Hintergrund

Glaubenskrieg ums Homeoffice

Yahoo-Chefin Marissa Mayer beordert ihre Heimarbeiter zurück ins Büro. Entgegen dem Trend setzt das Silicon Valley auf direkten Kontakt – und hat damit möglicherweise auch recht.

Will ihre Angestellten im Büro haben: Yahoo-Chefin Marissa Mayer.

Will ihre Angestellten im Büro haben: Yahoo-Chefin Marissa Mayer. Bild: Reuters

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Zu Hause arbeiten hat Vorteile – und sei es nur, weil der Elektriker vorbeikommen muss. Der Internetkonzern Yahoo verlangt von seinen Mitarbeitern, auf Heimarbeit zu verzichten. In einem E-Mail an die Angestellten, begründet die Personalabteilung den Entscheid damit, dass gute Zusammenarbeit nur bei persönlichem Kontakt möglich sei.

Verfechter der Heimarbeit sind empört. Es sei bedenklich, wenn ein Technologiekonzern nicht herausfinde, wie seine Mitarbeiter auf Distanz zusammenarbeiten könnten, lässt sich Kate Lister in der «Bloomberg Businessweek» zitieren.

Angebliche Win-win-Situation

Als Chefin des amerikanischen Telework Research Center, einer privaten Institution, die vor allem auch Unternehmen bei der Einführung von Telearbeit berät, gehört Lister zu einer ganzen Reihe von Befürwortern des Homeoffice. In der Schweiz möchte beispielsweise Economiesuisse Unternehmen zu mehr Telearbeit bewegen.

Das Arbeiten von zu Hause aus wird von den Befürwortern als Win-win-Situation verkauft: Den Arbeitnehmern gehe es besser, weil sie ihr Privatleben und die Arbeit besser unter einen Hut bringen könnten. Umgekehrt profitierten auch die Arbeitgeber von den zufriedenen Arbeitnehmern. Firmen, die nicht jedem Mitarbeiter einen exklusiven Arbeitsplatz zur Verfügung stellen, können dank Heimarbeit sogar noch ihre Quoten senken: Der Platzbedarf pro Mitarbeiter sinkt und damit sogar auch Heizkosten und CO2-Austoss.

Heimarbeiter sind produktiver

Doch wie sieht die Wirklichkeit aus? Für die Unternehmen scheint die Bilanz nicht allzu schlecht auszufallen. Studien lassen vermuten, dass Heimarbeiter nicht etwa herumtrödeln, sondern sogar produktiver arbeiten. Forscher der Universität von Stanford stellen in einer diese Woche veröffentlichten Studie fest, dass die Mitarbeiter einer untersuchten chinesischen Reiseagentur zu Hause 13 Prozent produktiver arbeiteten als im Büro.

Auf der Arbeitnehmerseite fällt die Bilanz hingegen durchzogen aus: In der gleichen Studie fielen die Heimarbeiter durch eine höhere Arbeitszufriedenheit auf. Auf der anderen Seite kommen zwei Soziologinnen der Universitäten von Iowa und Texas zum Schluss, dass Telearbeit nicht helfe, Konflikte zwischen Arbeits- und Familienleben zu reduzieren. Stattdessen habe Telearbeit vielmehr geholfen, die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden zu erhöhen. Die Möglichkeit, auch nach dem Abendessen noch dringende Aufgaben zu erledigen, kommt einerseits Arbeitnehmern zupass, die ansonsten Mühe haben, mit den Anforderungen ihres Arbeitgebers mitzuhalten – genauso aber auch dem Arbeitgeber, der diese Anforderungen erfüllt sehen möchte.

Eine mögliche Erklärung dafür, dass es den Arbeitnehmern dabei aber nicht unbedingt schlechter zu gehen scheint, liefern Forscher der Brigham Young University: Büroarbeiter empfinden demnach schon bei einer wöchentlichen Präsenzzeit von 38 Stunden Probleme, Arbeit und Privatleben unter einen Hut zu bringen. Heimarbeiter konnten hingegen im Durchschnitt 57 Stunden arbeiten, bis sie an ihre Grenzen kamen.

Innovation dank persönlicher Begegnungen

Wie aber passt nun die Ankündigung von Yahoo ins Bild? Die von den Stanford-Forschern untersuchte Reiseagentur beschäftigt zu einem grossen Teil Callcentermitarbeiter. Ihre Arbeit ist zu einem grossen Teil repetitiv – entsprechend entscheidend ist das Arbeitstempo jedes einzelnen Mitarbeiters, und dieses scheint im Homeoffice tatsächlich grösser zu sein.

Ganz anders ist der Fall bei den Firmen im Silicon Valley: Ihr Geschäft ist auch mehr als zehn Jahre nach dem grossen Internetboom immer noch zu einem guten Teil die Innovation – und genau hier ist Yahoo gegenüber dem Konkurrenten Google ins Hintertreffen geraten. Obwohl Google in einzelnen Fällen Telearbeit erlaubt, hat die Firma schon früh darauf gesetzt, die Arbeitsplätze der Mitarbeiter so angenehm wie möglich zu gestalten, damit diese möglichst viel Zeit im Büro verbringen. Bekannte Beispiele reichen von Gratiskantinen bis zu Rutschbahnen.

Google setzt auf Begegnungen

Die Überlegung von Googles Strategen ist dabei, dass gute Ideen nur entstehen, wenn die Mitarbeiter persönlich miteinander interagieren. Im neuen Hauptquartier, das Google laut dem Magazin «Vanity Fair» plant, sollen keine Mitarbeiter einen Gehweg von mehr als zweieinhalb Minuten zueinander haben.

Zu Yahoo gekommen ist diese Idee nun höchstwahrscheinlich mit der neuen Chefin Marissa Mayer, die vorher für Google arbeitete. Seit ihrem Amtsantritt hat sie gemäss der «New York Times» bereits Gratisessen und neue Smartphones für alle Mitarbeitenden eingeführt. Nun äussert sich auch die Personalabteilung im eingangs erwähnten E-Mail in Google-Manier: «Einige der besten Entscheide und Einsichten kommen von Flur- und Cafeteria-Diskussionen, dem Kennenlernen von neuen Leuten und Ad-hoc-Sitzungen von Teams.»

Eine Hintertür hält Yahoo seinen Mitarbeitern dennoch offen: All jene, die ein ungerades Mal wegen des Elektrikers zu Hause bleiben müssten, sollten ihre Entscheidungen «im Geiste der Zusammenarbeit» treffen.

Erstellt: 26.02.2013, 13:17 Uhr

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