Hurra Frauentag, wir räumen mit dem Feminismus auf

Heuchelei, Zickenkrieg, Mutter-Obsession: Schluss mit Wehklagen! Dieser Beitrag beschleunigt und versachlicht die Debatte.

Femen-Protestaktion bei der Eröffnung des Barbie-Hauses in Berlin im Mai 2013. Foto: Thomas Lebie (Imago)

Femen-Protestaktion bei der Eröffnung des Barbie-Hauses in Berlin im Mai 2013. Foto: Thomas Lebie (Imago)

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8. März, «Internationaler Tag der Frau», und 2019 gilt immer noch: «It’s a men’s world», auch im Westen, auch in der Schweiz. Das macht schlechte Laune, so als Frau: zur Mehrheit zu zählen und doch die Minderheit zu sein. Gleichzeitig überkommt einen eine immense Müdigkeit angesichts des allgemeinen Wehklagens, man kann vieles davon nicht mehr hören.

Hier ein Beitrag zur Beschleunigung und Versachlichung der Diskussion.

1. Die Verhipsterung

Der Mehrheit der Frauen und Mädchen weltweit geht es beschissen, man muss gar nicht erst ein beschönigendes Wort dafür suchen. Sie dürfen nicht zur Schule, ohne männliche Begleitung das Haus nicht verlassen, sich nicht kleiden, wie sie wollen. Sie werden verheiratet, verkauft, versklavt, haben kein eigenes Geld und keinen Zugang zu Verhütung und können deshalb nicht selbst über ihren Körper und ihr Leben bestimmen.

Hier, im Westen, haben die Frauen alle Möglichkeiten. Sie müssen diese bloss nutzen. Aber dafür müssen sie wollen. Die Ärmel hochkrempeln. Konflikte wagen. Auch mal unbequem sein, bockig. Es reicht nicht, Feminismus sexy zu finden und einT-Shirt zu tragen mit der Aufschrift «Girl Power». Feminismus soll nicht cool sein. Oder hip. Sondern anstrengend. Er ist kein A-la-carte-Menü, aus dem man auswählen kann, was einem gerade passt. Er verlangt Haltung und Konsequenz und dass man den eigenen Namen behält nach der Hochzeit. Weil: Töchter brauchen Vorbilder, kein Geschwätz.

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Ready for #ChiaraTakesIbiza

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Mit diesem Bild kündigte sie ihre bevorstehende Bachelorette-Party an: Influencerin Chiara Ferragni trägt ein T-Shirt von Dior. (Quelle: instagram.com/chiaraferragni)

2. Die Scheindebatten

Schweizer Paare mögen es traditionell: Er ist fast immer der Ernährer, sie arbeitet Teilzeit, meist unter 50 Prozent. Die Liste mit den Gründen, weshalb es NICHT geht, dass sie sich Beruf und Familie hälftig teilen; weshalb es NICHT geht, dass Männer ihr Pensum reduzieren; weshalb es NICHT geht, dass Frauen sich auch als Mütter beruflich verwirklichen, kennen wir auswendig: Es liegt an der Wirtschaft, am Staat, an den Strukturen, an den Firmen, am Geld, jajaja.

Vielleicht ist es an der Zeit, sich zu fragen, ob eine modernere Rollenteilung überhaupt gewünscht ist. Bestes Beispiel: der momentan heiss debattierte Vaterschaftsurlaub, mit dessen Einführung die Schweiz sofort emanzipatorische Avantgarde werden soll. Wer es genauer wissen will, schaut sich die Zahlen der OECD an. Dort kennen drei Viertel aller Mitgliedsstaaten den Vaterschaftsurlaub, im Schnitt dauert er acht Wochen. Nur: Er wird kaum je im vollen Ausmass in Anspruch genommen. Die meisten Väter beziehen, wenn überhaupt, gerade mal das Minimum, das nötig ist, um die Lohnfortzahlung zu gewährleisten.

Anderes Beispiel: Frauen sind in den höchsten Führungsjobs untervertreten. Doch es reicht eben nicht, einen Führungsposten zu wollen, wenn man keine Lust hat, auch etwas zu gestalten. Ohne Idee, wie es besser laufen könnte, und ohne den Willen, diese Ideen auch zu verkaufen, muss man auch nicht führen wollen. Doch gerade hier zögern Frauen gern, wollen sich nicht aufdrängen, halten sich zurück, weil ihnen anderes wichtiger ist.

