«Ich bin halt nur ein Zwerg, ein beschissener kleiner blöder Zwerg»

Vor vier Monaten schied Knie-Clown Spidi aus dem Leben, der kleine Mann hinterliess eine grosse Lücke – und 3000 Franken Handyschulden.

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Vierundzwanzig Jahre – und ich sah ihn nie weinen. Vierundzwanzig Jahre, von März bis November, während 8000 Vorstellungen, stand er am Eingang des Zelts, nie zu spät, nie zu müde, und verkaufte Programme, verkaufte Ballons, scherzte achtsprachig und grinste und lachte, liess sich fotografieren, wieder und wieder, sagt Fredy Knie junior, Verwaltungsratspräsident der Gebrüder Knie, Schweizer National-Circus AG, Rapperswil, Spidi war unser Erkennungszeichen.

Wütend war ich auf ihn, bin es noch heute ab und zu, sagt Irene Hofer, Spidis Schwester. Macht sich der einfach aus dem Staub und hinterlässt kein Wort.

Aus jedem Gülleloch hätte er dich geholt, sagt Thomas S., bester Freund von Peter Wetzel, genannt Spidi, Hausclown des Circus Knie, gestorben am Abend des 26. Juli 2018, seine letzte Hose hätte er dir geschenkt.

Mehr als zehn Millionen Menschen sahen sein Gesicht, die weiss geschminkte Unterlippe, weisse Lider, rote Tupfer auf Nase und Wangen, der Zirkus war ihm Glück und Los und Leben, sein Alles, sagt Fredy und schaut hinaus auf die Place Bellerive, Lausanne, noch eine halbe Stunde bis zur Vorstellung. Seither ist hier alles anders.

Depressiv war er nicht, sagt Irene, depressiv war Peter nicht.

Seltsam, im Nebel zu wandern! Einsam ist jeder Busch und Stein, Kein Baum sieht den andern, Jeder ist allein – dieses Gedicht setzten wir in Peters Todesanzeige, Oltner Tagblatt, wir waren drei Kinder, Manuela, Jahrgang 1964, Peter, 1966, und ich, 1970. Mami arbeitete in einer Gärtnerei, unser Vater im Strassenbau, wir wuchsen, aufs Ganze gesehen, glücklich auf, sassen mit den Eltern oft im Wald, kochten Suppe über offenem Feuer, eine leichte Kindheit hatten wir. Peter und ich stritten oft und liebevoll, einmal, aus Versehen, schlug ich ihn zwischen die Beine, Peter heulte auf, Vater eilte heran, Peter heulte ständig lauter, bis Vater mich zur Strafe am Haar zog und auch ich zu heulen begann. Und als er wieder gegangen war, sagte Peter, so heftig sei sein Schmerz nicht gewesen, dass ich deswegen jetzt zu heulen bräuchte.

Manchmal glaube ich, nun käme er gleich um die Ecke, manchmal höre ich seine kurzen schnellen Schritte, seine Stimme, Géraldine, ich ha di ganz fescht gern. Ich war elf, ein Mädchen, als er in mein Leben trat, dieser kleine frohe Sommermann, 132 Zentimeter gross, nie traurig, selten böse, ständig unterwegs, sagt Géraldine Knie, Tochter von Fredy, künstlerische Leiterin des Circus Knie, Tränen im Gesicht.

Dass er sich noch nicht gemeldet hat, auf welche Weise auch immer, sagt Thomas S., zeigt mir, dass es ihm dort, wo er nun ist, gut geht.

Wahrlich, keiner ist weise, Der nicht das Dunkel kennt, Das unentrinnbar und leise Von allem ihn trennt – ein schönes Gedicht, ich kannte es nicht, sagt Géraldine und schaut zu den Fotos der Ahnen, die im Salonwagen hängen, Friedrich Knie, Karl Knie, Ludwig Knie, Fredy senior, Rolf senior.

Die letzten zwei Jahre besass er kein Handy mehr.Wer kleinwüchsig geboren wird, kommt mit einem Problem zur Welt, das er lösen muss, sagt Fredy Knie. Und dafür, wie er es gelöst hat, habe ich Spidi bewundert. Er stand mitten im Leben, war alles andere als ein trauriger Clown.

