«Gutes Benehmen ist vielen zu mühsam»

Benimmexperte Thomas Schäfer-Elmayer über unhöfliche Reiche, Tanzkurse im Gefängnis und den Angstschweiss junger Männer.

«Ich muss mir immer bewusst sein, dass mich die Leute beobachten»: Thomas Schäfer-Elmayer. Foto: Georg Hochmut (PA)

«Ich muss mir immer bewusst sein, dass mich die Leute beobachten»: Thomas Schäfer-Elmayer. Foto: Georg Hochmut (PA)

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Zwischen Staatsoper und Hofburg liegt in einer kleinen Seitenstrasse in Wien die wohl berühmteste Tanzschule Österreichs: der Elmayer. Seit 1987 führt Thomas Schäfer-Elmayer, 73, dort die Geschäfte. Er ist nicht nur Experte für den formvollendeten Wiener Walzer, sondern auch für Etikette. Zuletzt erschienen: «Der grosse Elmayer», 500 Seiten mit Tipps für gutes Benehmen. Bevor die Tanzkurse in den Parkettsälen im Erdgeschoss losgehen, bittet Schäfer-Elmayer, schwarzes Sakko, akkurat gebundene Krawatte, in den ersten Stock in einen Besprechungsraum. Er überreicht seine Visitenkarte. Nach dem Gespräch muss er schnell weiter, zu einer Ballprobe in den Wiener Musikverein.

Herr Schäfer-Elmayer, reden wir über Geld. Gehört sich das überhaupt?
Eigentlich ist das tabu. Zumindest in Europa, da spricht man im Small Talk, oder wenn man jemanden neu kennenlernt, nicht über Geld. In den USA ist das anders. Dort gibt es eine sehr viel schönere Einstellung zu Erfolg. Die freuen sich, wenn jemand viel Geld verdient.

Und hierzulande freut man sich nicht?
Wir sind eher neidig, wenn jemand viel Geld hat. Wenn die Leute in der Zeitung lesen «Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer», schürt das leider auch diesen Neid.

Mit Geld sollte man daher nicht prahlen.
Das würde ich empfehlen. Es wird sonst, unter Umständen, schnell als angeberisch interpretiert.

«Ich habe bei meinen Benimm-Seminaren festgestellt, dass arme Leute sehr gutes Benehmen haben können.»

Also sollte ein reicher Mensch nicht Porsche fahren?
Da kann jeder seine eigene Strategie haben. Warum sollte man sein Vermögen nicht geniessen? Ich habe das gegenteilige «Problem». Ich fahre einen 23 Jahre alten Opel ohne Klimaanlage. Neulich hält an der Kreuzung neben mir ein Porsche. Eine Dame sitzt am Steuer, sie schaut kurz herüber, blickt nach vorne, schaut wieder herüber. Ihren Blick deutete ich so: «Da sitzt echt der Elmayer in einem alten Opel drinnen! Der muss pleite sein!»

Warum kaufen Sie keinen neuen Wagen?
Weil der alte sehr zuverlässig und klein ist. Ideal für den Stadtverkehr. Warum sollte ich dann ein anderes Auto fahren? Für grössere Reisen habe ich ein anderes Auto.

Was fahren Sie da?
Einen Hybrid, der ist aber auch schon wieder neun Jahre alt.

Wie viel Geld braucht man für ein gutes Leben?
So 4000, 5000 Euro brutto im Monat wären gut, dann kann man ziemlich sorgenfrei leben.

Was halten Sie vom bedingungslosen Grundeinkommen?
Gar nichts. Ich halte nichts davon, wenn Menschen, die absolut keine Leistung bringen, so etwas kriegen. Ich bin sehr der Meinung unseres Bundeskanzlers Sebastian Kurz. Er sagt: «Wir verhaften dann die Leute in ihrem Zustand, weil Arbeiten sich überhaupt nicht für sie lohnt.»

«Seit 1926 arbeitet unsere Tanzschule auch mit Häftlingen.»

Den Österreichischen Bundeskanzler Sebastian Kurz finden Sie gut, oder?
Schon. Er ist politisch ein unglaubliches Talent, keine Frage.

Viele sagen, dass er älter als 32 wirkt.
Das kann ich eigentlich nicht sagen. Aber als er 2011 als Staatssekretär angelobt wurde, war er noch sehr jung. Er ist, so wie Sie jetzt hier sitzen, ohne Krawatte zum Bundespräsidenten gegangen. Das, sage ich ehrlich, fand ich damals nicht in Ordnung. Aber politisch hat er damit ein Zeichen gesetzt, das ihm bestimmt Anerkennung bei vielen Leuten brachte. Er strahlte viel Selbstvertrauen aus.

Als Bundeskanzler trägt er Krawatte.
Nicht immer, aber sehr häufig. Das finde ich auch wichtig, weil er jetzt als Kanzler Österreich repräsentiert. Solche Dinge gehören schon dazu.

War Herr Kurz in Ihrer Tanzschule?
Nein, obwohl viele dies wegen seines sicheren Auftretens vermuten.

