«Gott verreckt am Kirchensprech»

Der Bestsellerautor Erik Flügge wirft den Pfarrern vor, mit verschwurbelter Sprache die Misere der Kirche zu überdecken. Und er hat einen radikalen Vorschlag.

«Theologen fragen mich: Was müssen wir ändern?» Erik Flügge, Kommunikationsberater. Foto: Thomas Egli

«Theologen fragen mich: Was müssen wir ändern?» Erik Flügge, Kommunikationsberater. Foto: Thomas Egli

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Zürcher Grossmünster hat neulich so zum Gottesdienst mit dem Dalai Lama eingeladen: «Das Friedensgebet im Zusammenhang mit dem Besuch Seiner Heiligkeit ist ein mut­machendes Zeichen für das Potenzial von Frieden und Gewaltlosigkeit der Religionen in Bezug auf die aktuellen Fragen von Migration und Integration, indem Spiritualität und Solidarität sich die Hände geben.»
Für Theologen ist das vielleicht einladend, die haben kein Problem mit diesem typischen Kirchensprech. Jeder Satz ist lang und verschachtelt, will möglichst alles reinpacken und alle ansprechen, niemanden verärgern. Keine Zuspitzung, keine Präzisierung. Es könnte sich ja nachher jemand beschweren, dass er nicht mitgemeint war oder etwas weggelassen wurde. Jeder Chefredaktor indessen würde sagen: Das versteht kein Leser.

Es ist eine Insidersprache: schwülstig, barock, verschwurbelt.
Es liegt vor allem daran, dass es in der Kirche eine grosse Unsicherheit gibt, ob man spalten darf oder alle immer vereinen und versöhnen muss. Jeder Journalist weiss: Eine gute Schlagzeile ist eine Schlagzeile, die die Leserschaft trennt, in Begeisterte und Abgeschreckte. Erfolgreich sind jene Zeitungen, die solche Schlagzeilen produzieren. Die Kirche aber produziert keine polarisierenden Sätze mehr aus lauter Angst, dass sie Mitglieder verliert.

Ein Beispiel?
Im Alten Testament verhärtet Gott das Herz des Pharao. Darum ist der Satz theologisch korrekt: «Gott ist manchmal ganz schön fies.» In der Kirche aber würden Leute aufschnellen und dem entgegenhalten: Gott ist doch die Liebe. Anderes Beispiel: Ich produziere für die Deutsche Bischofskonferenz das Verkündigungsprojekt «Valerie und der Priester». Eine feministische, atheistische Journalistin zieht ein Jahr in ein Pfarrhaus ein und begleitet den Pfarrer. Kirchliche Insider würden gerne einen zweiten und dritten Priester einführen. Sie haben total Angst davor, dass dieser eine Priester stellvertretend für alle verstanden wird. Wie langweilig aber wäre ein Projekt, das «Valerie und diverse katholische Priester» hiesse!

Sie nennen sich selbst «Werbefuzzi, Grossmaul und Besserwisser». Sieht man Sie so?
Diese Selbstbeschreibung habe ich ins Buch genommen, um Augenhöhe mit dem Leser herzustellen. Ich will ja nicht den Eindruck erwecken, die Wahrheit gepachtet zu haben. Ich werde häufig so vorgestellt an Veranstaltungen, aber es kommt mir relativ wenig als Kritik entgegen. Die Kritik richtet sich eher gegen die kirchlichen Veranstalter, die mich einladen: Wie könnt ihr dafür sorgen, dass Flügges Buch noch bekannter wird? Das ist vor allem in evangelischen Kirchen der Fall, wo Sprachkritik viel mehr an die Substanz geht als in der katholischen Kirche. Die setzt ja neben Predigt auch auf Liturgie.

Sie fühlen sich von der Kirche nicht abgeholt?
Das ist nicht das Drama. Das Drama ist für mich, dass nach neuesten Umfragen nur zehn Prozent der Katholiken am Sonntag in den Gottesdienst gehen. Bei den Evangelischen sind es noch weniger. Wenn es so wenig sind, funktionieren solche Gottesdienste einfach nicht. Da hilft es auch nichts, ein paar Kleinigkeiten zu ändern, eine Band reinzuholen oder auf trendiges Liedgut zu setzen. Es hilft nur, sich radikal zu verändern, in dem man sich an Jesus Christus orientiert. Der war ein Wanderprediger und hatte kein eigenes Haus. In der Kirche heisst es ständig: Jesus lädt dich ein. Quatsch! Der Typ hat nie jemanden zu sich eingeladen, er war immer bei anderen zu Besuch.