Einmal, da war Peter vielleicht zehn, klaute ihm jemand sein Velo. Die ganze Schule schwärmte aus, auf der Suche nach Peters Velo. Dass wir klein waren, sagt Irene, tat uns nicht weh, Peter 132 Zentimeter, ich 124, genau so gross wie Mami, die uns früh beigebracht hatte, dass wir ein Leben lang klein sein würden, kleiner als Papa, 170, und unsere ältere Schwester, 171. Mami sagte, ihr seid klein, aber normal und kostbar wie jeder Mensch, das Leben gehört euch. Nein, wir wurden nicht gehänselt im Dorf. Klar, ab und an, wenn ein Kind zu seiner Mutter sagt, Mama, schau, dort geht ein Zwerg, Mama, guck, wie alt dieses Kind bereits ist, dann tut das nicht gut. Man lernt darüberzustehen. Es gibt viele Formen von Kleinwüchsigkeit. Die, die Peter und ich haben, zeichnet sich dadurch aus, dass unser Rumpf normal gewachsen ist, Arme und Beine aber verkürzt.

Mami hatte eine grosse ständige Sehnsucht – sie wollte zum Zirkus. 1977, Peter war zehn, ich sieben, schlossen wir uns dem Circus Nock an, Mami kochte für zwanzig Marokkaner, Vater war Zeltmeister, drei Jahre lang waren wir unterwegs, zuerst mit Nock, dann mit Cesare Togni in Italien, bis Mami fand, es sei Zeit, in die Schweiz zurückzukehren und uns wieder in eine ordentliche Schule zu schicken. Also reisten wir zurück, fanden in Rothrist eine Wohnung, 1980. Mami sagte oft, Peter habe das Talent zum Clown, Peter, du wirst mal ein Clown. Fünfzehn Jahre alt, 1982, zog er in die Westschweiz und schloss sich einem Clown an, den meine Eltern kannten, Orlando – viel mehr weiss ich nicht über jene Zeit.

Vater begann zu trinken und zu lärmen, hie und da floh ich mit Mami nach Olten in die Notschlafstelle. Schliesslich die Scheidung. Peter war dann in Deutschland bei Siemoneit-Barum, ab und zu besuchten wir ihn, brachten ihm Schokolade, eine warme Decke, er sagte, was er immer sagte, es gehe ihm gut, es geht mir bestens, aber wir sahen, dass er log, man hatte ihm den Pass abgenommen, irgendeinmal rief er an, sie hätten ihm die Decke gestohlen, die wir gebracht hatten – und dann, sechs Jahre lang, war er verschollen, 1986 bis 1992.

Wir hörten nichts mehr von ihm, er rief nie an, niemand wusste, wo er war. Mit irgendwelchen Clowns zog er durch die Welt, Spanien, Australien, Neuseeland, und als wir einmal lasen, in einem Zirkus in Verona trete ein Kleinwüchsiger auf, fuhren wir nach Verona, Mami und ich – es war nicht unser Peter, der die Leute dort zum Lachen brachte. Mutter weinte.

Noch drei Wochen vor seinem Tod, sagt Géraldine, liess er sich die Kostümhose neu färben. Noch vor Monaten belud er mich mit Vorschlägen, wie unser nächstes Programm, 100 Jahre Circus Knie, zu gestalten sei, 2019. Géraldine, beginn mit Schimmeln und Rappen, schwarz-weiss wie die Fotos von einst, danach erst bringst du die goldenen Palominopferde, bunt wie das Leben von heute, weisst du, was ich meine?

Video: Knie-Leute nehmen Abschied

«Wir vermissen Dich»: Berührende Worte zum Tod von Spidi. Keystone

Keine Ahnung, weshalb er ging, sagt Thomas S., bester Freund, und setzt sich auf die Lehne einer Bank, die grüne Aare vor sich, zwei Enten.

Ende Gelände.

