir sonst nicht zeigen . . . den Code, Papa!» «Danke.» «Geh jetzt weg, Papi. Verschwind!» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.04.2017, 23:08 Uhr

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