Darum raten Sie den Pfarrern: Machts wie der Chef, machts wie Jesus. Erzählt die Frohe Botschaft in Bildern des Alltags, am besten bei einem Bier am Tresen.
Journalisten schreiben gern über mein Buch: «Über Gott sprechen wie beim Bier». Damit assoziiert man Party und einen besoffenen Pfarrer. Darum geht es mir aber nicht. Wenn ich mich mit jemandem hinsetze und über Politik oder Fussball spreche, pflege ich eine Umgangssprache, die man versteht. Warum aber klingt diese Sprache, mit der wir Gott verhandeln, so anders? Das liegt daran, dass wir unnatürlich über Gott reden, als wäre Gott nicht Teil unseres Alltags. Diese abgehobene Sprache sorgt dann dafür, dass Gott nicht in der Politik stattfinden darf, nicht im Fussballstadion ...

Gott verreckt am Kirchensprech?
Genau. Ich weiss, man macht sich damit keine Freunde, aber man müsste mal unsere Liturgie hinterfragen. Das Grunderlebnis in der frühen Kirche war das Sprechen über den Glauben im Wohnzimmer bei einem gemeinsamen ritualisierten Essen. Davon sind unsere Kirchen maximal weit weg. Die Reformation hat Bänke in die Kirche gestellt und aus ihr einen Vorlesungssaal gemacht. Diese neue Liturgie der Vorlesung als Schriftlesung und Predigt funktioniert aber nur, wenn die Leute alle schon glauben. Wenn sie das Axiom der Kirche «Es gibt einen Gott, und er hat sich in der Bibel geoffenbart» nicht teilen, wird diese Vorlesung absurd. Ändert man die Strategie nicht, die Kirche jeden Sonntag zum Vorlesungssaal zu machen, verreckt sie an ihrer Sprache.

Was genau muss die Kirche ändern?
Viele Theologen fragen mich: Welche zehn Schritte müssen wir gehen, damit sich etwas ändert? Wenn ich aber eine Systemsprache habe, die versagt, sich an Menschen zu adressieren, kann ich nicht einfach zwei, drei kleine Stellschrauben drehen, dann muss ich eigentlich anderes Personal rekrutieren und die theologische Ausbildung ändern.

Versuchen Geistliche nicht auch, möglichst alles bedeutungsschwer und sinnschwanger zu gestalten?
Sie meinen die Gefühlsduselei, die man mit esoterischen Versatzstücken bewirkt, mit Tüchern, Kerzen, Räucherstäbchen. Der Pfarrer glaubt dann selber: Damit löse ich etwas aus, anders als mit meiner Predigt, bei der alle wegdämmern.

Sie schreiben, dass die Kirche mit Eso-Elementen wie «Barfuss im Sand gehen» oder «Kraftsteine aneinanderreiben» Betroffenheit auslösen und so ein Korrektiv zu ihrem Bedeutungsverlust herstellen will.
Anders als heute hatte die Kirche früher eine ungeheure Macht, vor allem seit sie im 3. Jahrhundert zur Staatskirche wurde und andere Religionen verboten wurden. Diese Machtausübung ist in der DNA der Kirche verankert. Wenn man in vorreformatorischen Zeiten die Hölle gepredigt hat, dann war die Hölle ganz real. Eine Ehe, die vor Gott geschlossen wurde, konnte nicht gebrochen werden.

Diese Macht ist mit der Säkularisierung weggebrochen?
Ja, die Kirche hat in vielen Bereichen ihre Relevanz abgegeben: Evolution anstatt Schöpfung, meteorologische Vorhersage statt Regenzauber, Götter in Weiss statt Gebet für die Gesundheit. Auch bei existenziellen Fragen wie: Komme ich in den finanziellen Ruin, wenn ich arbeitslos bin?, ist die Kirche entbehrlich. Heute ist das, wofür Religion früher zuständig war, anders vergeben. Das Einzige, wofür Religion noch zuständig ist, ist das Leben nach dem Tod. Darum haben wir heute eine Religion der Sinnkrisen und keine Religion des Alltags mehr.

