Hintergrund

Herr Doktor, wie krank sind wir eigentlich?

Fast jede Krankengeschichte beginnt beim Hausarzt. Fühlen wir uns nicht gut, landen wir bei ihm – und mit uns die physischen und psychischen Malaisen unserer Gesellschaft. Was führt uns heute in die Sprechstunde? Woran leiden wir? Zwei Hausärzte aus Stadt und Land erzählen.

Bild: Schaad

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Der Stadtarzt: «Manche möchten einfach mal in die Röhre»

Urs Schneider-Möhr ist seit 20 Jahren Hausarzt an der Langstrasse in Zürich. Einige Patienten wollen extra an ihrem Geburtstag einen Termin bei ihm.

«In meinem Wartezimmer sitzt die ganze Welt. Menschen aus verschiedensten Kulturkreisen, mit verschiedensten Beschwerden. Einige Patienten wollen einfach mal einen Check machen, weil sie schliesslich pro Monat so und so viel Prämie bezahlen müssen. Dahinter verbergen sich oft auch Ängste. Bin ich wirklich gesund? Oder ist da ein Krebs? Der Trend zu solchen Sorgen zieht sich durch alle Schichten und hat nichts mit der kulturellen Herkunft zu tun. Manche möchten einfach mal in die Röhre, um schwarz auf weiss zu sehen, dass da nichts Schlimmes ist.

Wir Ärzte können heute mehr abklären, wir haben die technischen Möglichkeiten, also müssen wir auch mehr machen. Das ist ganz klar. Blut untersuchen und röntgen reicht nicht. Man will sicher sein. Und wir Ärzte haben mehr Angst vor juristischen Konsequenzen als früher. Amerika lebt uns das schön vor: Wehe, einer unterlässt eine Abklärung oder Behandlung! Inzwischen bin ich überzeugt, dass man sauber abklären soll, wenn Ängste da sind – und sei es nur, damit diese nicht grösser und die Folgekosten nicht gigantisch werden. Sonst rennen die Leute von Arzt zu Arzt und suchen einen, der ihnen das MRI oder die Magenspiegelung doch noch durchführt.

Stark zugenommen haben forsche Forderungen. Ein Herr droht, ich bekomme es mit seinem Anwalt zu tun, wenn ich ihn nicht krankschreibe. Eine Frau sagt, sie komme nie mehr zu mir, wenn ich keine Mammografie verordne, obwohl klar ist, dass der kleine Knoten in der Nähe ihrer Brust kein Tumor ist. Solche Drohungen sind häufig Ausdruck von Unsicherheit, Stress. Die Menschen stehen generell mehr unter Druck als vor 20 Jahren. Damals hiess es immer wieder: So, ich ziehe jetzt meine Woche Grippe ein. Heute macht das kein Mensch mehr. Allein die Vorstellung, einen Tag im Job zu fehlen, löst Panik aus. Man könnte ja entlassen werden.

Schweizer wollen pflanzliche Sachen, eher keine Medikamente. Patienten aus Süd- und Mittelamerika dagegen brauchen irgendeine Tablette. Auch Thailänderinnen schlucken lieber Pillen. Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien haben Spritzen gern: Alle sechs Wochen einmal eine gegen chronische Rückenschmerzen bedeutet für sie und ihr Umfeld, dass sie wirklich etwas haben.

Im Prinzip sind wir alle gesundheitsbewusster geworden, unabhängig vom Herkunftsland. Was zunimmt, ist die Isolation von Einzelnen, die Einsamkeit, und zwar mitten in der Stadt. Da gibt es Menschen, die kommen nie aus ihrer Wohnung. Diese Woche haben sich grad zwei Patienten extra einen Termin an ihrem Geburtstag gewünscht. Damit ihnen wenigstens einer gratuliert. Verrückt. Dann denke ich: Irgendwie habe ich heute oftmals zusätzlich die Funktion, die früher der Dorfpfarrer hatte.»

