Generation Maybe – diese zwei halten dagegen

Die Generation Maybe will sich alle Möglichkeiten offenhalten. Phaedra Merentitis und Hong Yip haben den anderen Weg gewählt. Sind sie glücklich damit?

Alles ist immer noch möglich, wenn auch anders: Phaedra Merentitis und Hong Yip mit Aeneas.

Alles ist immer noch möglich, wenn auch anders: Phaedra Merentitis und Hong Yip mit Aeneas. Bild: Sabina Bobst

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Sie wachen auf und stellen sich vor, nach einer durchtanzten Nacht auf dem Heimweg zu sein – etwas benebelt, wie früher so oft. Ein bisschen Wehmut schwingt dann jeweils mit, «aber dann ekelt uns die Vorstellung auch ein wenig», sagt Hong Yip, der Partner von Phaedra Merentitis.

Im Herbst 2013, mit 23 Jahren, hat sie Aeneas zur Welt gebracht. Einen Monat zuvor hatte sie Hong (29) geheiratet – und wurde damit zu einer Art Rebellin ihrer Generation. Denn mit diesem konventionellen Weg trotzt sie den vielen Möglichkeiten, die sie noch hätte, während alle um sie herum bloss nichts verpassen wollen. Und das, obwohl sie und ihr Mann bis dahin selbst typische Vertreter der Generation Maybe waren. Den Vielleicht-Sagern angehörten, die im Abwägen verharren. Die lieber alles offenlassen, statt sich festzulegen. Denn der oder die oder das Beste könnte ja noch kommen.

Was machst du so?

Maybes, das sind die jetzigen Zwanziger bis Mittdreissiger. Eine Marlboro-Werbung brachte das Lebensgefühl der Vielleicht-Sager vor einigen Jahren auf den Punkt und setzte die Aufforderung dagegen: «Don’t be a maybe» (und entscheide dich fürs Rauchen und Marlboro!, so die Botschaft). Anlässlich der Kampagne benannte der Journalist Oliver Jeges 2012 in der «Welt» die Zauderer erstmals als Generation Maybe.

Geboren wurden die Vielleicht-Sager ab 1980. Man erinnert sich: Züri brännt. Doch die Freiheiten, die die 80er- und davor die 68er-Generation erkämpften, sind für die meisten Jungen heute eine Überforderung. Die Frage «Was machst du so?», die bei jedem Kennenlernen fällt, wird fast immer beantwortet mit: «Gerade studiere oder arbeite ich dies, dann mal schauen.» Umso interessanter, wie konservativ ihre Werte sind: Eine Beziehung in Treue, die Gründung einer Familie und ein eigenes Heim gehören zu den grössten Wünschen der Schweizer Maybes. So belegen es die jährlichen Jugendstudien des Forschungsinstituts GFS Bern seit ihrer Lancierung 2010. Die Sehnsucht nach Sicherheit kollidiert allerdings mit dem Trend, alles offenzuhalten.

Individuelles Picken

In den bürgerlichen Werten sieht Lukas Golder, Leiter der Studie, «eine Reaktion auf die enorm unstabile Wirtschaftslage». Hinzu komme, dass Junge sich in einer globalisierten, komplexen Welt schnell den Veränderungen anpassen müssten. Die eigene Selbstverwirklichung ist angesichts der scheinbar unendlichen Möglichkeiten eine Herausforderung. «Wenn es dich glücklich macht, ist es gut», lautet gemäss Golder die Devise – und so pickt jeder sich individuell aus Religionen und politischen Denkweisen heraus, was ihm entspricht.

Wer unter den Maybes die gemeinsamen bürgerlichen Wünsche umsetzt und es aushält, dass sich auf einen Schlag zig Türen schliessen, fällt auf. Diese Mutigen sind die Jasager im wahrsten Sinne des Wortes – jene, die sich Anfang 20 schon ganz zu jemandem bekennen. «Maybe never fell in love», heisst es in der Marlboro-Werbung. Was, wenn doch?