Was bedeutet das für die Kirche und ihr Personal?
Das bedeutet, dass die Kirche erstmalig seit 1500 Jahren wieder inhaltlich überzeugen muss. Sie muss erklären, worums eigentlich geht, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist. Es ist wie in der Zeit, bevor das Christentum Staatsreligion wurde: Da konnte sich die Kirche nicht mit Machtausübung begnügen. Sie setzte vielmehr auf die Kraft der Glaubenszeugnisse. Petrus ging herum und erzählte, dass Jesus auferstanden sei. Auch heute gäbe es genügend Menschen, die von ihrer persönlichen Gotteserfahrung Zeugnis geben und erklären könnten: Ich glaube an Gott.

Aber sie tun es nicht?
Das ist das Grundproblem. Sie haben Angst davor, uns von ihrer Gotteserfahrung zu erzählen, und interpretieren dann irgendwelche Bibelstellen. Wenn sie erzählten, was sie erleben mit diesem Gott, dann wären sie auch weit weg davon, mit esoterischen Versatzstücken überzeugen zu müssen. Dann bräuchten sie keine lustigen Tücher, Räucherstäbchen und Klangschalen.

Sie müssten Sinn und Bedeutung nicht herbeibeschwören?
Ob sie sich nun mit esoterischen Versatzstücken behelfen oder mit abgehobenem intellektuellem Gerede über Gott: Beide Male entfällt eine glaubwürdige Erzählung von dem, was sie wirklich glauben, dass Jesus Christus als Gott am Kreuz gestorben ist: Das ist ein verrückter Glaube. Kein Pfarrer und kein Bischof mag mir glaubhaft von einem Wunder erzählen, von seiner Begegnung mit Gott. Darum glauben wir den Theologen nicht mehr, dass sie daran glauben, was sie sagen. Sie müssen an ihrer Glaubwürdigkeit arbeiten.

Sie sind Politikberater. Verhält sich die Kirche anders als die Politik?
Ich mache ständig Landtagswahlkämpfe oder Wahlkämpfe für Oberbürgermeister von roten und grünen Parteien. Nehmen wir den klassischen Fall, dass eine Partei die Wahl verliert: Dann wird an vielen Stellschrauben gedreht, das Spitzenpersonal tritt zurück, auch die zweite Reihe muss gehen, ein neuer Kurs wird gesucht. Die Kirche indessen verliert kontinuierlich und ändert nichts. Sie verliert jeden Sonntag, holt nur noch zwischen fünf und zehn Prozent ihrer Leute ab. Das ist ein miserables Ergebnis. Trotzdem tauscht die Kirche den Pfarrer nicht aus, tauscht den Bischof nicht aus, nicht die Gottesdienstform, nicht die Musik und nicht die Verkündigung. Jedes Jahr gibt es weniger Kirchenbesucher. Irgendwann ist man bei null.

Erstellt: 07.11.2016, 20:00 Uhr

Erik Flügge

Störenfried

In seiner Jugend war er Ministrant. Er studierte Germanistik und Politologie. Heute berät der 30-jährige Deutsche Politiker bei ihren Kampagnen. Sein Buch «Der Jargon der Betroffenheit: Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt» (Kösel-Verlag, ca. 25 Franken) ist ein Bestseller.

Artikel zum Thema

Nonnen flüchteten ins Freie

Video In Norcia hat das Erdbeben eine Kirche beschädigt. Als der Glockenturm einzustürzen droht, müssen Rettungskräfte die Nonnen in Sicherheit bringen. Die ersten Bilder im Video. Mehr...

Mit Tim Kaine beim Gottesdienst

Clintons Mitstreiter war kürzlich in der Kirche in Richmond. Wir auch. Mehr...

«Für die Kirche zahle ich nicht»

Video Der Eintritt in die Fraumünster-Kirche kostet neuerdings zwei Franken – sehr zum Ärger der Besucher. Ihre Reaktionen im Video. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Aufgeblasen, aber nicht abgehoben: Vor dem Start in Chateau-d'Oex kontrollieren Besatzungsmitglieder die Hülle ihres Heissluftsballons. In der Schweizer Berggemeinde findet bis derzeit die 42. Internationalen Heissluftballonwoche statt. (26. Januar 2020)
(Bild: Jean-Christophe Bott) Mehr...