Spidi lernte ich kennen, als er zu uns kam, 1994, ich glaube, ein Artist stellte ihn uns vor, sagt Fredy Knie, noch eine Viertelstunde bis zur Vorstellung. Spidi begrüsste die Leute, nachmittags, abends, stimmte sie auf den Zirkus ein, verkaufte Programme, Ballons, Bücher. Er litt nicht darunter, dass er unser Markenzeichen war. Ab und zu bauten wir ihn in eine Nummer ein – unvergesslich, wie ein Elefant sich erst schlafen legte, wenn Spidi ihm ein Kissen in die Manege brachte.

Hätte er darunter gelitten, eine Marke zu sein, hätte er es mir gesagt, sagt Géraldine.

Stolz war ich, dass mein Bruder bei Knie unterkam. Wir besuchten ihn oft, Mami schlief auf einer Matratze in Peters Abteil, reiste im Wagen von Bern nach Genf, der Circus Knie war sein Kosmos.

Hie und da überlege ich mir, ob er noch am Leben wäre, wenn am 26. Juli jemand um 19 Uhr an seine Tür geklopft und ihn, zum Beispiel, um Feuer gebeten hätte oder um Rat. Vielleicht ist der Entschluss, sich zu töten, eine Sache von Sekunden, ein Ding der Gelegenheit, vielleicht, vielleicht, vielleicht. Psychologen sagen mir, ich dürfe nicht so denken. Ich sei es mir schuldig, mich nicht schuldig zu fühlen, weil ich ihn nicht anrief in den Wochen vor seinem Tod, sagt Thomas.

Die letzten zwei Jahre besass er kein Handy mehr, ich weiss nicht, weshalb, sagt Irene, Schauspielerin von Beruf, und dreht sich eine Zigarette.

Vor Jahren besuchte ich ihn einmal in Luzern, er schminkte sich, zog sein Kostüm an, nahm einen Stapel Flugblätter, dann gingen wir an den See, verteilten die Blätter, Knie in Luzern, dann setzten wir uns auf eine Bank, neben uns eine Frau, vielleicht eine Chinesin. Und Spidi, um einen Spruch nie verlegen, sagte, nin hao, guten Tag. Die Frau lachte laut. Und sagte: Mit mir channsch gern Züritütsch rede, du schöne Ma.

Er hatte, sagt Irene in ihrem Wohnwagen am Rand von Würenlos, viele Frauen, A. zum Beispiel, eine Kleinwüchsige, die es nicht ertrug, dass er noch länger beim Zirkus blieb. Oder C., eifersüchtig auf jede, die mit Peter sprach.

Als er starb, hatte er 3000 Franken Handyschulden: Clown-Legende Spidi.

Er war ein Charmeur, sagt Géraldine, oft rannte er auf mich zu, lass uns Schnugeliwugeli machen, dann umarmte er mich, streichelte mich, ich ha di ganz fescht gern. War ich schwanger, fragte er täglich, wie es mir geht. Jedem meiner Kinder, kaum geboren, schenkte er einen kleinen Engel aus Porzellan oder Silber.

Peter kokste, sagt Irene.

An jedem Spielort hatte er seine Beiz.

Spidi träumte den Traum von der eigenen Familie, sagt Fredy.

Peter war es egal, wie klein oder wie gross seine Kinder würden, sagt Irene, mindestens zwei sollten es sein.

Fragte man ihn, wie es ihm gehe, sagte er, gut.

Ständig sagte er, es geht mir gut.

Über die sechs Jahre, die er verschwunden war, sprach er nicht.

Manchmal rede ich mit ihm, sagt Thomas, Verkauf Innendienst, und ich bin sicher, dass er sich meldet, vielleicht in einem Traum, und mir erzählt, weshalb.

Weshalb, weshalb – ich weiss es nicht, sagt Géraldine.

Und ich frage mich, ob ich darauf eine Antwort haben müsste – ich war seine Vertraute.

Seltsam, im Nebel zu wandern! Einsam ist jeder Busch und Stein, Kein Baum sieht den andern. Jeder ist allein.