Woran liegt es, dass man gutes Benehmen mit reichen Menschen verbindet?
Vielleicht, weil es mit Höflichkeit zusammenhängt. Viele unserer Benimmregeln sind ja auf das höfische Benehmen in Europa zurückzuführen. Ich habe aber bei meinen Benimm-Seminaren – auch im Gefängnis – immer wieder festgestellt, dass Leute, die absolut nicht aus der High Society kommen, sehr gutes Benehmen haben können, während manche reiche Leute sich schlecht benehmen.

Im Gefängnis?
Seit 1926 arbeitet unsere Tanzschule auch mit Häftlingen. In erster Linie geht es um Resozialisierung, etwa darum, sie auf Bewerbungsgespräche vorzubereiten. Damit sie ihre Chancen besser nutzen können.

«Ich habe auch schon bei Kleidungsvorschriften Fehler begangen, weil ich die Einladung nicht genau gelesen habe.»

Was ist der wichtigste Rat?
Taktgefühl, Einfühlungsvermögen, Menschenkenntnis geben uns die grösste Chance, im Umgang mit anderen Fehler zu vermeiden. Die Benimmregeln gehören zu unserem Allgemeinwissen.

Und was bringen Sie einem Generaldirektor bei?
Führungskräften geht es eher um knifflige Fragen, zum Beispiel, wie sie sich bei manchen gesellschaftlichen Anlässen richtig verhalten. Ein Generaldirektor zum Beispiel hatte eine Loge beim Opernball und hochrangige Gäste eingeladen. Er erzählte mir später, dass er mein Buch dabeihatte und immer wieder heimlich nachgeschlagen hat, weil er nicht wusste, wie er diesen oder jenen Gast korrekt ansprechen muss.

Sie haben neun Benimm-Bücher herausgegeben. Über die Jahre gesehen: Steigt der Bedarf an solchen Ratgebern?
Der Bedarf wäre schon da. Aber den Bedarf sieht man in erster Linie bei den anderen. Selber gutes Benehmen zu praktizieren ist vielen Leuten zu mühsam. Das ist so wie bei Umweltschutz oder alternativer Energie. Das finden alle gut – aber niemand will ein Windrad vor seiner Tür haben.

In Österreich kennt Sie jeder als Instanz für gutes Benehmen.
Ja, ich habe nur wenig Privatleben. Egal, ob ich in den Ferien auf der Insel Rügen bin oder in der Normandie. Ich bin wirklich nirgends inkognito. Ich muss mir immer bewusst sein, dass mich die Leute beobachten.

Passieren Ihnen eigentlich Fauxpas?
Natürlich! Nur wer nichts tut, macht keine Fehler.

Das glauben wir nicht.
Folgende Situation: ein Herr und eine Dame. Und ich begrüsse zuerst den Herrn! Ich habe auch schon bei Kleidungsvorschriften Fehler begangen, weil ich in der Hektik die Einladung nicht genau gelesen habe. Zum Beispiel bei einer Benefizveranstaltung im Palais Liechtenstein. Ich gehe aus der Parkgarage, und alle Herren tragen Smoking. Ich war einer von ganz wenigen im dunklen Anzug ohne Lackschuhe.

Und Lackschuhe hat so jemand wie Sie nicht zur Sicherheit im Auto?
Nein. Kälte ist nicht so gut für Lackschuhe.

Wann haben Sie einer Frau den ersten Handkuss gegeben?
Da war ich sechs Jahre alt.

Freiwillig?
Nein, es gab auch keine Belohnung wie ein «Zuckerl» oder so. Aber es ist erwartet worden. Das war in Hohenems in Vorarlberg, wo ich drei Jahre lang aufgewachsen bin. Die dort ansässige Gräfin musste man mit Handkuss begrüssen, auch wenn man noch ein Kind war.

Das klingt nach vornehmen Kreisen, in denen Sie da gross geworden sind.
Der eine Grossvater war der Elmayer, in dessen Tanzschule in Wien alle gegangen sind. Der andere Grossvater war ein weltberühmter Arzt. Die Society, Künstler, Diplomaten waren bei ihm Patienten. Mit diesen Leuten hatte ich von klein auf zu tun. Ich hätte diese Beziehungen beruflich nutzen können.

Sie haben Österreich dennoch verlassen und nach Ihrem Wirtschaftsstudium 17 Jahre lang im Ausland gearbeitet.
Ich wollte mir auf keinen Fall von meinen Verwandten helfen lassen. Ich wollte es alleine schaffen. Mir ist das immer schon wichtig gewesen.

«Kleidung erzeugt eine gewisse Atmosphäre.»

Sie sind dann zurückgekommen, weil Ihr Grossvater testamentarisch festgelegt hatte, dass Sie die Tanzschule übernehmen.
Nicht jeden testamentarischen Wunsch muss man erfüllen. Ich habe wirklich nie daran gedacht, sie zu übernehmen, weil ich eine sehr spannende und erfolgreiche Industrielaufbahn hatte.

Wie war es, von einem Weltkonzern in ein kleines Familienunternehmen zu wechseln?
Psychologisch war für mich belastend, dass hier oft die Meinung herrschte: Der junge Elmayer setzt sich ins gemachte Nest und muss jetzt nichts mehr tun. Das war natürlich keineswegs so.

