Ich an deiner Stelle ...

Seit Coaching zum Lifestyle gehört, erteilen einem immer mehr Leute ungefragt Ratschläge. So sind gute Gespräche kaum noch möglich.

«Such dir doch einen Mediator»: Manche Freunde präsentieren gern Lösungsvorschläge. Bild: Getty Images

«Such dir doch einen Mediator»: Manche Freunde präsentieren gern Lösungsvorschläge. Bild: Getty Images

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Zuerst waren es nur kleine Sätze. Sie plumpsten unvermittelt und irgendwie leicht unpassend in gerade noch recht unverfängliche Gespräche: «Ich an deiner Stelle würde das mal in der nächsten Quartierversammlung vortragen, das tut auch gut, es dort einmal loszuwerden», legte mir eine Bekannte nahe. Ich hatte mich über die Veloweg-Situation bei uns echauffiert. Ein anderes Mal ging es um einen aus dem Ruder gelaufenen Elternabend, ein rückblickend eher lustiges Ereignis, was aber wiederum offenkundig nicht so rüberkam. «Wenn es so ein Problem in der Elternschaft gibt, solltet ihr euch vielleicht einen Mediator suchen», schlug eine Freundin mit ernstem Blick vor.

Schliesslich bekam ich über Whatsapp einen Link zugeschickt zu einem «Ideenlabor» mit der warmen Empfehlung, mich dahinzuwenden, die wären «spezialisiert» auf Menschen wie mich, Grüsse und einen schönen Tag noch. Die Nachricht kam von einem früheren Arbeitskollegen, wir hatten über dies und das geplaudert, das Wetter, anstehende Schwiegerelternbesuche, zurückliegende Urlaube, und recht beiläufig hatte ich erwähnt, manchmal darüber nachzudenken, mich beruflich weiterzubilden, aber noch nicht zu wissen, wie.

Ratschläge statt Anteilnahme

Während ich eigentlich vor allem reden wollte, wollten die anderen vor allem eines: beraten. Antworten geben auf Fragen, die ich nicht gestellt hatte, Lösungsvorschläge präsentieren für Probleme, die ich so noch überhaupt nicht wahrgenommen hatte. Es ist inzwischen praktisch unmöglich, sich über die Lernunwilligkeit eines seiner Kinder auszulassen, ohne den Namen eines «echt guten» Nachhilfelehrers unter die Nase gehalten zu bekommen. Jede Erwähnung eines zwickenden Rückens führt zu Bürostuhlempfehlungen oder Osteopathie-Geheimadressen.

Während ich eigentlich vor allem reden wollte, wollten die anderen vor allem eines: beraten.

Eine Freundin erzählte neulich beim Mittagessen einer Kollegin von einer schwereren Erkrankung in ihrer Familie. Sie bekam statt Anteilnahme den Hinweis, sich schnell nach einer «Selbsthilfegruppe für Angehörige» umsehen zu müssen, «das ist jetzt ganz wichtig». Einer anderen Freundin, seit vielen Jahren Single, die von ihren letzten unterirdischen Dates berichtete, schleuderte die Schwägerin den Satz entgegen: «Ich glaube, du bist zu sehr auf einen Typ fixiert. Du musst jetzt auch mal nach anderen suchen.»

Wer heute Hilfe sucht, wird sie finden. Coachs oder solche, die sich so nennen, gibt es für alle Lebens- und Problemlagen – «Burn-out-Coachs», «Sex-Coachs», «Wander-Coachs», sogar manche Coiffeure bezeichnen sich als «Haar-Coach». Ziemlich viele Menschen lassen sich also auf sehr unterschiedliche Weise nach vorne bringen. Sie besuchen Ein-Tages-Workshops zu «Souveränem Auftreten im Alltag»; freuen sich auf die wöchentlichen Sitzungen, die das Unternehmen für sie zahlt; oder gehen gleich zu Massenveranstaltungen wie «Gedanken tanken» für die schnelle Lebenslösungs-Infusion zwischendurch.

Private Coaching-Stunde statt Unterhaltung

Es ist ein menschlicher Impuls, frisch Gelerntes und neu Gehörtes, das man «inspirierend» oder «ungeheuer spannend» findet, weiterzugeben. Nur führt das leider dazu, dass die Coachisierung der Gesellschaft ins Privatleben schwappt. Und während gegen das eine (Menschen holen sich Lebenshilfe) gar nichts einzuwenden ist, führt das andere (Menschen geben ihrer Umgebung ungefragt und ständig Ratschläge) zu einer unangenehmen Schieflage.

Denn was passiert, wenn aus einer Unterhaltung eine private Coaching-Einheit wird, die man nie gebucht hat? Aus Gesprächen auf Augenhöhe unter Freunden, Bekannten, Kolleginnen werden Gespräche mit Gefälle – ähnlich denen zwischen Mutter und Kind, Lehrerin und Schüler, Chef und Angestellten. Binnen Sekunden wird der andere hilfloser, schwächer, kleiner gemacht, sagt Renate Trucksaess, weil man ja sehr deutlich vermittle: «Ich weiss, wie es geht. Und du nicht.»

