Hilfe, mein Chef ist inkompetent

Die Psychologin Annick Darioly hat untersucht, was inkompetente Vorgesetzte anrichten können. Im Interview sagt sie, warum es so viele von ihnen gibt – und wie man sich wehren kann.

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Annick Darioly, haben Sie einen dummen Chef?
(lacht) Das habe ich auch schon erlebt, ja. Vor allem aber ist mir aufgefallen, dass ganz viele Leute ständig davon erzählt haben, wie mühsam ihr Chef sei. Als ich dann nachgefragt habe, wurde mir klar, dass es die Inkompetenz ist, die frustriert.

Was heisst das für Sie, Inkompetenz?
Da gibt es natürlich eine ganze Bandbreite. Es gibt sehr viele Studien, die sich auf soziale Kompetenz konzentrieren, also hauptsächlich auf die Kommunikationsfähigkeit. Ich bin jedoch überzeugt, dass es auch bei Chefs nicht nur auf die soziale, sondern auch auf die fachliche Kompetenz ankommt: Ein Chef muss auch etwas von der Sache verstehen. Genau darauf habe ich mich in meinen Studien konzentriert, und das hat sich auch bestätigt.

Beschreiben Sie einen typisch inkompetenten Chef.
Das wäre dann jemand, der nicht klar sagt, was er will. Dem es ausserdem an Einfühlungsvermögen mangelt und der darum dem Mitarbeiter zu viele oder unlösbare Aufgaben aufbürdet. Was die fachliche Kompetenz betrifft, könnte man sich beispielsweise einen Finanzdirektor vorstellen, dessen gesamtes Team mit einer neuen Software zu arbeiten lernt. Er aber weigert sich, weil er denkt, dass er das direkt sowieso nie braucht. Das ist ein Fehler, es untergräbt seine Legitimität.

Wie reagieren Mitarbeiter darauf?
Sie fühlen sich zunächst einmal gestresst, nervös, unzufrieden. Viele beginnen ausserdem, sich gegenüber dem Vorgesetzten dominant zu verhalten und sich seinem Einfluss zu entziehen. Es gibt auch positive Effekte: Weil sie der Kompetenz ihres Vorgesetzten nicht trauen, übernehmen Mitarbeiter selber Verantwortung, sie werden kreativer. Die Unzufriedenheit aber ist gross. Für 7 von 10 Mitarbeitern ist ein schlechter Chef ein Kündigungsgrund.

Nicht für alle?
Nein. Gute Kollegen und ein anständiges Gehalt machen für manche einen schlechten Chef wett.

Nach sozialpsychologischen Theorien müsste sich in jeder Gruppe eigentlich der Beste und Angesehenste als Chef durchsetzen. Warum ist das im Job manchmal nicht so?
Da muss man unterscheiden, ob jemand von aussen als Chef geholt wird oder ob er intern befördert wird. Wenn man jemanden von aussen holt, ist das Profil manchmal nicht scharf genug: Die Recruiter achten darauf, ob jemand Führungserfahrung hat und mutmasslich soziale Kompetenz. Dabei wird oft vernachlässigt, ob er auch etwas von der Sache versteht. Bei den internen Beförderungen ist es oft genau umgekehrt. Da werden Personen wegen ihrer fachlichen Kompetenz befördert, sind aber nicht kommunikationsfähig.

Ausserdem dürften schlechte Chefs wohl wieder schlechte Chefs einstellen.
Das ist durchaus möglich. Es gibt keine Forschung dazu, aber aus der Theorie des Peter-Prinzips (siehe Box, Red.) könnte man ableiten, dass ein Chef tendenziell jemanden einstellt, den er als weniger kompetent einschätzt als sich selber. Das ist allerdings eine Theorie, keine Studie. Ich persönlich werde in einem nächsten Projekt untersuchen, inwieweit Leute jemanden befördern, den sie gut kennen statt jemanden, der wirklich kompetent ist. Dazu gibt es nämlich noch keine Erkenntnisse.

