Hetze gegen eine halbe Million Menschen

Mit Klischees ist der Balkan nicht zu erklären. Ein Stück Schweizer Geschichte zeigt, weshalb.

Ankunft der ersten Gruppe von Landarbeitern aus dem damaligen Jugoslawien am 9. Mai 1964 in Buchs. Foto: Keystone

Ankunft der ersten Gruppe von Landarbeitern aus dem damaligen Jugoslawien am 9. Mai 1964 in Buchs. Foto: Keystone

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Ein Gespenst geht um in der Schweiz – das Gespenst der «Balkan-Machos». Nach den Rasern, Sozialschmarotzern, Scheininvaliden, Drogendealern wird gerade in vielen Schweizer Medien ein neues Feindbild gemalt. Diese barbarischen Teufel aus den tiefsten Schluchten des Balkans, die Karl May einst beschrieben hatte, ohne jemals dort gewesen zu sein, würden die Frauen verachten und mit einer vulgären Sprache beleidigen.

Wie entsteht so eine Kampagne? Das sehen wir erneut seit dem vergangenen Wochenende. Offenbar gibt es in einer Schule in der Ostschweiz Probleme mit sehr jungen Männern aus dem Balkan. Offenbar beschimpfen, bedrohen und erniedrigen sie ihre Schulkolleginnen. Das Verhalten der Schüler ist inakzeptabel, die Schulbehörde muss eingreifen.

Das Thema darf nicht ignoriert werden. Aber reicht ein Beispiel aus, um in mehreren Medien eine Hetzkampagne gegen Menschen aus dem Balkan zu starten? Das verwendete journalistische Vokabular passt eher zum Bürgerkriegsland Syrien. Da ist die Rede von «Terror» und «Alarm» – und von einem «Balkan-Macho»-Problem, das in der ganzen Schweiz verbreitet sei. Dass in diesem Land etwa eine halbe Million Menschen aus dem früheren Jugoslawien leben und die grosse Mehrheit einer Arbeit nachgeht, im Alltag kaum auffällt, regelmässig Steuern zahlt – alles nicht der Rede wert.

Plump und simpel

Um Klischees zu bedienen, ist offenbar jedes Mittel recht. Das zeigt die sogenannte Medienkarriere von Bendrit Bajra aus Schwamendingen. Der aus Kosovo stammende Autoersatzteilverkäufer-Lehrling ironisiert in den sozialen Medien die Unterschiede «zwüsched Schwizer und Uslender». Seine Masche ist plump und simpel: Der Ausländer verprügelt seinen Sohn wegen einer schlechten Note, der Schweizer Vater diskutiert mit seinem Sprössling friedlich wie in einem angelsächsischen Debattierclub.

Bajra wird von den Medien hofiert, darf stolz seinen BMW X6 präsentieren und ist sogar im öffentlich-rechtlichen Fernsehen aufgetreten. Ein ETH-Mathematiker mit Wurzeln auf dem Balkan fasziniert die Medien nicht, weil seine Rechenoperationen untauglich sind, um Klischees zu zementieren. Auch ein Facharzt für Herzchirurgie im Triemlispital passt nicht ins verzerrte Bild. Wenn ein Schweizer albanischer Herkunft in den Zürcher Kantonsrat will und mit einem Wahlkampfvideo in albanischer Sprache auch seine eingebürgerten Landsleute an die Urne holen möchte, dann spricht ein SVP-Exponent Klartext: «Wir sind hier im Kanton Zürich, und da spricht man eigentlich Schweizerdeutsch.» Was kommt als Nächstes? Ein Verbot der albanischen Sprache in der Öffentlichkeit? Serbisch nur in den eigenen vier Wänden? Kroatisch nur an der dalmatinischen Küste?

Seit Christoph Blocher 2003 das Unwort «scheininvalid» in die Welt setzte, um ganze Volksgruppen zu diffamieren, sind unzählige Artikel erschienen über die geldgierigen und faulen Ausländer, die nur eine finstere Absicht hätten: die IV-Kasse auszuplündern! Der Bund schickte ab 2008 Sozialdetektive nach Kosovo, um die Betrüger ausfindig zu machen. Anfang 2013 wurde Bilanz gezogen: In Kosovo wurde eine Rente aufgehoben. In Thailand, wo viele Eidgenossen den Lebensabend verbringen, fand man noch mehr Schmarotzer: zwei! Die Hetzer haben ihr Ziel erreicht: Die Schweiz überweist seit fünf Jahren keine Renten nach Kosovo.

Zweifellos ist die Eingliederung der Balkan-Diaspora in die hiesige Gesellschaft eine Herausforderung. Sie wäre viel besser gelungen, wenn die Schweiz schon in den 70er-Jahren den Familiennachzug vereinfacht hätte. Damals wurde eine blinde und nur auf männliche Muskelkraft fokussierte Ausländerpolitik betrieben. Die Familienväter wurden als Saisonniers neun Monate auf dem Bau, im Gastgewerbe oder in der Industrie eingesetzt und mussten Ende Jahr das Land verlassen. «Das Problem des Familiennachzuges dürfte sich übrigens für aus Kosovo stammende Arbeitskräfte bis auf weiteres kaum stellen, weil diese Leute glücklicherweise nicht daran denken, ihre Angehörigen in die Schweiz mitzunehmen». So beruhigte am 15. Mai 1972 der Schweizer Botschafter in Belgrad das damalige Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit in Bern.

Es kam anders: Die Männer aus dem Balkan erwiesen sich als fleissig, man wollte auf sie nicht mehr verzichten, und nach vier Jahren mit dem Saisonnierstatut erhielten sie eine Aufenthaltsbewilligung. Der Familiennachzug wurde aber weiterhin restriktiv behandelt. Als Anfang der 90er-Jahre der Zerfall Jugoslawiens begann, wollten die Gastarbeiter ihre Familien nicht mehr im Kriegsgebiet zurücklassen. Tausende Kinder kamen in die Schweiz, die meisten vom Krieg traumatisiert und von der Pubertät verwirrt. Die Behörden reagierten hilflos, die Migrantenkinder wurden nicht selten in Sonderklassen separiert.

Ein Teil der Schweiz

Die Schweiz hat nicht die falschen Ausländer rekrutiert, wie rechtsnationale Kreise behaupten, sondern mit einer falschen Migrationspolitik das Problem verschärft. Dennoch: Die Integration der Menschen aus dem Balkan verläuft schneller als jene der Italiener vor 30 oder 40 Jahren. Davon zeugen nicht nur Baufirmen, Malergeschäfte und Restaurants, die von Leuten aus dem Balkan hierzulande gegründet, geöffnet oder geleitet werden. Davon zeugen auch immer mehr Jungpolitiker, Jungakademiker und gut ausgebildete Handwerker. Sie sind ein Teil der Schweiz. Und sie werden hier bleiben.

Rückschläge bei der Integration wird es immer wieder geben. Es ist aber fatal, nur Feindbilder zu bemühen. Der berühmte Prager Journalist Egon Erwin Kisch stellte schon 1913 fest: Die westeuropäische Öffentlichkeit schaue nach wie vor «geringschätzig auf den Balkan von jenem furchtbaren Balkan, der Europa heisst». Zu diesem Urteil kam er nach einer Reise durch das angeblich wilde Montenegro.

Erstellt: 25.03.2015, 00:02 Uhr

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