Hauen Sie rein, sündigen Sie!

Nur ein fittes Leben ist ein gutes Leben, so das Credo unserer Zeit. Aber macht das auch glücklich?

Hingabe statt Mässigung: Ist lustiger, als beim Joggen angestrengt Kalorien zu verbrennen. Foto: Getty Images

Hingabe statt Mässigung: Ist lustiger, als beim Joggen angestrengt Kalorien zu verbrennen. Foto: Getty Images

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«Sie ist halt eine Geniesserin.» Dieser Satz fiel kürzlich am Nebentisch, als eine der Frauen in der Runde ein drittes Glas Wein bestellen wollte. Es war nicht als Kompliment gemeint. «Geniesserin» klang eher wie ein Schimpfwort. Wie Tussi. Oder Schlampe.

Im Fitnesszeitalter gelten Bonvivants als die neuen Prolls. Rausch, Zügellosigkeit, Ekstase – alles furchtbar unchic und vorgestrig, weil angeblich gesundheitsschädigend. Wer kein ignoranter Idiot ist, lebt massvoll. Sprich: diszipliniert und achtsam. Im Januar ganz besonders. Da ist Detox angesagt, also Entgiftung von dem bisschen Alkohol und den paar Guetsli, die sich die Vernünftigen über die Feiertage dann doch nicht verkneifen konnten.

Verständlich, denn Vernünftigsein macht selten glücklich. Sterbende bedauern denn auch kaum, dass sie zu wenig stilles Wasser getrunken haben, wenn sie auf ihr Leben zurückblicken. Die meisten halten es eher mit Gölä: «I hätt no viu blöder ta.» Man hätte definitiv mehr sündigen, sich austoben und öfter danebenbenehmen sollen. Trotzdem gilt heute: Nur ein fitter Mensch ist ein guter Mensch.

Joggen und spätestens mit 40 das Rauchen aufgeben

Wie sehr uns der Zwang zu einem gesunden Dasein im Griff hat, kann man täglich in urbanen Naherholungszonen beobachten. Vor 20 Jahren ging man hier spazieren, heute joggt man. Morgens, mittags, abends. Väter und Mütter mit Kinderwägen, Arbeitskolleginnen, die im Trab Geschäfte besprechen, keuchende Anfänger genauso wie Routiniers mit Smartband am Arm. Sich erholen bedeutet offenbar rennen. Spaziergänger werden wie Sonderlinge beäugt, die primär im Weg stehen und mühsam überholt werden müssen, weil sie nicht begriffen haben, dass Flanieren erst ab 75 gesundheitsfördernd ist. Die joggende Masse kann da nur die Augen verdrehen: So sind sie halt, diese Geniesser.

Genau, so sind sie. Genussmenschen scheren sich wenig um den Zeitgeist. Das lustfeindliche Bemü­hen um Selbstoptimierung überlassen sie lieber anderen. Sie brauchen weder strenge Ernährungsratgeber noch smarte Vermessungsgadgets, um sich wohlzufühlen. Sie wissen selbst, was ihrem Körper und Geist guttut. Noch ein Glas von diesem feinen Wein? Oh ja, gern! Heute früh ins Bett, weil morgen um sieben der Wecker klingelt? Sicher nicht, es ist gerade so lustig mit den Gspäändli!

Die wenigen übrig gebliebenen Hedonisten leben frei nach dem Motto: Hingabe statt Mässigung. Intuition statt Disziplin. Darum haben sie auch nicht das Ziel, im Park 357 Kalorien zu verbrennen und dadurch 0,5 Stunden mehr Lebenszeit zu gewinnen. Sie gehören zur entspannten Sorte, zu den Optimisten, die ihre Lebenszeit lieber in Echtzeit verjubeln – und deshalb ohne schlechtes Gewissen inmitten des joggenden Gewusels auf einer Parkbank sitzen und genüsslich vor sich hin rauchen.

Letzteres ist schon fast ein Affront. Die meisten Erwachsenen sind spätestens ab 40 Ex-Raucher – eine der sinnvollsten Entscheidungen überhaupt, wie gern betont wird. Aber Hand aufs Herz: Hat das Bier mit einer Zigarette nicht irgendwie abenteuerlicher geschmeckt? Und was ist mit der ersten Zigarette am Morgen? Dieser kontemplative Moment, wenn man die Welt auf sich wirken lässt, bei jedem Zug ein bisschen mehr vom Tag begreift und filmreif den Rauch in die Morgenluft hinausbläst? Kein Frühyoga der Welt kann dieses Ritual je toppen.

Klar, Ex-Raucher können jetzt endlich Berge hinaufrennen. Das tun sie auch regelmässig, weil sie sich «spüren» wollen, wie es jeweils heisst, wenn man fitte Menschen fragt, warum sie sich all die Extremsportarten antun. Aber was «spüren» sie eigentlich? Muss einem alles wehtun, damit man sich am Leben glaubt? Und müssen alle erst diesen ominösen inneren Schweinehund überwinden, um sich selbst zu finden?

Gute Freunde und Geselligkeit sind die besten Fitmacher

Mitnichten. Man kann sich auch gehen lassen – und den Begierden nachspüren. Etwa Spaghetti carbonara inklusive Dessert statt Quinoa-Salat ohne Sauce bestellen. Die Glückshormone werden ausflippen. Oder statt pflichtbewusst ins Krafttraining lieber mit netten Menschen absacken. Vielleicht wieder mal flirten, einfach so, weil es Spass macht. Leidenschaft ist nun mal masslos und undiszipliniert. Aber bitter nötig, will man sich im Alltagstrott wieder «spüren».

Wer wirklich «bewusst» leben will, sollte zwischendurch also zwingend ein paar Lebensjahre riskieren. Ohne Reue – das macht bloss Falten – und schon gar nicht mit dem Vorsatz, das sündige Vergnügen in einem Achtsamkeitsworkshop kompensieren zu müssen. Ob man gesund bleibt und zufrieden lebt, hängt nämlich nicht primär davon ab, wie viel Gemüse man isst oder wie oft man Sport treibt. Ausschlaggebend ist die Qualität der Beziehungen, die man pflegt, wie Langzeitstudien belegen. Gute Freunde und Geselligkeit sind die besten Fitmacher.

Schon deshalb sollte man aufpassen, vor lauter Mässigung nicht zum Langweiler zu werden. Auch die liebsten Freunde wollen nicht ständig hören, wie toll dieses Frühyoga ist und dass alkoholfreie Cocktails wirklich gut schmecken. Die besten Entertainer sind selten strenge Asketen, sondern Menschen, die spontane Verlockungen nicht scheuen. Nur wer sich ins Leben stürzt und ein paar Abgründe überwindet, hat auch etwas zu erzählen – und Verständnis für die Unzulänglichkeiten der anderen.

Sündigen lohnt sich. Nicht erst rückblickend, sondern ab sofort.



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Erstellt: 12.01.2020, 22:12 Uhr

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