Laura de Weck

Gute-Nacht-Geschichte

Eine Geschichte über die ungerechte Verteilung des Geldes und die Steuereinsparungen der Superreichen.

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1 Franken braucht Marie für einen Kaugummi. So viel Geld hat sie nicht. Sie könnte Adam fragen, aber:

3 Franken braucht Adam der Syrier für Schulhefte und Bücher. Er könnte Ecopop darum bitten, aber:

Mit 40 Franken Spende will Ecopop Paaren zum Kinderstopp verhelfen. Hagen könnte das Geld spenden, aber:

Für 100 Franken erhält Hagen auf dem Strich einen geblasen. Vielleicht kann Djaffer helfen, aber:

540 Franken braucht Djaffer für die Beerdigung seiner Mutter. Er könnte Susan bitten, aber:

2800 Franken spart Susan für einen neuen, prallen Busen. Sie könnte Zola anhauen, aber:

6400 Franken fehlen Zola für einen Schlepper nach Europa. Das Ehepaar Kunz hat Kohle, aber:

35'000 Franken müssten die beiden hinblättern für ihren Kinderwunsch. Sie kennen Jack, aber:

60'000 Franken beantragt Jack für sein politisches Kunstprojekt. Die Caritas könnte dazu beitragen, aber:

250'000 Franken sammelt die Caritas für Kriegsversehrte in Sri Lanka. Sie könnte Boyan Slat fragen, aber:

1,7 Millionen Franken braucht Slat, um die Meere vom Plastikmüll zu säubern. Er könnte die CS bitten, aber:

9 Millionen wendet die CS für ihren CEO auf, auch wenn er ihr Probleme in den USA eingehandelt hat. Vielleicht kann Bayern München helfen, aber:

51 Millionen würde Bayern brauchen, um Gareth Bale zu kaufen. Uli Hoeness kann nicht mehr helfen. Er spendet jetzt der Unicef, denn:

63 Millionen braucht die Unicef für ein panafrikanisches Bildungsprojekt. Sie könnte Maurer anschreiben, aber:

160 Millionen wollte Ueli Maurer für einen Gripen aufwenden. Vielleicht kauft Argentinien einen, aber:

1,3 Milliarden soll Argentinien sparen, um seine Schulden bei verschiedenen Hedgefonds abzutragen. Die Regierung könnte Kweku Adoboli fragen, aber:

2 Milliarden verzockte Adoboli als Angestellter der UBS. Um das Loch zu stopfen, könnte er sich an die Philippinen wenden, aber:

3 Milliarden brauchen die Philippinen für den Wiederaufbau nach dem jüngsten Taifun. Vielleicht kann die UNO helfen, aber:

6 Milliarden Franken plant die UNO, für den Kampf gegen den Welthunger aufzuwenden. Vielleicht springt Bill Gates ein, denn:

67 Milliarden Franken hat der reichste Mann der Welt. Die Hälfte seines Vermögens hat er in eine Stiftung eingebracht. Mit dem vielen Geld könnte er Marie den Kaugummi, Adam die Bildung, Ecopop einen Kondomshop, Hagen ein sexuelles Abenteuer, Djaffer die Totenfeier, Susan den Busen, Zola die Flucht nach Europa, den Kunzes die künstliche Befruchtung, Jack ein Kunst- und der Unicef ein Bildungsprojekt, Hilfe für Sri Lanka und die Weltmeere, der CS den CEO und den Bayern den Flügelspieler Bale, Maurer seinen Gripen, Argentinien und Adoboli ihre Schulden und den Philippinen den Wiederaufbau bezahlen. Darüber hinaus hätte er genug Geld, den Hunger auf der Welt zu besiegen. Aber er tut es nicht.

Er hat zu Recht seine eigene Ansicht. Und nicht das Volk, nicht die Politik, sondern er und seine Freunde entscheiden, wen das Glück trifft.

Das ist das Ende dieser Geschichte: Die Superreichen haben kapiert, dass ihre riesige Vermögensanhäufung ungerecht ist.

Also spenden sie fein, und sparen nebenbei die Steuer ein.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.07.2014, 06:30 Uhr

Laura de Weck: Die Autorin und Schauspielerin wechselt sich als Kolumnistin mit Ex-Preisüberwacher Rudolf Strahm und mit Politgeograf Michael Hermann ab.

Laura de Weck liest ihre Kolumne.

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