Ledergeschirr für alle

Bondage-Mode ist auf dem Laufsteg angekommen.

Gut verschnürt: Model Bella Hadid bei der Versace-Show in Mailand im Januar. (12. Januar 2019)

Gut verschnürt: Model Bella Hadid bei der Versace-Show in Mailand im Januar. (12. Januar 2019) Bild: Jacopo Raule/Getty Images

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Man wird nicht gleich zum Sexsklaven, nur weil man als engagierter Sklave der Mode mal beim Harness-Trend mitmacht. Man hängt sich schwarze Lederriemen mit Metallnieten um, gehalten von silbernen Ösen und Ringen. Es gibt Luxusversionen davon. Etwa die «Utility Harness Bag» von Louis Vuitton. Sie kann von Mann oder Frau getragen werden und besteht aus einem «verstellbaren Leibgurt», so die Marken-Website.

Die Sex-Assoziation ist eindeutig, auch wenn vorne ein Täschchen mit Reissverschluss drauf sitzt, was das Ganze funktionell zu einer Art alternativer Handtasche macht. Ähnliches gibt es in der Kollektion, die das New Yorker Label Supreme kürzlich mit Jean Paul Gaultier herausgebracht hat: Fünf schwarze Lederriemen fügen sich zu einer luftigen Fetisch-Weste, vorne drauf sind Reissverschlüsse. Kreditkarte, Kondome, Schlüssel und Smartphone passen gerade hinein. Und ja, das sieht dann gleich eine Nummer krasser aus als ein normales Umhängetäschchen.

Was genau signalisiert man mit so einem Teil, das ja eindeutig vom Dresscode inspiriert ist, der in schwulen Fetisch-Clubs und auf heterosexuellen «Stutenmarkt»-Partys herrscht – in Nächten, in denen gepeitscht wird, Körper herumgereicht werden, man sich dominieren lässt oder selbst dominiert. Bricht die Mode mit dem Harness wieder Tabus? Eigentlich sind doch modisch längst alle gebrochen, selbst der Look härterer Sex-Abenteuer schockt nicht mehr so richtig.

Betonte Konturen

Vielleicht muss man noch einmal zurückgehen: Harness, das ist Englisch, zu Deutsch sagt man Geschirr. In ein Geschirr wird jemand gezäumt, dessen Lebenskraft man ausnutzen will. Ursprünglich waren es Pferde, spätestens seit dem 20. Jahrhundert lassen sich auch Menschen zäumen, freiwillig, zum Lustgewinn. Die spezielle Erotik entsteht dabei nicht allein daraus, dass der Träger oder die Trägerin sich mutmasslich gerne ausnutzen lässt. Sondern die Erotik kommt daher, dass die Lederriemen den Körper so stark fragmentieren. Die Riemen erinnern an die gestrichelten Linien, wie man sie von schematischen Darstellungen von Nutzvieh kennt. Teilstücke. In der Schlachterei werden sie separiert: Roastbeef, Keule, Nacken, und so weiter.

Die weibliche Brust in einem Harness-BH wird umso stärker erotisiert – oder eben: fetischisiert – als von einem normalen BH, weil ihre Konturen so betont sind. Das Teilstück der Begierde ist gerade nicht gekleidet, sondern wird nackt ausgestellt. Genauso ist es bei den Harness-Brusthaltern für Männer, die auch eine Art BH sind: Das Fleisch der Schultern und Brust kommt viel besser zur Geltung, es wird vom Harness gerahmt. So wie Leder-Chaps die nackten Pohälften rahmen.

Kummerbund und Frack

Bei der neueren Geschirrmode besteht der Clou nun allerdings gerade darin, dass sie meistens gar nicht auf nackter Haut getragen wird. Sondern die Riemen kommen auf normale Kleidung noch drauf. Das mutet zunächst paradox an, sieht dann aber doch gut aus. Ein eindrückliches Beispiel zeigte etwa im Januar der Schauspieler Timothée Chalamet, bekannt aus dem Film «Call Me By Your Name». Bei der Golden-Globes-Verleihung trug er kein Sakko, sondern er hatte sich über ein schwarzes Hemd nur eine freiere Harness-Interpretation mit schwarzem Strass gezogen – wieder von Louis Vuitton.

Mit diesem Outfit spielte er wohl auf das Outfit an, das der Eiskunstläufer und Olympiastar Adam Rippon bei der Oscar-Gala 2018 getragen hatte: ein Moschino-Anzug mit weissem Hemd, Fliege, schwarzem Kummerbund und Frack. Und dazwischen eben: das Fetisch-Ledergeschirr, über dem Hemd und unter dem Frack. Da blitzte es schwarz-silbern zwischen dem Revers hervor.

Selbstverständliche Teil der Garderobe

Interessanterweise sah das eben nicht danach aus, als hätte Adam Rippon nach der Gala noch etwas vor, hoho!, eine Eskapade in die Welt des BDSM. Auch bei Timothée Chalamet sah es nicht danach aus. Sondern in beiden Fällen schien sich das Sexgeschirr wie selbstverständlich in die Garderobe gesellschaftlicher Ehrbarkeit einzufügen. Was ist das dann – eine Erinnerung daran, dass das, was mal abgründig war, keinen Anstoss mehr erregt? Ein poetisch kleidsamer Hinweis darauf, dass im neuen Millenium ja alle sehr eingespannt sind, mindestens im übertragenen Sinne? Oder will man einfach aussehen, als sei man für alles bereit? Per Tinder- oder Grindr-App liesse sich ja auch auf so einer Gala noch schnell jemand finden, um auf der Toilette ...

Jedenfalls wird hier integriert, was früher getrennt war. Fetisch-Outfits zogen ihre Kraft ursprünglich ja daraus, dass sie woanders keinen Platz hatten. Sie schienen oft etwas Kompensatorisches zu haben: Das Leben im Alltag ist so langweilig, bürgerlich, sexfeindlich, dass ich es nachts mit Leder krachen lasse. Deswegen waren die Teile aus dem Fetisch-Schrank, als sie in den Siebzigerjahren von Punks in die Tagesgarderobe übernommen wurden, so provokant. Die Provokation nutzte sich aber ab. In ihrem Standardwerk zum modischen Spiel mit Perversionen, «Fetisch – Mode, Sex und Macht», schrieb die Modetheoretikerin Valerie Steele schon vor mehr als zwanzig Jahren, wenn Leder Mode werde, verliere es seinen Biss, «aber weil es Biss hat, hat die Mode es integriert».

Ist da etwas verrutscht?

Heute wirkt dann ganz besonders das Modegeschirr interessant, das unerwartete Körperstellen betont. Wie die Konstruktion von 032c, die seitlich in die Gürtelschlaufen der Jeans eingehängt wird und dann am Hüftgelenk entlang, über Kreuz, den Oberschenkel einfasst. Na gut, der Oberschenkel ist immer noch recht nah dran am Genital, aber ist da etwas verrutscht?

Oder die kommende Menswear-Kollektion von Versace für die Herbst-Winter-Saison: In ihr gibt es für Frauen und Männer T-Shirts, die mit Lederriemen und Geschirren bedruckt sind und auf denen der Spruch steht: «My Safe Word Is Versace». Das ist dann also – nach SM-Kleidung für den Sexclub, der Punk-Mode und den vielen Punk-Zitaten, die es in der Mode seither gab – die humorige Fetisch-Mode dritter, oder sogar vierter Ordnung. Man kann sie schnell wieder abstreifen, und sie tut niemandem mehr weh.

Erstellt: 12.06.2019, 10:03 Uhr

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