«Gewisse Geschlechtskrankheiten werden trotz Kondom übertragen»

Fast vergessene Geschlechtskrankheiten wie Syphilis oder Tripper sind wieder auf dem Vormarsch. Ein Experte nennt verschiedene Gründe dafür.

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Herr Bruggmann, tot geglaubte Geschlechtskrankheiten wie Gonorrhöe oder Syphilis leben wieder auf. Sind die Menschen kondommüde geworden?
Das ist einer von mehreren Gründen, aber bestimmt nicht der einzige. Zumal gewisse Geschlechtskrankheiten auch trotz Kondom übertragen werden können.

Wie das?
Wenn zum Beispiel der Primärschaden einer Syphilis sich in einem Bereich befindet, der vom Kondom nicht abgedeckt wird. Ausserdem können die Krankheiten beim Oralsex übertragen werden. Und da lauten ja die Präventions-Empfehlungen, Kondome zu verwenden, wenn es zu einer Ejakulation kommt oder Blutungen im Spiel sind. Für gewisse Geschlechtskrankheiten ist diese HIV-Botschaft ungenügend. Die Akzeptanz des Kondoms ist aber generell beschränkt. Und es gibt Anzeichen, dass sie schwindet.

Woher kommt denn die Kondommüdigkeit?
Dafür gibt es diverse Gründe. Einerseits ist die Angst vor dem HI-Virus nicht mehr so gross wie früher. Aids sowie HIV-bedingte Todesfälle sind seltener geworden – zum Glück. Das führt jedoch bei einer Generation, die solche Fälle nicht mehr hautnah miterlebt hat, schon dazu, dass das Virus nicht mehr als so grosse Gefahr wahrgenommen wird. Das ist einerseits gut, andererseits kann es zu einem zu legeren Verhalten führen.

Wie stark verbreitet ist diese Nonchalance?
Grundsätzlich schützen sich die meisten Leute sehr gut. Aber es gibt halt auch solche, die unter Alkohol- oder Drogeneinfluss ihr gutes Wissen vergessen und sich bei solchen Ausrutschern anstecken. Grundsätzlich kann sich aber auch bei Menschen, die sich jahrelang mit Kondom geschützt haben, eine gewisse Müdigkeit einstellen. Weil sie das Präservativ als hinderlich erleben. Der Einbau des Kondoms ins Liebesleben funktioniert in der Praxis nicht so gut wie in der Theorie.

Sind vor allem Junge kondommüde?
Nein, das kann man so nicht sagen. Die Aversion gegen Kondome geht durch alle Altersstufen. Bei der jungen Generation kann es höchstens sein, dass sie über Geschlechtskrankheiten wie Tripper oder Syphilis weniger gut informiert sind.

Gibt es Unterschiede zwischen Hetero- und Homosexuellen?
Kaum. Obwohl das Ansteckungsrisiko bei Heterosexuellen deutlich kleiner ist, ist ihre Kondommüdigkeit mindestens genauso ausgeprägt.

Warum ist es bei Oralsex weniger selbstverständlich, ein Kondom zu tragen?
Weil es beim Oralsex als besonders störend empfunden wird. Die HIV-Prävention rät, bei Oralsex ein Kondom zu verwenden, wenn es zu einer Ejakulation kommt. So kann man sich zwar nicht mit HIV anstecken, mit Tripper oder Syphilis zum Beispiel aber schon. Es ist schwierig diese beiden Botschaften auf einen Nenner zu bringen, ohne dass die Empfehlung unpraktikabel wird.

Ein Missstand?
Nicht unbedingt. Sehen Sie, HIV steht gesundheitstechnisch an einem ganz anderem Ort als Tripper oder Chlamydien. Letztere sind gut behandelbar. Eine Gefahr besteht nur, wenn man die Behandlung verpasst. Daher ist es vor allem wichtig, dass diejenigen, die Risiken eingehen oder eingegangen sind, sich entsprechend häufig testen lassen. Meines Erachtens gehört es in den Aufklärungsunterricht an Schulen, zu vermitteln, dass es auch andere Geschlechtskrankheiten als HIV gibt.

Im Milieu wird Oralsex ohne Gummi angeboten.
Das ist sicher weit verbreitet, weil beim «Gummientscheid» vor allem von der HIV-Ansteckungsgefahr ausgegangen wird. Und die ist beim Oralsex wie gesagt minim, sofern es keinen Kontakt mit Sperma oder Blut gibt. Auch normaler Geschlechtsverkehr ohne Gummi ist im Milieu immer gefragter. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.10.2010, 13:48 Uhr

Philip Bruggmann ist leitender Arzt der Arbeitsgemeinschaft für risikoarmen Umgang mit Drogen (ARUD) in Zürich. Er betreut unter anderem Patienten der Anlaufstelle «Checkpoint Zürich».

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