«Ich befahl dem Teufel, aus ihr zu fahren»

Leo Bigger ist mit seiner Freikirche ICF der erfolgreichste Prediger der Schweiz. Jedes Wochenende besuchen 3000 Gläubige seine Gottesdienste. Er spricht mit Gott, kämpft gegen den Teufel – und dies alles ohne Bonus.

Hatte mit 18 Jahren seine Erleuchtung: Leo Bigger in der Celebration Hall im Maag-Areal Zürich.

Sophie Stieger

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Sie sagen, Sie redeten mit Gott. Worüber sprechen Sie?
Ich bete. Ein Gebet ist ein Gespräch. Ich spreche mit Gott wie mit meiner Frau.

Was antwortet er?
Ich hatte in meinem Leben zweimal den Eindruck, Gottes Stimme gehört zu haben. Erstmals mit 18. Ich war mit meinem Mofa unterwegs und hörte Gott sagen: «Ich brauche dich als Prediger.» Das zweite Mal sagte er mir in einer grossen Kirche in Chicago, ich solle nach Zürich zurück und eine Kirche gründen. Man kann sagen, es sei Einbildung, für mich war es aber real. Gott ist nicht laut, er spricht einfach und fein.

Sie behaupten auch, das Böse auf der Welt sei der Satan. Glauben Sie wirklich an den Teufel?
Jeder spürt das Gute und das Böse. Ich nenne es Gott und Teufel. Als ich abnehmen wollte, spürte ich eine Kraft, die sich dagegenstemmte. Das war die Stimme des Satans. Doch 90 Prozent der irdischen Ereignisse haben nicht mit Gott oder dem Teufel zu tun, sondern mit den Entscheidungen von Menschen. Die meisten Ungerechtigkeiten schafft unser eigener Egoismus. Die Verantwortung liegt bei mir, wem ich mehr Raum gebe. Wir sind nicht Marionetten von Gott oder dem Teufel, sondern können selbst entscheiden.

Dennoch nehmen Sie sogar Teufelsaustreibungen vor. Wie muss ich mir so etwas vorstellen?
Nicht alle Auffälligkeiten sind auf das Wirken des Dämons zurückzuführen. Ein Beispiel einer klaren Besessenheit: Eine Frau schlief während der Predigt dauernd ein. Sie sagte mir, sie sei Mitglied eines okkulten Zirkels gewesen und habe sich per Unterschrift dem Teufel verschrieben. Deshalb schlief sie beim Wort Gottes ein. Ich sagte ihr, sie solle mir in die Augen schauen und erklärte dem Satan, dass ich jetzt den Bann der Unterschrift breche. Dann passierte es. Die Frau begann zu schreien und zu toben. Ich befahl dem Teufel, aus ihr zu fahren. Dann war sie befreit. Ich spürte die starken Kräfte, die an der Frau zogen.

Damit machen Sie den Gläubigen doch nur Angst.
Im Gegenteil. Die Betroffenen erleben, dass Gott grösser ist als der Satan. Wenn ich Angst vor dem Bösen habe, fehlt mir das Verständnis für die Grösse Gottes im Himmel. Es ist wie in einem dunklen Raum: Wenn ich das Licht anzünde, verschwindet die Dunkelheit.

Wenn jemand eine Depression hat – ist da auch der Satan am Werk?
Solche Personen schicken wir immer zuerst zu Therapeuten oder Ärzten.

Wollten Sie schon als Kind Pfarrer werden?
Ich bin katholisch aufgewachsen, und ich war begeisterter Ministrant. Ich fand es cool, hinter die Kulisse eines Gottesdienstes zu sehen und bei der Messe eine Rolle spielen zu dürfen. Die grosse Erleuchtung hatte ich aber erst mit 18. Ein Freund erklärte mir, dass meine Sünden mich vom heiligen Gott trennen würden. Dabei wurde mir bewusst, dass Jesus auf die Welt gekommen ist, um unsere Fehler zu sühnen.

Freikirchen und die katholische Kirche verkünden doch den gleichen Gott.
Es ist kein anderer Glaube, doch ich bekam Jesus neu erklärt.

Gott hat Sie auserwählt, eine eigene Kirche zu gründen?
Er hat mir das Talent geschenkt, eine Kirche zu leiten. Unsere Mutter hat immer dafür gebetet, dass einer ihrer Söhne Pfarrer wird. Vielleicht hat Gott den Wunsch meiner Mutter erhört.

Für Ihre katholische Mutter muss die Freikirche ICF eine Sekte sein.
Sie hatte extrem Mühe, dass ich eine Freikirche gegründet habe. Inzwischen hat sie gemerkt, dass ich nur eine andere Verpackung gewählt habe. Sie kann meinen Weg nun akzeptieren.

Ist für Sie die katholische Kirche eine Sekte?
Nein. Meine Prägung ist katholisch, wie soll ich da ein Feindbild haben?

Ihr Gottesdienst verzeichnet in der Maag-Halle in Zürich jedes Wochenende gegen 3000 Besucher. Und Sie haben in kurzer Zeit drei Dutzend Satelliten aufgebaut. Wie erklären Sie sich den Erfolg?
Es ist von der Verpackung und der Form her eine moderne Kirche, der Inhalt ist aber von der Bibel her traditionell. Bei uns herrschen Leidenschaft und Begeisterung für die Sache Gottes.

Modern, aber traditionell – wie geht das zusammen?
Die Bibel ist für mich das Fundament und bis in alle Ewigkeit gültig. Die Botschaften kleiden wir in einen spannenden Gottesdienst, in dem die Post abgeht. Ich sehe keinen Widerspruch. Für uns sind Gottesdienste ein Fest, die alle zeitgemässen und kreativen Elemente beinhalten sollen.