Vielleicht haben die meisten von ihnen keine Lust, sich beruflich voll reinzuknien, erst recht nicht, wenn sie eine Familie haben. Und vielleicht haben die meisten Männer gar keine Lust auf Hausarbeit und Kinderbetreuung. Vielleicht ist es für beide ganz angenehm, so, wie es ist, vielleicht profitieren sie letztlich sogar von der angestammten Rollenverteilung.

Aber vielleicht wäre es an der Zeit, das zuzugeben. Ist doch okay. Wäre immerhin ehrlich. Und würde die Debatte weiter bringen als jede weitere Podiumsdiskussion, wo händeringend der Status quo beklagt wird. Übrigens: Bei homosexuellen Paaren mit Kindern funktioniert die faire Aufteilung der Aufgaben ziemlich gut. Schon mal darüber nachgedacht, warum bei denen all die Gründe, die Hetero-Paare aufzählen, keine Rolle spielen?

3. Die Heuchelei

Das, was in den Köpfen hockt, ist sehr oft sehr viel konservativer als das, was die Leute sich zu sagen getrauen. Aber sie verraten sich. Jene Unternehmen etwa, die mit dem Begriff «frauenfreundlich» für sich werben. Sie wollen damit sagen, dass sie sehr progressiv sind. «Frauenfreundlich» klingt ein wenig wie «tierfreundlich» oder «kinderfreundlich», jedenfalls nach «Sonderfall Frau», und beziehen tut sich der Begriff meist auf die Arbeitszeiten. Womit das Unternehmen sagen will: Wir sind total verständnisvoll und entgegenkommend, bei uns dürfen weibliche Angestellte am Morgen auch später erscheinen, weil sie ja vorher noch die Kinder zur Krippe bringen müssen!

Das ist aber nicht progressiv. Damit wird bloss die Auffassung zementiert, wonach die Kinderbetreuung eine exklusiv weibliche Angelegenheit sei. Die Männer beziehungsweise Väter werden damit nicht nur aus der Verantwortung entlassen, es wird auch 2019 weiterhin so getan, wie wenn Kinder ein «Frauenproblem» wären. Kinder haben aber nicht nur Mütter. Sie haben Eltern.

Typisches Bild am Morgen: Eine Mutter bringt ihre Kinder zur Schule. (Quelle: Reuters, Stephane Mahe)

Genauso reaktionär: der «Papi-Tag». Wer den Begriff verwendet, sagt: «Ich bin ein total engagierter Papi und kümmere mich einen Tag in der Woche um mein Kind und finde das so bemerkenswert, dass ich es jedes Mal betone, weil ich der Meinung bin, dass mir für meine progressive Haltung ein Orden zusteht.» Leider nein. Progressiv wäre, die Kinderbetreuung für derart selbstverständlich zu halten, dass man sie gar nicht erst zu erwähnen nötig hat. Und überhaupt: Würde man je von «Mami-Tag» sprechen? Oder von «männerfreundlich»? Also.

4. Die Beidseitigkeit

Geht es um die Frage, wie weit die Gleichstellung in der Schweiz ist, werden die immer gleichen Schlagworte bemüht: Lohnungleichheit! Gläserne Decke! Untervertretung in den höchsten Führungspositionen! Das ist alles nicht ganz falsch, aber es ist nicht das einzige gesellschaftliche Ungleichgewicht. Wenn man den Blick von der Arbeitswelt auf die Familie richtet, sieht es nämlich ganz anders aus. Hier sind in der Regel die Väter benachteiligt, insbesondere nach einer Trennung.

Wollen sie sich um ihre Kinder kümmern, müssen sie sich oft doppelt und dreifach beweisen, werden aber umgekehrt gern zur Kasse gebeten. Bis vergangenen Herbst wurde Müttern eine Erwerbsarbeit von 50 Prozent erst zugemutet, wenn das jüngste Kind 10 Jahre alt ist, bis dahin hatten die Väter sie zu finanzieren. Vergangenen Herbst erst hat das Bundesgericht diese Regel gekippt – gegen den Willen vieler Behörden übrigens. Wenn wir die Gleichstellung wirklich wollen, müssen wir darum besorgt sein, dass sie auch in beide Richtungen greift.

5. Der alte weisse Mann

Geht es um den endgültigen Sturz des Patriarchats, ist das Lieblingsfeindbild der modernen Feministin der alte weisse Mann mit seinen Privilegien. Egal, um welche Ungerechtigkeiten und Ungleichheiten es geht, er gilt als Inbegriff des Patriarchats, ihn kann man gefahrlos anklagen und für alle Übel dieser Welt verantwortlich machen.

Früher bekamen Frauen Kinder. Heute ist die Gründung einer Familie ein Event.