Renate Trucksaess ist Juristin, Therapeutin und Coach. Für sie haben Ratschläge «immer auch einen imperativen Charakter», weswegen seriöse Coachs sie im Leben nicht erteilen sollten. Sie sei als Coach nur Projektionsfläche und helfe, dass ihre Klienten eine Lösung aus sich heraus finden. Ratschläge seien ausserdem echte Kommunikationskiller: «Ich schmeisse eine Lösung rein und bin damit aus dem Thema draussen.»

Beraten statt Zuhören

Man könnte es auch freundschaftliche Faulheit nennen: Statt sich mit dem anderen zu befassen, nachzufragen oder zuzuhören, wird zack, zack ein vermeintliches Medikament (Kalenderweisheit, eigene Lebenserfahrung, schlaues Buch) aus der Hausapotheke geholt, mit dem das lästige Leid des anderen schnell gelindert werden soll. Und, kleine Nebenwirkung aus dem Beipackzettel: Dadurch entsteht auch Druck, weil ja die Gedanken des anderen zu kreisen anfangen. Sollte ich vielleicht doch einmal diesen Nachhilfelehrer anrufen? Bürostühle testen? Eine Selbsthilfegruppe für Angehörige aufsuchen?

Aus Gesprächen auf Augenhöhe unter Freunden werden Gespräche mit Gefälle – ähnlich denen zwischen Lehrerin und Schüler.

Na ja, könnte man jetzt einwenden: Die Ratgeber wollen halt helfen, was kann daran so verwerflich sein? Es ist ja nur gut gemeint! «Gut gemeint» allerdings muss sofort in die Liste der Top Ten toxischer Wörter, denn was gut gemeint ist, wird immer mit einem fiesen Widerhaken weitergegeben: Egal, wie blöd du das jetzt findest, du darfst es mir nicht übelnehmen. Aber, Gegenfrage: Was ist so schwer daran, einen Rat nur dann zu erteilen, wenn man auch danach gefragt wird?

Durch das permanente «Reinschmeissen» geht ja noch etwas ganz anderes verloren: Der gepflegte Small Talk, vor sich hinplätschernde Unterhaltungen, die bewertungsfrei und ohne Ziel sind und deswegen so angenehm wie ein warmes Bad. Verloren geht auch das gute Gespräch unter Freunden, stundenlanges Pingpong, nachdem man vielleicht immer noch nicht weiss, wie es weitergeht, in dem man sich aber ein paar Mal fest umarmt gefühlt hat. Renate Trucksaess drückt es so aus: «Was verloren geht, ist Nähe.»

Empfangen statt senden

Zu dieser Nähe gehört zuhören, schweigen, fragen, aushalten. Heisst: Mal nicht senden, sondern empfangen. Das ist nicht unbedingt zeitgemäss, wird einem doch ständig und vor allem für das Berufsleben eingebläut, möglichst «sichtbar» zu sein, sich hervorzuheben und zu profilieren, also eigentlich dauerzusenden. Wer rät, ist aktiv, hält das Zepter in der Hand und lässt die Dinge definitiv nicht einfach mal so laufen.

Rike Pätzold, die sich «Ungewissheitsexpertin, Zukunftsdenkerin, Blauwasserseglerin» nennt und Firmen unter anderem in Fragen interkultureller Kommunikation berät, fasst dieses Verhalten so zusammen: «Man kann weltweit zwischen zwei Gesprächskulturen unterscheiden.» Es gibt die «sachorientierten», zu denen im wesentlichen die Schweiz, Deutschland, die USA, die skandinavischen Länder gehören, und die «beziehungsorientierten», mehr oder weniger der Rest der Welt. In den «beziehungsorientierten», so Pätzold, gehe es erst einmal darum, eine Verbindung zu dem anderen aufzubauen, bei den «sachorientierten» vor allem um Lösungen und Effizienz.

Was ist so schwer daran, einen Rat nur dann zu erteilen, wenn man auch danach gefragt wird?

Aber wer darauf getrimmt werde, immer zu einem Ziel zu gelangen, der werde, findet die «Ungewissheitsexpertin», auch recht «eng» im Kopf. Der fragt nicht so viel, will vor allem schnell Bescheid wissen. Und so kommt es zu einem interessanten Rückkoppelungseffekt: Eine sachorientierte Sehnsucht, Lösungen haben zu wollen in einer immer komplexer werdenden Welt, trifft auf die Coaching-Branche, die diese Lösungen für alle Lebenslagen vermeintlich anbietet, und wird von dort wenig professionell ins Privatleben wieder zurückgetragen.

Ratschläge beherzigen oder nicht?

Vor kurzem schrieb ich eine Mail an eine grössere Bekanntenrunde: Könnt ihr euch an einen Ratschlag, ob ungebeten oder nicht, erinnern, den ihr beherzigt habt? Es trudelten sehr unterschiedliche Antworten ein. «Nicht über Alter und Wetter ärgern. Kann man nicht ändern, kostet nur Energie.» «Den richtigen Zeitpunkt für Kinder gibt es nicht.» «Manchmal reicht es abzuwarten, bis der Feind tot den Fluss runtertreibt.» Keiner beschrieb eine bestimmte Situation oder konkrete Handlungsanweisung, es waren eher grundsätzliche Denkanstösse.

Und viele antworteten, sie könnten wirklich gerne noch einmal überlegen. Aber ehrlich gesagt, falle ihnen im Moment kein einziger Ratschlag ein, den sie angenommen hätten.

Erstellt: 04.12.2019, 14:50 Uhr

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