Viele Ihrer Besucher sind jung, bisweilen auch sehr knapp bekleidet. Wie können Sie da Enthaltsamkeit ausserhalb der Ehe predigen?
Wir leben in dieser modernen Welt und können uns nicht gegen den Zeitgeist stemmen. Trotzdem können wir die Regeln der Bibel verfolgen. Wenn ich mit meiner Familie zu McDonald’s gehe, halten wir uns an den Händen und beten. Die einen bewundern unsern Zusammenhalt, die andern denken, wir seien Spinner. In diesem Clinch sind Gläubige immer.

Kontrollieren Sie, ob die Anhänger Ihrer Kirche keusch leben?
Natürlich nicht. Jeder entscheidet selbst, wie er sein Leben lebt. Nicht alle befolgen meine Empfehlungen. Ich vermittle nur Werte. Viele haben auch Sex, obwohl sie wissen, dass Gott es anders möchte.

Wie bereiten Sie eine Predigt vor?
Ich lege mich aufs Bett und frage Jesus, was er den Gottesdienstbesuchern und Gottesdienstbesucherinnen erzählen würde. Ich bin überzeugt, dass meine Gedanken von ihm ausgehen. Gott spricht durch unsere Gedanken zu uns. Jede Idee, die ein Mensch hat, ist für mich eine göttliche Idee.

Wie viel verdient ein Diener des Herrn in Ihrer Kirche?
Die Spanne liegt zwischen 3000 und 8000 Franken.

Verglichen mit amerikanischen Fernsehpredigern, ist das bescheiden. Kriegt Senior-Pastor Leo Bigger wenigstens einen fetten Bonus?
(Lacht.) Nein, ein Bonussystem kennen wir nicht. Wir sind ja keine Bank. Der einzige Bonus, den ich habe, ist die Arbeit.

Ich höre aus Ihren Predigten ein gemässigtes Wohlstandsevangelium heraus: Gott wirkt in die Welt und belohnt die Gläubigen auch materiell.
Nein, definitiv nicht. Man kann natürlich einzelne Zitate herausklauben und zu diesem Schluss kommen. Ich sage aber nicht: Gib Gott Geld, und er wird dich segnen und belohnen. Sondern Gott sagt, wer ihm folgt, für den wird er sorgen. Das heisst aber nicht, dass Gläubige nicht krank werden können oder Reichtum erlangen. Wir beten gemeinsam, Gott solle uns an den Problemen vorbeiführen, doch Gott führt uns fast immer durch die Probleme, und er ist immer bei uns!

Eben, indirekt versprechen Sie Belohnung respektive Heilung.
Höchstens im weiteren Sinn. Ich erinnere mich an eine Frau, die vor zehn Jahren einen schweren Autounfall erlitten hat. Seither kann sie wegen den Verletzungen nicht mehr arbeiten. Die erste Frage ist, warum Gott das zulässt. Doch Gott hat eine andere Perspektive als wir Menschen.

Aber Sie sagen doch in Ihren Predigten, dass Gott heilt …
… Gott kann heilen. Ich habe aber noch nie einem Besucher eines Gottesdiensts gesagt, ich bete für dich, damit du gesund wirst. Die ganze Medizin und die Medikamente sind für mich ein Segen von Gott. Gott heilt durch die Talente der Menschen. Zusätzlich heilt Gott auch immer wieder direkt Menschen.

Die Botschaft schwingt mit: Wer an Jesus glaubt, den heilt er.
Es gibt Freikirchen, die solche Versprechen machen, wir aber nicht. Ich habe drei Optionen. Entweder Jesus heilt sofort, im Lauf eines Prozesses oder gar nicht. Ich habe keine Ahnung, warum er manchmal nicht heilt. Ich habe es selbst in meiner Familie erlebt. Mein Vater hatte Krebs, und ich betete intensiv mit ihm. Trotzdem ist er gestorben. Ich bin deswegen nicht von Gott enttäuscht, denn ich weiss, dass er keinen Fehler gemacht hat.

In einer Predigt sagten Sie, Gott habe Ihre Augen geheilt.
Ich habe sie mit Lasern behandeln lassen, das ist für mich heilig. Technik ist für mich ein Wunder Gottes.

Was Sie alles auf Gott zurückführen – da scheint Ihr Glaube grenzenlos. Ist der ICF doch eine Sekte?
Wir waren immer schon der Kritik ausgesetzt. Das hat uns geholfen, einseitige Entwicklungen zu verhindern. Gott spricht auch durch Sie als kritischen Journalisten zu mir und vermittelt mir Ideen.

Mit Pastor Leo Bigger sprach Hugo Stamm (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.06.2010, 20:52 Uhr

Gottesdienst als Pop-Event

Leo Bigger - der 42-jährige gelernte Offsetdrucker gründete International Christian Fellowship (ICF) 1996 in Zürich und konzentrierte seine Missionstätigkeit ursprünglich auf junge Gläubige. 2003 mietete der ICF eine Halle auf dem Maag-Areal in Zürich mit 1900 Sitzplätzen. Seither wächst die Freikirche rasant, auch international. Die Gottesdienste sind Pop-Events mit farbigen Kulissen und lauter Livemusik. Immer mehr besuchen auch Erwachsene die Gottesdienste. Das ICF-Imperium ist zu einem mittleren Unternehmen mit 50 Angestellten angewachsen mit einem riesigen Angebot an Veranstaltungen, Weiterbildungen und Glaubenskursen. Bigger ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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