Ich bin auch ein Charismatiker

Sie sind mitreissend und flirten gekonnt mit ihrem Publikum: Menschen, die den öffentlichen Auftritt beherrschen, faszinieren uns. Dabei sei Charisma lernbar, sagt eine Expertin.

Sebastian Kurz hat das, was niemand so recht benennen kann, aber alle haben wollen: Charisma. Foto: Dan Kitwood/Getty Images

Sebastian Kurz hat das, was niemand so recht benennen kann, aber alle haben wollen: Charisma. Foto: Dan Kitwood/Getty Images

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Wenn Beobachter in diesen Tagen zu erklären versuchen, wie der österreichische Politpopstar Sebastian Kurz dazu kommt, mit 31 Jahren wohl demnächst zum jüngsten Bundeskanzler in der Geschichte seines Landes zu werden, dann klingt das etwa so: Kurz habe politisches Talent, jugendliche Frische und eine besondere Ausstrahlungskraft, Charisma eben, und oft fallen im gleichen Satz die Namen von Emmanuel Macron und Justin Trudeau.

Nicht nur in der Politik ist besser dran, wer Ausstrahlung hat. Längst hat auch die Wirtschaft erkannt, wie wichtig dieser Funke Aussergewöhnlichkeit ist, der den normalen Abteilungsleiter vom mitreissenden Chef unterscheidet. Business-Seminare versprechen «Erfolg durch Charisma» und das Entdecken des «charismatischen Potenzials». Charisma sei lernbar, sagt Buchautorin und Stimmtrainerin Anouk Scherer: «Es bedeutet, authentisch zu sein, präsent und empathisch – daran kann jeder arbeiten.»

Stimme tief und Körper gerade

Wer ihre Charisma-Seminare besucht, will in erster Linie eines: mehr Erfolg im Beruf. Und dafür hat die ausgebildete Schauspielerin ein paar handfeste Tipps: «Nicht mit einer zu hohen Stimme sprechen, die meisten Leute empfinden tiefere Stimmen als charismatischer.» Präsenz könne man an- und ausknipsen wie einen Lichtschalter: «Indem man etwa laut und deutlich spricht, sich eher auffällig anzieht, die Hände nicht am Körper kleben lässt, aufrecht dasteht.» Der grösste Ausstrahlungskiller? «Kein Selbstbewusstsein», sagt Scherer. «Und Selbstgefälligkeit.»

Kann nur charismatisch sein, wer jung und attraktiv ist? Nein, sagt Scherer: «In meinen Kursen zeige ich jeweils Bilder von Marilyn Monroe. Die meisten finden sie nicht charismatisch – sie wirkt zu künstlich.» Ohnehin sei gewinnendes Auftreten nicht dasselbe wie Charisma. Es gehe um die innere Haltung: «Charismatiker sind Menschenfreunde. Sie nehmen wahr, wie es dem Gegenüber geht – aus echtem Interesse und nicht, weil sie sich Vorteile erhoffen.» US-Präsident Donald Trump sei für sie deshalb kein echter Charismatiker: Er habe zwar eine starke Präsenz, doch sie sehe bei ihm wenige Anzeichen von Empathie. Anders sieht dies die Journalistin Ashley Parker, die für die «Washington Post» aus dem Weissen Haus berichtet. Sie sagte kürzlich in einem Interview mit dem TA: «Donald Trump kann extrem charmant und charismatisch sein.»

Charismatische Leader können durch ihre gewinnende Art Menschen verführen. Der verstorbene deutsche Alt-Kanzler Helmut Schmidt erinnerte in einem TV-Interview daran, dass diese Macht Gefahren berge: Er misstraue Charismatikern grundsätzlich, sagte er, nachdem Barack Obama 2008 die Präsidentschaftswahl gewonnen hatte. Und zog den missglückten Vergleich zu Adolf Hitler, Josef Stalin und Mao Zedong, die mit ihrem charismatischen Talent grosses Leid angerichtet hätten.

Unter den US-Präsidenten finden sich regelmässig begnadete Rhetoriker, denen viel Charisma nachgesagt wird: Barack Obama, Bill Clinton, John F. Kennedy. Und dass es vom guten Redner zum Charismatiker nicht mehr weit ist, dafür gibt es Beweise aus der Wissenschaft. Forscher der Universität Lausanne trainierten eine Gruppe von Managern, die in ihre Reden persönliche Anekdoten einbauen oder die Hörer spüren lassen sollten, ob es ihnen gut oder schlecht ging. Danach wurden sie vom Publikum mehr als doppelt so charismatisch wahrgenommen wie vorher.

Eigentlich eine enttäuschende Erkenntnis: Die Vorstellung, Charisma sei ein Geschenk Gottes – das Wort ist griechischer Herkunft und bedeutet «Gnadengabe» –, stimmt also nicht. Ein paar rhetorische Tricks reichen offenbar schon. Dennoch sei dem Charisma eine eigene Magie nicht abzusprechen, sagt Anouk Scherer: «Auftrittskompetenz und Charisma liegen zwar nah beieinander. Aber Charisma ist die Königsdisziplin.»

Selbst ihre Kursteilnehmer glauben offenbar an einen gewissen Zauber: Zu Beginn ihrer Seminare fragt Scherer regelmässig, wer glaube, dass Charisma lernbar sei. Nur die Hälfte bejaht jeweils.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.10.2017, 17:29 Uhr

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