Hier sind Fremde willkommen

In welchem Land die Einwohner am tolerantesten gegenüber anderen Ethnien sind, zeigt ein Datenprojekt der «Washington Post» – mit überraschenden Befunden.

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Wo leben die Menschen mit der grössten Toleranz gegenüber anderen Ethnien? Und wird ihre Toleranz von wirtschaftlichen Faktoren beeinflusst? Mit diesen Fragen beschäftigten sich die zwei schwedischen Forscher Niclas Berggren und Therese Nilsson. Sie untersuchten, ob die Wirtschaftsfreiheit, also die freie Berufswahl und die Möglichkeit, etwa ein Unternehmen zu gründen, in einem Land die Menschen toleranter gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen macht oder nicht. Die Daten dazu lieferte das «World Values Survey» (WVS), eine regelmässig durchgeführte Umfrage zu den Wertevorstellungen der verschiedenen Kulturkreise (siehe Infobox links).

Obwohl die Forscher schliesslich keinen Zusammenhang zwischen Wirtschaftsfreiheit und Toleranz gegenüber anderen Ethnien feststellen konnten, fanden sie eine Verbindung wirtschaftlicher Faktoren zur Toleranz gegenüber Homosexuellen. Diese seien in einem wirtschaftlich liberalen System besser in die Gesellschaft integriert, heisst es in der wissenschaftlichen Arbeit, und deshalb seien die Menschen in diesen Ländern ihnen gegenüber toleranter.

Schweden sind Toleranzweltmeister

Ein Journalist der «Washington Post» nahm die wissenschaftliche Arbeit aus Schweden zum Anlass, um selber einen Blick auf die WVS -Daten zwischen 1998 und 2008 zu werfen, die ethnische Toleranz messen sollen. In einem Datenjournalismus-Projekt stellt er dar, welche Länder in Sachen Toleranz wie abgeschnitten haben – mit teils überraschenden Ergebnissen.

Auf der Karte sind die Länder ihrer Toleranz entsprechend mit verschiedenen Farben eingefärbt. Wie sich herausstellt, ist die Intoleranz dabei in drei Ländern besonders hoch: In Indien und Jordanien gaben um die 50 Prozent an, eine Person anderer ethnischer Abstammung nicht zum Nachbarn haben zu wollen, in Hongkong waren es sogar über 80 Prozent.

Umso toleranter sind dafür die Schweden (1,8 Prozent) sowie die Einwohner Grossbritanniens und ehemaliger britischer Kolonien wie der USA, Kanadas oder Australiens. Auch die Lateinamerikaner seien sehr tolerant, heisst es in dem Artikel. Im europäischen Vergleich seien die Franzosen mit 26,8 Prozent relativ intolerant, die Bewohner ehemaliger Sowjetstaaten wie Lettland oder Weissrussland dagegen oft viel toleranter als ihre westeuropäischen Nachbarn. Die Schweizer schneiden in Sachen Toleranz gut ab – 6,2 Prozent der Befragten hätten ungern eine Person mit einem anderen ethnischen Hintergrund als Nachbar.

Kritik an Umfrage

Obwohl Asien insgesamt eine niedrige ethnische Toleranz aufweist, zeigten sich bei zwei Ländern überraschende Ergebnisse. Wie es im Bericht heisst, ist mehr als jeder dritte Südkoreaner intolerant. Und das obwohl das Land im Allgemeinen als reich, friedlich und ethnisch homogen gelte. Dies sei vor allem auf Südkoreas besondere Sicht auf die eigene nationale Identität zurückzuführen. Auch Pakistan liefere überraschende Ergebnisse, hier äusserten nur 6,5 Prozent der Befragten Bedenken gegenüber Nachbarn anderer ethnischer Abstammung. Somit seien die Pakistanis toleranter als die Deutschen (8,6 Prozent) oder die Niederländer (8,5 Prozent).

Der «Washington Post»-Autor äussert jedoch Bedenken über die Zuverlässigkeit der Umfragen. So sei es wahrscheinlich, dass die Befragten bei ihrer Antwort nicht ehrlich seien, nur wenige würden rassistische Tendenzen gegenüber anderen zugeben wollen. Eine relativ hohe Prozentzahl könnte also auch darauf hindeuten, dass die Befragten aus dem konkreten Land einfach ehrlicher sind. Ein weiterer Kritikpunkt sei die Unregelmässigkeit der Erhebungen: Die Umfrage wird nicht jedes Jahr durchgeführt, die Ergebnisse sind daher teilweise veraltet. So bezogen sich die zwei schwedischen Forscher bei ihrer Forschungsarbeit auf Daten aus den Jahren 2000 und 2005. Auch kritisiert der Journalist die mangelhafte und ungenaue Messmethode. Viele unterschiedliche Faktoren würden bei der Messung von ethnischer Toleranz eine Rolle spielen, die nicht bedacht wurden.

Erstellt: 17.05.2013, 10:37 Uhr

Wie ethnische Toleranz gemessen wird

Personen aus über 80 Ländern wurden gefragt, wen sie sich lieber nicht als Nachbarn wünschen würden. Kreuzte jemand dabei «Menschen einer anderen ethnischen Abstammung» an, galt diese Person als intolerant. Je öfter diese Antwortmöglichkeit in einem Land gewählt wurde, desto intoleranter sei die Gesellschaft gegenüber anderen Ethnien, folgerten die Forscher. (ajk)

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