«Ich dachte tatsächlich, ich sei ein Genie»

Florian Burkhardt war Model, Profi-Snowboarder, Webdesigner, Partyveranstalter – alles überaus erfolgreich, bis ihn seine Angststörung einholte. Der Dokumentarfilm «Electroboy» zeigt seine Geschichte.

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Sie haben eben den Film gesehen, in dem Ihr Absturz dokumentiert wird.
Was heisst Absturz? Ich sehe das mehr als Veränderung und Entwicklung. Hollywood und das Modeln waren für mich nicht so prägend – darauf stürzen sich aber die Medien gern. Dann darf ich wieder lesen, was für ein Wrack ich im Vergleich zu früher bin. Ich sehe das nicht so. Ich habe im Irrenhaus mehr über mich erfahren als in meinen anderen Lebensphasen.

Wie geht es Ihnen heute?
Ich nehme seit zwölf Jahren Medikamente. Ich habe mich mit der Angststörung abgefunden. Sie ist ein Teil von mir. Zuerst wehrt man sich natürlich dagegen. Dann sieht man sie als Herausforderung. Und manchmal muss ich sogar über sie lachen. Humor hilft, schwierige Situationen, etwa eine Panikattacke an einer Supermarktkasse, zu entschärfen. Klar, ich habe eine ausgeprägte Sozialphobie und kann gewisse Sachen nicht tun, die andere machen. Aber damit kann ich trotzdem erfüllend leben.

Ist eine Sozialphobie nicht die Höchststrafe für jemanden, der stets im Rampenlicht stand?
Das ist genau der Punkt. Ich hatte das Rampenlicht nie gesucht. Meine Karriere als Model passierte einfach, es war ein Zufall. Später bin ich nur anonym an meine Electroboy-Partys gegangen.

Rechnen Sie damit, irgendwann ohne Medikamente auszukommen?
Ich habe öfters versucht, die Dosis zu reduzieren. Doch die Ängste wurden sofort stärker. Also gehe ich davon aus, dass die Pillen mich ein Leben lang begleiten werden.

Immer wieder hörten Sie auf dem Höhepunkt des Erfolgs auf. Waren Sie in diesen Situationen überfordert oder unterfordert?
Weder noch. Es war stets eine Frage der Integrität. Ich mache etwas aus Prinzip nur so lang, wie ich dafür Begeisterung aufbringen kann. Kreieren macht mir mehr Freude als verwalten.

War Ihr schillernder Lebenswandel der Auslöser für Ihre Angststörung?
Vielleicht hat er dazu beigetragen. In meinem Fall liegt der Grund für die Störung jedoch ziemlich sicher in meiner Kindheit und Jugend. Ich wurde von meiner Mutter wegen einer Familientragödie regelrecht weggesperrt, bis ich 21 war. Gleichzeitig hat sie mir eingeredet, wie besonders ich sei. Als ich endlich von zu Hause wegkam, dachte ich tatsächlich, ich sei ein Genie. In mir war so viel Energie, dass ich wie eine Rakete abging, möglichst hoch und weit weg. Der Ausbruch war letztlich eine Flucht vor mir selbst – mit abruptem Ende. Zumindest sagen das die Psychiater.

Was haben Sie heute für ein Verhältnis zu Ihren Eltern?
Ich bin stolz auf sie, dass sie beim Film mitgemacht und erstmals über die Probleme und Traumata in unserer Familie gesprochen haben. Der Regisseur stellte Fragen, die wir einander nie stellen konnten. Wir lernten uns so besser kennen und sahen bisher verborgene Zusammenhänge – auf einer emotionalen Ebene, nicht nur analytisch. Als Kind und Teenager habe ich nichts davon verstanden. Ich fand meine Eltern zum Kotzen. Heute verstehe ich sie besser. Sie hatten kein einfaches Leben.