Ganz anders bei den nicht ganz so alten und nicht ganz so weissen Männern. Egal, ob Kopftuchdebatte, Mädchenbeschneidung oder sexuelle Übergriffe, stammt das patriarchale Verhaltensmuster aus einem anderen als dem eigenen Kulturkreis, sind viele Feministinnen nur allzu bereit, die Differenzierungsmaschine anzuwerfen. Dann werden gern besondere kulturelle und religiöse Hintergründe ins Feld geführt, es wird zu Toleranz, Verständnis und Solidarität aufgerufen und vor paternalistischer Übergriffigkeit gewarnt. Das aber ist verlogen. Entweder man will das Patriarchat bekämpfen, dann aber bitte in all seinen kulturellen Prägungen. Oder aber man muss auch dem alten weissen Mann die Gnade einer differenzierten Betrachtungsweise angedeihen lassen.

6. Der Zickenkrieg

Es gibt fast genauso viele Auffassungen von Feminismus, wie es Feministinnen gibt. Die tragen dann so sperrige Namen wie Gleichstellungsfeminismus, Differenzfeminismus oder diskurstheoretischer Feminismus und organisieren sich in Gruppen mit hübschen Namen wie Femen oder Pinkstinks. Viele sind gar nicht organisiert, sondern finden Feminismus einfach mal gefühlt eine gute Sache. Kein Wunder, kommen die verschiedenen Gruppen dann auch nicht immer klar miteinander. Wo die einen sich mit Lippenbekenntnissen und dem Tragen von Feminismus-T-Shirts begnügen, wollen die anderen gleich den Kapitalismus als Ganzes abschaffen, weil dieser die Wurzel allen neoliberalen Übels sei.

Das alleine wäre harmlos, ergäben sich daraus nicht kleinliche Rivalitäten. Da machen sich Frauen gegenseitig die Eignung zur Feministin streitig, weil sie mit der inhaltlichen Ausrichtung der anderen nicht einverstanden sind. Das führt mitunter zu beschämenden Szenen: Als vor ein paar Jahren verschiedene Feministinnengruppen in Berlin gegen ein neues Barbie-Haus demonstrieren wollten, endete es damit, dass die Feministinnen gegenseitig aufeinander losgingen. Die Lösung wäre, sich auf eine möglichst einfache Definition zu einigen. Etwa, dass Feminismus bedeutet, als Frau über die eigenen Geschlechtsorgane verfügen und sich dafür einsetzen zu wollen. Dann müssten sich die unterschiedlichen Strömungen auch nicht öffentlich die Köpfe einschlagen.

7. Die Mutter-Obsession

Früher bekamen Frauen Kinder. Heute ist die Familiengründung ein Event, der mit den neun Monaten Schwangerschaft anfängt und eigentlich nie mehr endet. Die Geburt soll bitte ein Erlebnis sein und auf natürlichem Weg vonstattengehen, ansonsten fühlen sie sich nicht nur des Erlebnisses beraubt, sondern auch unvollkommen, so vom Weiblichen her gesehen. Frauen sagen nicht länger: «Ich bekomme ein Kind», sondern: «Ich werde Mami.» Die Tatsache, dass sich eine fortgepflanzt hat, wird vor sich hergetragen wie ein Schild: Die Mutterschaft nicht als eine Facette des weiblichen Daseins, sondern als Definitionsmerkmal, als USP, als Auszeichnung und letztlich als Erlaubnis und Entschuldigung dafür, allenthalben Sonderbehandlungen einzufordern, erinnert nicht nur angenehm an das Mutterkreuz, das die Nazis an besonders gebärfreudige Frauen verliehen haben. Und ist ein Affront gegenüber all jenen Frauen, die dafür kämpften, dass unsereins nicht auf den Uterus reduziert oder aufgrund der Reproduktionsfähigkeit bemessen wird. Aufhören, bitte.

Der neuste Trend bei werdenden Eltern: Ein Paar verkündet das Geschlecht seines Kindes mit einer «Gender-Reveal-Party». (Quelle: instagram.com/aspynovard)

8. Die Kritikunfähigkeit

Gerade am 8. März muss festgehalten werden: Nicht jede Kritik an einer Frau ist frauenfeindlich. Manchmal handelt es sich auch einfach um: Kritik. Wer Gleichberechtigung will, kann nicht heimlich eine Sonderbehandlung erwarten und dann schmollen, wenn diese ausbleibt, nein, auch als Mutter nicht. Frauen sind keine geschützte Spezies. Sie sind keine vom Aussterben bedrohte Art. Sie sind gleichberechtigt.

Deal with it.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 08.03.2019, 06:15 Uhr

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