«Gehegte und gepflegte Schuld ist ein Hobby der Unschuldigen»

Der Psychoanalytiker Peter Schneider äussert sich zu Fragen von Schuld, Schuldnern und der grossen europäischen Schuldenfalle und erklärt den «Sündenstolz» der Schweiz.

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Die Welt scheint im Schuldenkoma zu liegen: Griechenland ist pleite, Deutschland muss 80 Milliarden sparen, und auf den Privatsendern läuft nichts so gut wie Doku-Soaps über Schuldnerberatung. Sind die Menschen – und die Staaten – nicht mehr fähig, finanzielle Verantwortung zu übernehmen?
DIE Menschen? Ich glaube, ich kriege eine Subprime-Krise bei so viel Verantwortungs-Verallgemeinerung. Ich zahle regelmässig meine Rechnungen zum Monatsende, stehe leider bei keiner Bank hypothekarisch in der Kreide, zahle pünktlich nicht gerade wenig Steuern – in welche allgemeinmenschliche finanzielle Verantwortung für welche finanziellen Miseren soll ich mich da nehmen lassen?

Deshalb sind Sie ja auch in der Schweiz so wohl gelitten . . .
Genau. Täglich bekomme ich Hunderte von aufmunternden Rechnungen von Mitmenschen, die meine spontane und zugängliche Art in finanziellen Dingen zu schätzen wissen – viele davon mit einem Mut machenden «Weiter so!» versehen.

Aber wenn sich doch der Einzelne im Kleinen so korrekt wie irgendwie möglich verhält, wie kann dann so ein grosser Staatstanker dennoch auf Grund laufen?
Hm. (Denkt lange nach.) Das wird wohl für immer ein Rätsel bleiben. Genauso wie der Golf von Mexiko derart verdrecken konnte, obwohl wir doch beim Badeöl sparen, wo wir nur können.

Auf RTL können wir einen neuen televisionären Phänotypen erkennen: Schuldnerberater Peter Zwegat verkörpert dort nichts anderes als einen finanziell konservativen, strengen Vater. Während andererseits Katharina Saalfrank als Supernanny die gestrenge Übermutter spielt. Woher kommt diese Sehnsucht der Masse nach klaren Autoritätsträgern?
Das kommt daher, dass Väterchen Staat und Mütterchen Politik ihre gesellschaftliche Autorität verloren haben, welche sich nicht zuletzt aus der Übereinkunft abgeleitet hatte, dass öffentliche Aufgaben wie Post, Eisenbahn, Universitäten, Spitäler usw. auch öffentlich zu bewirtschaften sind. Man kann aber nicht alles und jedes privatisieren und gleichzeitig annehmen, dass sich dadurch das Konzept «Staat» nicht ändert. Wenn der Bürger zum Kunden wird (und erklärtermassen werden soll), dann verhält er sich auch wie einer: als anspruchsvoller quengeliger Schnäppchenjäger. Die Autorität staatlicher Politik ist nun, wo die Kacke am Dampfen ist, nicht mehr einfach auf Knopfdruck wiederherzustellen. Die Entstaatlichung der öffentlichen Sphäre rächt sich durch eine Verstaatlichung des Privaten – sprich durch die mediale Schurigelung des Bürgers durch Gestalten wie Zwegat und Saalfrank. Der Kundenbürger ist nicht freier geworden, sondern nun vor allem Zielscheibe ausufernder Volkserziehung.

Das beantwortet jetzt aber meine Frage nicht ganz: Wieso liebt der Kundenbürger dieses autoritäre mediale Massregeln so abgöttisch?
Erstens, weil die Gemassregelten ja immer die anderen sind; und zweitens, weil das Zuschauen dabei denselben beruhigenden Effekt hat wie das Blättern im Manufactum-Katalog: Es gibt sie noch, die guten Dinge und die verlässlichen Werte.