Wer geht denn heute überhaupt noch in die Tanzschule?
Tanzunterricht ist nach wie vor sehr gefragt, aber in den Siebzigern und Achtzigern war er es viel mehr. Durch die ORF-Sendung «Dancing Stars»...

... in der Sie zehn Staffeln lang zur besten Sendezeit in der Jury sassen ...
... hat es wieder einen Aufschwung gegeben. Als der Fussballer Toni Polster Zweiter in der ersten Staffel wurde und fast gewonnen hätte, hat ja kein Mann mehr die Ausrede gehabt, er könne nicht tanzen.

Zeigte sich offen gegenüber neuen Tanzstilen: Thomas Schäfer-Elmayer führt das «Krochn» im Anzug vor. Video: CEEA/ Youtube

Ein Jugendtanzkurs, der von September bis Juni geht, kostet bei Ihnen 400 Euro. Das ist teurer als so manche Mitgliedschaft im Fitnessstudio. Wer leistet sich das?
400 Euro sind aufs ganze Jahr gerechnet nicht so viel. Wir haben jeden Tag ein paar Hundert Jugendliche hier. Neben dem Tanzen bekommen sie ja sehr viel geboten.

Was denn noch?
Wir vermitteln Allgemeinwissen in Umgangsformen. Sie bekommen mein Buch geschenkt. Sie können gratis ein Benimmzertifikat bekommen, indem sie einen Test absolvieren. Und sie können mit mir essen gehen und ein Etiketteessen erleben. Essen und Getränke müssen sie natürlich zahlen, aber ich bin für unsere Jugend gratis dabei. Ausserdem ist die Tanzschule Elmayer seit Generationen einer der beliebtesten Jugendtreffpunkte in Wien. Auch die zahlreichen Balleröffnungen, die wir der Jugend bieten, sind sehr attraktiv.

Auf Ihrer Homepage steht, dass aus finanziellen Gründen niemand ausgeschlossen werden darf. Wie oft kommt es vor, dass jemand den Tanzkurs nicht bezahlen kann?
Sehr oft. Wir haben so 200 Leute, die ermässigt bis gar nichts zahlen. Anfangs haben wir den Nachlass ohne Nachweis gewährt, bis wir draufgekommen sind, dass es ausgenutzt wird. Seither muss ich leider Gottes einen Einkommensbescheid sehen.

Die Kleiderordnung an Ihrer Schule ist ziemlich streng. Die Herren müssen etwa weisse Zwirnhandschuhe tragen.
Kleidung erzeugt eine gewisse Atmosphäre. Die Handschuhe sind vor allem wirklich angenehm. Die jungen Herren sind sehr froh, dass die Damen ihre schwitzenden Hände nicht spüren. Die Damen sind auch froh. Sie wechseln ja immer wieder den Tanzpartner, und es wäre unangenehm, wenn sie den Geruch der Personen an den Händen hätten.

Was kosten die Handschuhe?
18 Euro. Wer sie vergessen hat, kann sie ausleihen. Für 1,50 Euro.

Bis 2008 organisierten Sie die Eröffnung der Debütanten am Opernball, also den Höhepunkt des Faschings in Wien. Macht man das aus Prestige – oder wegen des Geldes?
Aus Prestige, und aus Tradition. Wir haben dafür gar kein Geld bekommen. Mein Grossvater hat ja die ersten Bälle in der Staatsoper selbst organisiert. Nicht nur die Eröffnung, sondern alles. Er hatte 1935 die Idee, dass man die Sitzreihen herausnimmt und durch die Verbindung mit der Bühne eine grossartige Tanzfläche erhält. 2008 habe ich den Opernball das letzte Mal eröffnet, was mich damals geschmerzt hat. Aber das war mehr eine Angelegenheit zwischen mir und dem damaligen Herrn Staatsoperndirektor. Wir waren nicht sehr kompatibel.

«Meine Kinder sind komplett ihren eigenen Weg gegangen. Die brauchen kein Erbe.»

Allein die Eintrittskarte für den Opernball kostet 315 Euro, ein Paar Würstel kosten gut zehn Euro. Ist das nicht übertrieben?
Das ist natürlich horrend. Es kommt aber der Staatsoper zugute und damit unserer Kultur, dann ist das vielleicht nicht schlecht.

Am Ende Ihres Buches zitieren Sie Andrew Carnegie, einen amerikanischen Stahlmilliardär: «Wer reich stirbt, stirbt ohne Ehre.» Wie halten Sie es: Sollte man sein Geld verprassen oder es den Kindern hinterlassen?
Meine Kinder sind komplett ihren eigenen Weg gegangen. Gott sei Dank. Die brauchen kein Erbe. Ich frage mich, ob es überhaupt gut für sie wäre, wenn sie viel Geld von mir erben würden. Ich finde andererseits, dass man die Pflicht hat, karitativ tätig zu sein. Hilfsbereitschaft ist ein Eckpfeiler guten menschlichen Benehmens.

Erstellt: 16.03.2019, 20:48 Uhr

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