Die Winter verbrachte er bei Mami, er war gern bei ihr – und wartete, bis wieder Zirkus war, weisse Lippe, weisse Lider, Schnugeliwugeli. Wir fanden die Flaschen, Wein, Bier, Schnaps, die er versteckt hielt, im Keller, im Schrank.

Spätestens eine Stunde vor jeder Vorstellung war Spidi an seinem Ort, stapelte Programmhefte, scherzte, lachte in jede Kamera, nach Alkohol roch er nie, sagt Géraldine.

Früher rief Peter hie und da an, kennst du den? Zwei Berufsfischer sitzen in einem Boot, Fritz und Franz, jeder mit seiner Rute, an der Angel ein Wurm. Sagt Franz zu Fritz: Gratuliere noch zu deiner Hochzeit. Danke, sagt Fritz. Dann schweigen sie lange, bis Franz sagt: Du, Fritz, nimm mir die Frage nicht übel. Aber hast du nicht auch das Gefühl, eine Bessere zu verdienen? Eine Bessere?, fragt Fritz. Man sagt, sagt Franz, deine Frau sei nicht die Hellste. Kann schon sein, sagt Fritz und lächelt. Und man sagt, sagt Franz, sie sei nicht unbedingt die Schönste. Kann sein, sagt Fritz und lächelt noch mehr. Und sagt dann: Aber Würmer hat sie.

Seit Monaten war er anders, sagt Thomas auf der Sitzbank in Olten, er war nicht mehr der, der er gewesen war, Spidi entzog sich mehr und mehr.

Es geht mir gut, es geht mir gut, lasst mich in Ruhe – und ich wusste, dass er log, sagt Irene.

Eine Zeit lang trank er tatsächlich zu viel, Spidi stürzte mit dem Velo, er versprach, sich zu bessern. Und er besserte sich, trank kaum noch, war pünktlich und gewissenhaft. Jeden Sonntag, wo auch immer wir spielten, radelte er los, kaufte Zopf und Gipfeli, brachte sie uns zum Wagen, hängte die Tasche, wenn niemand öffnete, an die Tür. Weil Spidi wusste, wie sehr ich deutsches Sauerteigbrot liebe, fuhr er, wenn wir am Rhein aufgeschlagen hatten, schnell hinüber nach Deutschland, kaufte Sauerteigbrot für mich – sehe ich irgendwo Brot aus Sauerteig, denke ich an Spidi.

Ein Clown, nicht sehr gross, steht in der Mitte der Manege, neben sich ein grosses grünes Krokodil. Meine Damen und Herren, sehr verehrtes Publikum, was Sie nun sehen, ist einzigartig auf der Welt, sensationell. Er befiehlt dem Tier, sein Maul zu öffnen, spitz und weiss blitzen die Zähne des Krokodils, ein Trommler wirbelt sein Besteck. Nun öffnet der Clown die Hose, steckt sein bestes Stück in den Rachen des Tiers. Und das Maul – zack – klappt zu, das Publikum schreit auf. Dann schlägt der Clown seine rechte Faust mit voller Wucht zwischen die Augen des Krokodils, schnell öffnet es sein Maul – der Pimmel ist unversehrt. Wer von Ihnen, geschätztes Publikum, hat den Mut, hier in die Manege zu kommen und es mir gleichzutun? Niemand meldet sich. Dem, der es wagt, bezahle ich zwanzig Franken, sagt der Clown. Niemand meldet sich. Hundertfünfzig Franken! Niemand meldet sich. Zweihundert! Da steht eine Blondine auf, wallendes Haar, und tritt zu Clown und Krokodil – und sagt: Aber ich mach es nur, wenn du mich nicht so brutal zwischen die Augen schlägst.

Kann sein, dass er einsam war – nachts nach dem letzten Bier, sagt Fredy.

Im Moment sind acht Russinen bei uns, Luftakrobatinnen auf der doppelten russischen Schaukel, junge Frauen, nicht sehr gross, Spidi umwarb die eine, die andere, Géraldine, sagte er, eine müsste doch zu haben sein. Er brachte ihnen Geschenke, Blumen und Krimskrams, Spidi, sagte ich, gib nicht dein ganzes Geld für Geschenke aus, die Menschen lieben dich ohnehin.