Apropos verlässliche Werte: Dass jemand schuldig ist, der Schuld trägt, scheint klar. Aber weshalb steht auch unter Verdacht, schuldig zu sein, wer Schulden macht?
Das Verhältnis zu den Schulden ist ambivalent. Man darf nicht vergessen, dass lange Zeit säumige Schuldner wie Kriminelle behandelt wurden: Wer seine Schulden nicht bezahlen konnte, kam in den Schuldturm. Wer sich verschuldet, muss sich auch heute noch einer gründlichen Inquisition seitens der Geldgeber aussetzen. Welche Garantien gibt es, wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Gläubiger sein Geld zurückbekommt? Der Schuldner steht – verständlicherweise – unter Dauerverdacht. Andererseits geht es in der Ökonomie gar nicht ohne Schulden: Der Unternehmer muss sich beim Kapitalisten verschulden, damit er überhaupt etwas unternehmen kann. Zum Wirtschaften gehört es, Anleihen bei der Zukunft zu machen. Insofern ist es etwas naiv, grundsätzlich darüber zu klagen, dass wir unseren Kindern Schulden hinterlassen. Die Frage ist, wie die Schulden investiert sind.

Damit entlarven Sie jetzt quasi den Kapitalismus als verbrecherisches System: Man macht Schulden beziehungsweise macht sich schuldig, damit man später einen Vorteil hat.
Das ist keine Entlarvung, sondern eine Beschreibung. Moderne Ökonomie kann gar nicht anders funktionieren. Wir sind keine Sammler, die im Sommer sparen, was die Natur ihnen gibt, um es dann im Winter zu verzehren. Zur Finanzkrise ist es nicht deshalb gekommen, weil DIE Menschen nicht so brav gespart haben, wie es nun die Kinder möglichst schon im Kindergarten lernen sollen, sondern weil mittelfristige Risiken zugunsten kurzfristigen Profits fahrlässig und systematisch unterschätzt wurden. Zur Subprime-Krise hat geführt, dass man im Hypothekargeschäft am Schuldenmachen an sich hatte verdienen wollen. Aber das funktioniert natürlich nicht: Schneeballsystem bleibt Schneeballsystem, auch wenn sich die grossen Banken dieses Prinzips bemächtigen.

Kann man Schuld, Schulden, Schuldgefühle eigentlich auch als Fetisch pflegen?
Man kann. Das beste Beispiel dafür ist das, was Henrik Broder einmal spöttisch die «Wiederjudmachung» genannt hat: die die geleisteten Kompensationszahlungen begleitende Verwandlung von Schuld in eine moralische Position, welche im Standardsatz deutscher Politik «gerade wir als Deutsche» ihren fetischistischen Ausdruck findet. Dabei ist die Vorstellung, «gerade als Deutscher» sei jemand ganz besonders für die Sache der Juden, der Palästinenser oder für den Weltfrieden verantwortlich, so zwingend wie der Gedanke, dass die Nachfahren eines stadtbekannten Pädophilen nur schon aufgrund ihrer Abstammung für die Leitung von Kinderkrippen prädestiniert sein müssten. Selbstredend gibt es vielfältige politische Verantwortungen – aber im Namen des Deutschtums doch wohl am allerwenigsten.

Gerade dieses Beispiel zeigt aber doch, dass man Schuldgefühle sehr gerne konserviert. Gerade auch im Gegensatz zum Glücksgefühl. Sind wir masochistisch veranlagt?
Das ist nur eine mögliche Erklärung. Die andere lautet «Sündenstolz»: die Grösse der Schuld als Garant und als Mass der eigenen Grösse. Denken Sie an die manchmal seltsamen Verrenkungen, mit denen zuweilen auch in der Schweiz versucht wird, auf diese Weise Grösse zu generieren: alles Schwarzgeld der Welt liegt auf Schweizer Banken, der Sklavenhandel wurde von Zürich aus gesteuert, und Auschwitz liegt eigentlich in der Nähe von Olten. Der alte Mythos von der Unschuld der Schweiz wird in solchen sündenstolzen Grössenfantasien durch das Phantasma einer Generalschuld ersetzt. Hannah Arendt hat sich bei einem Besuch in Deutschland kurz nach Kriegsende darüber gewundert, wie eher unbescholtene Deutsche sich in groteskem Masse als kollektivschuldig bekannten, während – wen wunderts – die tatsächlich Schuldigen wenig Anzeichen von Reue, Schuld oder Scham zeigten. So paradox es scheint: Gehegte und gepflegte Schuld ist eher ein Hobby der Unschuldigen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.06.2010, 20:27 Uhr

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