Gibt es einen Unterschied zwischen weiblichen und männlichen Chefs?
Das haben wir nicht untersucht. Wir haben die aktuellen Verhältnisse nachgestellt und darum als Chefs Männer eingesetzt. Es gibt aber Studien, die zeigen, dass Mitarbeiter bei weiblichen Chefs höhere Anforderungen an die Kompetenz stellen als bei männlichen.

Wenn man es nun mit einem inkompetenten Chef zu tun hat, was soll man tun?
Mit ihm reden. Das ist ein etwas einfacher Ratschlag, aber der beste. Man sollte ihm sagen, dass es ein Problem gibt, und den Wunsch äussern, dass es besser wird.

Mit Verlaub, aber das nützt doch nichts.
(lacht) Da haben Sie recht. Ich habe einmal eine kleinere Firma beraten, in der es Probleme gab zwischen dem Chef und dem Team. Ich habe festgestellt, dass der Grund dafür die mangelnde Kommunikationsfähigkeit des Chefs war, und ihm empfohlen, sich zu verändern. Doch dem Chef schien es einfacher, das ganze Team zu ersetzen – und das hat er dann auch gemacht. Es gibt allerdings noch eine zweite Möglichkeit für Mitarbeiter: Wenn es nicht mehr geht, können sie sich an die nächsthöhere Ebene wenden und darauf hinweisen, dass die Produktivität abnimmt.

Also mit Zahlen argumentieren statt mit der Befindlichkeit?
Genau. Schlechte Chefs sind sehr teuer. Eine Studie in den USA hat 2008 festgestellt, dass ein einziger schlechter Chef eine Firma durchschnittlich 1 Million Dollar im Jahr kostet. Es ist sehr teuer, neue Mitarbeiter zu suchen und auszubilden.

Zum Schluss: Wie geht es eigentlich den inkompetenten Chefs selber?
Das habe ich nicht untersucht. Aber es lässt sich vermuten, dass sie entweder an sich arbeiten oder dann ihre Mitarbeiter quälen und bestrafen. Es gibt sehr viele Studien zu missbräuchlichem Verhalten von Chefs, aber keine davon befasst sich mit dem Zusammenhang mit Inkompetenz. Auch das ist ein Projekt, das ich in Angriff nehmen will. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.05.2011, 15:22 Uhr

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Annick Darioly hat an den Universitäten Lausanne und Neuchâtel Arbeits- und Organisationspsychologie studiert. Sie doktoriert zurzeit in Neuchâtel. Danach wechselt sie als Postdoc an die renommierte Universität Claremont in Kalifornien.

Die Studien

Für ihre Dissertation an der Universität Neuchâtel hat Annick Darioly insgesamt fünf Studien durchgeführt. Unter anderem hat sie mit 160 Studenten ein Experiment durchgeführt, bei dem den einen die Rolle der Untergebenen und den anderen die Rolle der Chefs zugeteilt wurde.

Die Freiwilligen glaubten, es ginge bei der Aufgabe darum, als Chef und Untergebener gemeinsam einen Erste-Hilfe-Kasten einzurichten. In Wahrheit beobachtete Darioly, wie die Untergebenen auf Vorgesetzte reagieren, die sich bei der Aufgabe dumm anstellen. Sie befragte sie auch zu ihrem Empfinden während des Experiments.

Die Ergebnisse ihrer Studien wird Darioly in drei Artikeln in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlichen und schliesslich in ihrer Dissertation zusammenfassen. Sie wird ihre Arbeit am 21. Juni an der Universität Neuchâtel verteidigen.

Das Peter-Prinzip

Das vom Schulpsychologen und Sozialarbeiter Laurence Peter und vom Autoren Raymond Hull entwickelte Theorem lautet wie folgt: «In einer Hierarchie neigt jeder Beschäftigte dazu, bis zu seiner Stufe der Unfähigkeit aufzusteigen.»

Entsprechend rücken die Angestellten nach, bis irgendwann sämtliche Positionen von Unfähigen besetzt sind. Das Theorem bezieht sich jedoch nur auf grosse Verwaltungen. Peter hatte seine – offenbar frustrierenden – Erkenntnisse in einer Schulverwaltung gewonnen.

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