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Gilt der Porsche Cayenne mehr als meine Grosstante?

Bei Schneefall werden Trottoirs zu gefährlichen Eiskanälen. Im Gegensatz zu den Strasse werden sie aber nicht geräumt. Stürzende Fussgänger haben offenbar keine Priorität.

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Während Strassen schnell und effizient vom Schnee geräumt werden, muss man sich als Fussgänger zuerst durch Schneeverwehungen kämpfen, beim Überqueren von Strassen Schneewälle erklimmen und – nach der ersten Räumung – unsicheren Schrittes über frisch entstandene tückische Eisflächen balancieren. Natürlich ist es verständlich, dass dem motorisierten Verkehr Priorität eingeräumt wird. Aber heisst dies nicht auch, dass in unserer Gesellschaft der gebrochene Arm meiner Grosstante weniger gravierend ist als der Blechschaden am Porsche Cayenne?
R. B.

Lieber Herr B.

Man wundert sich, dass wenigstens die Strassen überhaupt noch geräumt werden, wo Mobilität doch ohnehin viel zu billig ist. Wahrscheinlich will man dadurch vermeiden, dass noch mehr Leute auf den krass unterteuerten öffentlichen Verkehr umsteigen und die SBB noch tiefer ins subventionierte Minus rutschen. Apropos «rutschen»: Wissen Sie, was uns der Bewegungsdrang Ihrer Grosstante bei widriger winterlicher Witterung kostet? Wenn nicht Streusalz und Split (Steuern), dann Spitaltage (Krankenkassenprämie).

Nun aber mal ganz ohne künstliche Aufregung. Denn verglichen mit dem, was Sie (und ich und unsere Grosstante) bei dem Schneefall der letzten Woche z. B. in Berlin als Fussgänger hätten erleben dürfen (nämlich unser blaues Wunder), haben wir hierzulande selbst zu Zeiten heftigen Winterwetters geradezu paradiesische Verhältnisse. Die spezifische Inkompetenz der Kommune, der chronische Geldmangel und die Delegation öffentlicher Aufgaben an unfähige Privatfirmen bilden in der deutschen Hauptstadt ein unnachahmliches Amalgam, das die Eingeborenen von höchster Stelle angewiesen sind, sexy zu finden.

Aber dennoch bleibt es auch im unerotischen Zürich (mit Bern, Luzern, Winterthur, Chur etc. habe ich diesbezüglich nicht besonders viel persönliche Erfahrung) ein manchmal halsbrecherisches Unternehmen, sich bei Schnee fortzubewegen. Denn innert weniger Stunden wird der Schnee zu Eis, und nicht perfekt geräumte Trottoirs bilden an etwas steileren Stellen eine Art Eiskanal. Nicht mal auf die Strasse kann man ausweichen, denn von der trennt einen ja die Mauer aus weggeräumtem Schnee. Aber auch wenn die Schneeräumer sich noch so viel Mühe geben, den Schnee zum Verschwinden bringen können sie selbstverständlich nicht. Und natürlich lässt sich eine Strasse leichter räumen als ein Gehweg.

Doch trotzdem wird man den Eindruck nicht ganz los, man verschwende beim Strassenunterhalt tendenziell etwas weniger Gedanken an Knochenbrüche als an Blechschäden. Vielleicht, weil man den motorisierten Verkehr selber als eine Art Naturgewalt betrachtet, der man Rechnung zu tragen hat; während man stürzende Fussgänger eher als individuelle Ereignisse wahrnimmt, mit denen jeder für sich fertigwerden muss.

Erstellt: 19.12.2012, 22:09 Uhr

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