Zum letzten Mal weinen sah ich ihn am Grab unseres Vaters, 2007, der, wenn er getrunken hatte, Peter ins Gesicht schlug. Auf seinem Cornet spielte er Il Silenzio, ganz leise und zart. Peter sagte, Irene, du hast doch ein Foto von Papa, bitte schenk es mir.

Spidi rief nicht mehr an.Ich sagte, Spidi, komm zu mir, wenn das Geld nicht reicht, wir können über alles reden, sagt Fredy.

Als er starb, hatte er dreitausend Franken Handyschulden.

Hätte er öfter in die Manege gewollt, als Teil einer Nummer, hätte er es mir gesagt, sagt Géraldine – ich war seine Vertraute.

Zwei Winter lang lebte er bei mir, dann bei seiner Mutter, sagt Thomas, er wartete, bis es Frühling war und die Tournee begann, sein Leben unter Schminke.

Man sieht in niemanden hinein.Über die sechs Jahre, die er verschollen war, sprach er nie.

Seltsam, wie wenig man über jemanden weiss, den man liebte.

Was wäre, wenn am 26. Juli kurz vor sieben Uhr abends jemand an seine Tür geklopft hätte?

Er ging den Weg, sagt Fredy, der ihm gut und richtig war.

Ende Gelände.

War er bei Mami, herrschte er sie oft an. Je älter Peter wurde, desto mürrischer war er, ungeduldig, laut, sich selber eine Last.

Einmal schloss ihn jemand in die Garderobe, länger als eine Stunde. Er kochte vor Wut, schmiss das Schminkzeug an die Wand, mit einem Zwerg kann man das machen, ich bin halt nur ein Zwerg, ein beschissener kleiner blöder Zwerg, ein Zwerg, ein Zwerg.

Kokain ist nicht billig.

Unter Clowns und schönen Frauen war ihm am wohlsten.

Als mein Bruder klein war, schenkte ihm ein Bauer ein kleines Schwein, das ihm überallhin folgte, ins Schlafzimmer, in die Stube, Peter und sein Schwein waren unzertrennlich – ich weiss nicht mehr, was mit dem Tier geschah.

Im kommenden Winter, sagt Thomas S., sollte er die Hüfte operieren lassen, Spidis Hüfte schmerzte seit Jahren, manchmal nahm er Tabletten, oft liess er es sein und gab den Starken.

Vor der OP hatte er Angst, sagt Fredy, he, Spidi, jeder Zweite bekommt heutzutage neue Hüften, du bist nicht der Erste, nicht der Letzte, reine Routine, Spidi, keep cool.

Schnugeliwugeli.

Nicht nur Depressive nehmen sich das Leben, sagt Thomas.

Eine Sache von Sekunden, vielleicht.

Er fragte, ob ich ihm für den kommenden Winter eine Wohnung in Rapperswil wüsste, in der Nähe unseres Winterquartiers.

Peter stritt sich mit Mami, sprach mit unserer Schwester kaum noch.

Sind Mann und Kinder im Bett, denke ich oft an ihn und weine, sagt Géraldine. Was mir von ihm bleibt, ist Erinnerung und ein Foto, das in seinem Abteil hing, gemacht vor zwanzig Jahren, Spidi und ich. Ich glaube, er liebte mich – ich liebte ihn.

Sollte ich ihn je wiedersehen, sagt Thomas, eine Flasche Rivella in der Hand, die Aare vor sich, werde ich ihn fragen: Warum hast du nicht angerufen, als es dir beschissen ging?

Irgendwann vor zwei Jahren rief Thomas S. an, Peters bester Freund, und sagte, Peter habe sich das Handgelenk aufgeschnitten, in seinem Abteil habe ihn einer gefunden, blutend, lebend, wir, mein Mann Roland und ich, holten Peter dann zu uns nach Würenlos in den Wagen, in dem wir leben, er habe, sagte Peter, dumme Gedanken gehabt – mehr sagte er nicht.