Der Landarzt: «Wenn man mit dem Sport aufhört, beginnen die Probleme»

Markus Schiltknecht ist seit 7 Jahren Hausarzt im solothurnischen Gerlafingen. Er sieht, wie die Wirtschaftskrise den Leuten auf die Gesundheit schlägt.

«Rückenprobleme gibts bei mir mehr als sonst wo. Das hat auch mit der Geschichte zu tun: Die Von Roll in Gerlafingen war der Arbeitgeber schlechthin, da krampften viele Angestellte das Leben lang schwer körperlich. Kommt dazu, dass viele Leute heutzutage ihren Körper wie einen Kleiderbügel benützen: am Morgen raus, dann soll er funktionieren, am Abend wieder rein. Zwar reden alle von gesunder Ernährung. Aber das Körperbewusstsein ist kaum vorhanden. Zwischen 35 und 50 hören viele, die früher Sport machten, plötzlich auf. Wegen der Familie, wegen des Jobs, was auch immer. Der Körper bekommt auf einmal sein Futter nicht mehr: die Bewegung. Und das verträgt er gar nicht. Dann beginnen die Probleme.

Die schwierigsten und aufwendigsten Patienten sind jene mit chronischen psychosomatischen Beschwerden. Und von denen gibts immer mehr. In Zeiten der Wirtschaftskrise nimmt die psychosoziale Belastung am Arbeitsplatz zu. Magenprobleme, Schwindel, Kopfweh, Übelkeit, Schwäche, das höre ich oft. Schwindel ist das Schlimmste. Ein fürchterliches Symptom: Es ist nicht eingebildet – den Patienten ist wirklich schwindlig, gleichzeitig kann man mit zwei oder drei Tests ausschliessen, dass etwas Schlimmes dahintersteckt. Dann brauchts viel Zeit und Taktgefühl. Man muss die Betroffenen mit Handschuhen anpacken, sachte mögliche psychische Hintergründe ansprechen. Die tiefstschwellige Erklärung ist das Stressmodell: Der Körper reagiert auf Stress, macht uns, indem er krank wird, darauf aufmerksam, dass etwas nicht stimmt. Damit können die meisten etwas anfangen. Meist reicht die hausärztliche Beratung. Ganz wichtig, das erwarten heutige Patienten: dass man die Beschwerden ernst nimmt. Häufig nehme ich Blut, manchmal gebe ich dann etwas, um den Blutdruck zu steigern. Viele stehen auf pflanzliche Mittel.

Es gibt tatsächlich viele Menschen, die sich existenziell bedroht fühlen. Sie sind verunsichert, haben Versagensangst. Das kommt nicht direkt; es zeigt sich erst nach diversen Abklärungen. Man darf einfach nicht in Panik fallen, auch als Betreuer nicht. Oft wünschen sich Patienten eine Röhrenuntersuchung, also eine Computertomografie oder Magnetresonanz, die den Körper in genauen Details abbildet. Diesen Wünschen muss ich gelegentlich entsprechen, obwohl die medizinische Indikation dafür fehlt. Die Leute haben im Internet nachgeschaut und glauben, das gehöre unbedingt dazu. Das macht mich verrückt. Für mein Ego ist es eine schwierige Situation, denn ich weiss, dass es nicht nötig wäre und viel kostet. Aber eben, manchmal muss ich nachgeben, damit der Patient sich wieder sicher fühlt. Es gibt einige Patienten, die jeden Monat kommen, weil es ihnen Sicherheit gibt im Leben. Struktur.»

Erstellt: 02.11.2010, 20:50 Uhr

Urs Schneider-Möhr (55)
Der Stadtarzt arbeitet 100 Prozent in einer Gemeinschaftspraxis mit seiner Frau (Psychologin FSP) und macht Hausbesuche. Er sieht pro Tag 40 bis 50 Patienten.

Markus Schiltknecht (44)
Der Landarzt arbeitet zu 90 Prozent in einer Gemeinschaftspraxis und macht Haus- und Altersheimbesuche. Er behandelt auch Kinder. Pro Tag sieht er 30 bis 40 Patienten.

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