Horizontales Mitgefühl

Über 3000 Leser des «Tages-Anzeigers» haben in einer Onlineumfrage Auskunft über ihr Sexualleben gegeben. Dabei zeigt sich, dass Lust durchaus auch Last sein kann.

Hier finden Sie alle Resultate unserer Umfrage.

Wie denken Schweizer Frauen und Männer über Sexualität? Leben sie ihre Fantasien aus? Fühlen sie sich unter Druck? Anlässlich des Gesprächs mit sechs Frauen über deren Sexualität haben wir unseren Lesern online solche Fragen gestellt. Weiter wollten wir wissen, ob sie Pornografie konsumieren und ihnen Selbstbefriedigung wichtig ist, ob sie darüber mit ihrem Partner/ihrer Partnerin reden oder wie sie zum Thema offene Beziehung stehen. An der nicht repräsentativen Umfrage haben 3216 Personen teilgenommen: 1273 Frauen und 1943 Männer. Die Resultate waren aufschlussreich und überraschten teilweise.

Bei der Frage, wer beim Sex unter grösserem Leistungsdruck steht, antwortete sowohl die Mehrheit der Männer als auch jene der Frauen gleich: Beide sehen das andere Geschlecht unter grösserem Druck. Besonders Frauen scheinen mit den Männern mitzufühlen: 83 Prozent glauben, der horizontale Leistungsdruck treffe Männer stärker; von den Männern sehen knapp 64 Prozent die Frauen einem stärkeren sexuellen Wettbewerb ausgesetzt.

Die weiteren Umfrageresultate lassen sich vermutlich auf dieses unterschiedliche Empfinden zurückführen: Wenn die Selbst- und Fremdwahrnehmung auseinanderklaffen, schlägt sich das auch in den Erwartungen an sich selbst und den Partner nieder. Nach ihren Wünschen und Fantasien gefragt, geben nämlich etwa 72 Prozent der Frauen und knapp 80 Prozent der Männer an, sie wüssten genau, was sie beim Sex wollten. Allerdings lebt eine knappe Mehrheit der Frauen diese sexuellen Fantasien nach eigenen Angaben gar nicht aus – und will es auch nicht. Bei den Männern sind es mit 44 Prozent etwas weniger als die Hälfte. Der Hauptgrund der Frauen ist das Kopfkino: 72 Prozent sagen, dass es ihnen nur um die Fantasie als solche gehe. Bei den Männern sagen dies deutlich weniger, nur rund 49 Prozent.

Die eigenen sexuellen Fantasien – oder die mögliche Reaktion der Partnerin darauf – scheinen 46 Prozent der Männer nicht ganz geheuer zu sein. Sie befürchten, ihre Partnerin damit zu schockieren. Bei den Frauen teilen nur rund 16 Prozent diese Angst. Auch die Scham ist ein Grund, weshalb man die eigenen Wünsche nicht auslebt, und hier haben, wie so oft, Frauen die grösseren Hemmungen. 12 Prozent der Frauen und 6 Prozent der Männer geben Scham als Grund dafür an, warum sie ihre Wünsche nicht artikulieren.

Heisst das nun, dass jede zweite Frau und jeder zweite Mann sexuell frustriert ist? Nicht unbedingt. Für die meisten steht beim Sex etwas anderes im Vordergrund: Intimität. 67 Prozent der Frauen und 54 Prozent der Männer gaben an, dass ihnen diese das Wichtigste sei.

Nach der Bedeutung des Orgasmus gefragt, zeigt sich bei den Männern ein klares Bild: Für rund 66 Prozent bildet er den natürlichen Abschluss des Sexaktes, knapp 20 Prozent bezeichnen ihn als hübsche Zugabe. Bei den Frauen ist das Bild diverser: Nur rund 36 Prozent sehen darin den natürlichen Abschluss, knapp 37 Prozent empfinden ihn als hübsche Zugabe. Das entspricht der Häufigkeit, mit der Männer und Frauen Orgasmen erleben. Bei den Männern gaben knapp 46 Prozent an, beim Sex immer zum Orgasmus zu kommen, 52 Prozent erleben meistens den Höhepunkt. Bei den Frauen sind es bedeutend weniger: 15 Prozent erleben immer, 52 Prozent meistens einen Orgasmus.

Die Frage, ob sie sich eine offene Beziehung vorstellen könnten, beantworteten rund 55 Prozent der Frauen und knapp 50 Prozent der Männer mit Nein. In einer Beziehung geht es ihnen hauptsächlich um Exklusivität. Interessant ist: Für beide Geschlechter müssen eine stabile langjährige Beziehung und absolute Ehrlichkeit gegeben sein, sollte eine Öffnung der Beziehung überhaupt je infrage kommen.

Michèle Binswanger und Salome Müller, Text
Klaudia Meisterhans, Grafik (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.04.2017, 23:20 Uhr

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