Leser fragen

Gibt es tatsächlich keinen Gott?

Die Antwort darauf können wir nicht wissen. Wir können sie nur leben.

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Sie schrieben einmal, dass es keinen Gott gebe. Wissen Sie etwas, was ich nicht weiss? Wenn ja, dürfte ich Sie dann bitten, Ihre Quelle zu offenbaren?
M. H.

Lieber Herr H.

Wie wäre es mit Jean Pauls «Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei»? Zählt nicht als Quelle des Wissens, finden Sie? Ich weiss schon: Ihre Frage ist natürlich rhetorisch gemeint. Das Argument hinter Ihrer Frage lautet (so vermute ich): Mit welcher Begründung können Sie vorgeben, etwas zu wissen, das man nicht wissen kann? Und ich nehme an, dass Sie dies wissen wollen, weil Sie selbst an Gott glauben und finden, solche Behauptungen könne man doch nicht einfach so aufstellen. Sie könnten weiter argumentieren, mein vermeintliches Wissen sei bestenfalls ein ungesicherter Glaube, wobei mein Zu-wissen-Glauben eigentlich auf wackligeren Beinen stehe als Ihre Glaubensüberzeugung. Sie könnten auch sagen, Sie seien in Ihrem Leben Gott begegnet. Wenn Sie damit nicht gerade Karel Gott meinten (was ich nicht annehme), wäre die Art Ihrer Begegnung allerdings kaum dazu geeignet, dass ich mich Ihrem Glauben anschliesse. Für mich wäre Ihre Begegnung mit Gott eben eine «Begegnung» in Anführungszeichen.

Wir könnten auf diese Weise immer weiter debattieren und uns den Mund fusselig reden: Sie fänden meine Äusserung, dass es keinen Gott gibt, weiterhin eine Anmassung. «Gott» hat für Sie offenkundig nicht nur eine semantische Bedeutung, Gott ist ein Teil Ihrer Weise zu leben. Auch ich weiss natürlich, wie man das Wort Gott verwendet – aber als Teil meiner Lebensweise ist Gott bedeutungslos. Ich wüsste nicht, wie ich Sätze wie «Gott hat mir gezeigt, dass ...» oder «Das verdanke ich Gott» so verwenden könnte, dass die Äusserungen irgendetwas an meinem Leben änderten oder bestätigten. Es sind blosse Zitate – so wie ich auch sagen kann: «Houston, wir haben ein Problem.» Wenn ich diesen Satz ausspreche, werde ich daraufhin weder versuchen, meinen restlichen Treibstoff zu berechnen, noch die Steuerungsdüsen zünden. Wenn ich «Gott sei Dank» sage, ist das keine unbewusste Offenbarung und auch keine religiöse Inkonsequenz, sondern eine Redensart, die etwas anderes bedeutet, als wenn Sie «Gott sei Dank» sagen.

Es ist nicht einmal so, dass ich mein Leben auf dem Wissen aufbaue, dass es Gott nicht gibt. Es ist vielmehr umgekehrt: Dieses Wissen ergibt sich auf sehr unspektakuläre Weise aus meiner Art zu leben. Darin gibt es Gott so wenig, wie es Geister der Ahnen gibt (ausser als Teil des Glaubens anderer). Ich sehe keinen Grund, Vorkehrungen zu treffen, sie zu besänftigen oder ihnen zu opfern. Ich halte also Ihrem Glauben kein gegenteiliges Wissen entgegen, sondern eine andere Form des Lebens, die ich – wie Sie die Ihre – wiederum mit anderen Menschen teile. In vieler Hinsicht sind diese Lebensweisen kompatibel, in einiger nicht. That’s it.

Erstellt: 07.11.2012, 08:58 Uhr

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