Hong Yip wollte die Sache mit Phae­dra offenhalten, als sie sich 2011 im Ausgang kennen lernten. Bloss keine Beziehung eingehen, nach den Eifersuchtsdramen, die er zuvor mit seiner Ex-Freundin erlebt hatte. Für Phaedra war das «okay», bis sie sich in ihn verliebte. Ein Jahr lang zog sich die Affäre leger hin, meist trafen sich die beiden Zürcher auf Electropartys. Zweimal beendete Hong das Verhältnis, bis er seine Gefühle schliesslich doch zuliess und sie ein Paar wurden.

Nur sechs Monate später wurde Phae­dra schwanger. Ein «Schock» für beide – von dem sich Hong aber bald erholte. Er wollte das Kind unbedingt haben. Zuvor hatte er acht Jahre lang als Geiger einer Rockband in den Tag hineingelebt. Auf Verabredungen ging er damals nur möglichst vage ein, «es könnte sich ja noch etwas Interessanteres ergeben». Jein­sager eben. Bis er Phaedra kennen lernte – und sich für den Master in Musikpädagogik entschied. «Kein Kompromiss», sagt er, «jahrelang als Geigenlehrer zu arbeiten, ist top». Und als sie schwanger war, erschien es ihm wie Schicksal, die riskante Musikerkarriere aufgegeben zu haben.

Phaedra, damals knapp 23, haderte etwas länger. Sie hatte eben erst die Fachmatura im Sack, wollte studieren. Und was war mit dem Reisen? Dem Ausgang? Wie sollte das finanziell gehen? Aber dann sah sie die Ultraschallbilder, hörte den Herzschlag des Kinds – «da war es entschieden».

Warum sie geheiratet haben? Wieder war es Hong, der sich ganz sicher war, und Phaedra, die zögerte. «Es war ein Bauchgefühl, dass es für unseren Sohn gut ist. Und Phaedra ist die Richtige.» Vor versammelten Freunden kniete er vor sie hin. Phaedra: «Ich habe natürlich sofort Ja gesagt.» Das Gefühl stimmte, stimmt bis heute. «Ich bin glücklich so, wie es jetzt ist», sagt sie.

Eine Zeit lang war es schon hart. «Neben dem Besuch des Konservatoriums habe ich am Wochenende als Gepäcktransporteur auf dem Flughafen gejobbt», sagt Hong Yip. Nun dauert es noch anderthalb Jahre, bis er als Geigenlehrer arbeiten wird. Und Phaedra wird sich vielleicht für ein Studium einschreiben. Noch hat sie sich nicht für ein Fach entschieden. Ihr Sohn Aeneas hat sie auf die Idee gebracht, Kindergärtnerin könnte das Richtige sein.

Lustvoller Verzicht

Die 24-Jährige tut sich, wie die meisten ihrer Generation, mit Entscheidungen schwer. Auch aus Sorge, sie könnte es später bereuen. Ob sie Angst haben, als junges Ehepaar etwas zu verpassen? «Nur wenn Freunde feiern gehen oder sich spontan verabreden, finde ich es schade, dass wir nicht mit können», sagt Phaedra. Sie verzichte aber gern für ­Aeneas. Er auch: «Klar entgehen mir Frauen oder Karrierechancen. Aber das ist oberflächlich. Hätte ich Phaedra und Aeneas verpasst, das wäre eine richtige Katastrophe gewesen.»

Die Phase, in der man sich treiben lässt, findet Hong «sehr wichtig. Aber sie verliert ihren Reiz: Nach einer Weile haben wohl die meisten wie ich genug davon.» Er habe dafür Halt gewonnen. Vielleicht war diese unabhängige Zeit für Phaedra zu kurz, überlegt er. Aber, finden beide: «Alles ist ja immer noch möglich.» Wenn auch anders. Gerade waren sie als Familie fünf Wochen auf Reisen, in Singapur, Thailand und Malaysia, Hongs zweiter Heimat. Auch Phae­dras Verwandte in Griechenland haben sie schon besucht. Und wenn sie es gut organisieren, sind sie ab und zu bis frühmorgens tanzend anzutreffen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.03.2015, 11:07 Uhr

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