Dumme Gedanken. Drei Wochen blieb er bei uns, ging zum Arzt, zur Psychologin, er versprach, nie mehr zu tun, was er getan hatte, er versprach es uns in die Hand, sagt Irene. Nach drei Wochen wollte er weg, zurück zum Zirkus, Fredy habe gesagt, er dürfe zurück zum Zirkus, wenn es ihm besser gehe, mir geht es gut, mir geht es bestens, lasst mich in Ruhe, ich weiss, was ich tu.

Spidi nannten sie ihn bereits in der Schule zu Rothrist, weil er alles, was er tat, schnell tat.

Am 13. August, wir waren in Bern, nahmen wir Abschied, fünfhundert Menschen in unserem Zelt, Spidis Asche in der Mitte, ich konnte nicht reden und bat meinen Vater, es zu tun, ich widmete Spidi ein Lied, Andreas Gabalier, Amoi seg ma uns wieder, Wie dei Herz aufhört zum Schlogn und du aufi zu die Engerl fliagst, dann hob ka Angst und loss di anfoch trogn, weil es gibt was nach dem Lebm, du wirst scho segn, sagt Géraldine im Salonwagen ihres Zirkus, grünes Polster, Messing auf dem Sims, Clown mit Gitarre.

Viele weinten, sagt Thomas.

Ich konnte nicht weinen, sagt Irene, aus Wut auf Peter.

Wer Spidi fand und wie er starb, möchte ich nicht verraten, sagt Thomas S.

Die Psychologen meinen, ein schlechtes Gewissen müsse ich mir verbieten. Wer sich töten wolle, sei nicht abzubringen davon.

Depressiv war er bestimmt nicht, nur manchmal so traurig wie wir alle.

Manchmal rief er, he, Irene, kennst du das neuste Stück von Laura Pausini, Una Storia Che Vale? Die neuste Scheibe von Soundso.

Ich merkte ihm nichts an. Weshalb nicht?

Sein Abteil ist nun leer, wird es bleiben bis zum Ende der Tournee.

Im November 2017, der Circus Knie spielte in Bellinzona, hängte er sich unter die metallenen Stangen der Tribüne, das Seil riss, Kollegen fanden ihn, halfen ihm auf die Beine, versprachen dem Clown, niemandem zu erzählen, was sie gesehen hatten. Hätte ich davon erfahren, hätte ich Peter zu uns geholt, weint Irene. Hätte ihn vielleicht in eine Klinik gebracht, hätte, hätte, hätte. Ich weiss nicht, wer wusste, dass Peter Kokain nahm.

Einmal, in Nyon, kam Spidi angerannt, Géraldine, Géraldine, Michael Schumacher ist da, seine Frau, seine Kinder – Wahnsinn, der Schumi bei uns. Géraldine, Bryan Adams ist da.

Er hatte, und das erkenne ich erst jetzt, viele Gesichter.

Wie jeder Mensch, sagt Irene.

Am 26. Juli 2018, Donnerstag, waren wir in Aarau. Ich ging in die Garderobe, 17 Uhr, vielleicht ein bisschen später, Spidi war dort und wischte den Boden, Schnugeliwugeli, alles in Ordnung? Dann ging er in die Küche, ass, was der Koch gekocht hatte, stellte sich unter die Dusche. Die Vorstellung begann um 20 Uhr, normalerweise stand Spidi eine Stunde zuvor bereits beim Eingang zum Zelt. Er kam nicht. Um 19.25 rief ich meinen Mann an, sagt Géraldine, Spidi ist nicht hier, weisst du, wo Spidi ist?

Kein Zettel, kein Wort.

Peter hing in seinem Abteil, sagt Irene. Vielleicht schämte er sich, dass er drei Anläufe brauchte.

Seltsam, im Nebel zu wandern.

In seinem Schrank fanden sich Briefe, viele ungeöffnet, Hallo Spidi, ich möchte Clon werden wie du. Was muss ich tun damit ich imer lusdig bin?

(Das Magazin)

Erstellt: 19.11.2018, 09:32 Uhr

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