Woody Allen sagt, er mache Filme, um seine Ängste zu therapieren. War das bei Ihnen auch der Grund?
Nein, die Zusammenarbeit entstand, nachdem ein deutsches Magazin ein Porträt über mich publiziert hatte. Dieses fiel einer Schweizer Filmproduktionsfirma auf, und sie fragte mich an, ob man aus meinem Leben einen Spielfilm machen könne. Das fand ich eine spannende Idee. Dass daraus dann ein Dokfilm wurde, hat mich zuerst ein bisschen gestört. Ich wäre lieber im Hintergrund geblieben. Heute bin ich froh, dass es anders kam. Der Film hatte für die Familie und mich eine positive Wirkung.

Sie sind vor acht Jahren nach Berlin gezogen, haben drei Jahre in Bochum gewohnt. Warum der Wegzug?
Als ich Teil-IV-Rentner wurde, war mein Einkommen zu klein für ein Leben in Zürich. Ausserdem brauchte ich wieder einmal einen Wechsel. In Berlin habe ich mit meinem damaligen Freund einen Ableger des Cabaret Voltaire aufgebaut, um der ursprünglichen Idee von Dada wieder einen Raum zu geben.

Wie sieht Ihr Alltag aus?
Ich gehe einmal pro Tag ins Café. Auch aus therapeutischen Gründen, damit ich nicht zu lang in der Wohnung bleibe. Ausserdem mache ich gestalterische Arbeiten und schreibe.

Das klingt nach einem einsamen Leben.
Das mag stimmen. Aber ich suche das. Ich brauche eine sichere Distanz zu meinem Umfeld, selbst zu meinen Freunden. Einige nennen mich darum den «Einsiedler».

Wie würden Sie sich selbst nennen?
Vielleicht «Ikarus» – denn der ist ja auch verbrannt. Aber sagen wir doch lieber «Phoenix». Der steigt wieder auf – und das bin ich bisher auch immer wieder.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.11.2014, 08:24 Uhr

«Electroboy»

Seine Wirklichkeit sieht manchmal aus wie erfunden.

Es ist sehr spannend, «Electroboy», den ersten Dokumentarfilm des Schweizer Regisseurs Marcel Gisler («Rosie») unter dem Aspekt zu betrachten, die Biografie, von der er berichtet, sei erfunden. Man empfände es als sympathischen Zug der Realität, wenn sie Florian Burkhardt, einst bekannt als «Electroboy», nicht erlaubt hätte, mit seinem Leben so arrogant verschwenderisch umzugehen. Und wenn sie ihm nicht eine Illusion von Genialität aufgebürdet hätte, die dann in der Zwangsneurose endete. Denn die Idee, dass Genie und Wahnsinn zusammengehören, ist ja nur als Fiktion eine poetische Angelegenheit.

In Gislers Film ist sie ein wirkliches Elend. Sie führt etwa in eine Bochumer Wohnung, wo Burkhardt in den letzten Jahren ein ungeniales, zwangsgesteuertes Nichtleben lebte, zusammen mit Medikamenten und einem Mops, dem er jeden Tag den Hintern auswischte.

Dies ist die Geschichte von einem, dem die Welt erst zu klein und langsam war und dem sie jetzt viel zu gross, schnell und bedrohlich ist. Es waren ihm so viele Talente gegeben, dass er nie recht wusste, wohin damit. Wenn er es zu wissen glaubte, hatte er Erfolg oder fast: als Filmschauspieler und Model, als Internetpionier und Partyveranstalter und einmal sogar fast in der Liebe. Aber mit dem Erfolg stellte sich immer der Überdruss ein. Bis eine generelle Seinsangst und viele krankhafte Einzelängste ihn packten und ihm den Strom abdrehten.

Vielleicht war die Angst immer schon da, und die überhebliche Exzentrik, mit der er seine Begabungen und Freunde verschliss, war eine ihrer Ausdrucksformen. An die endgültige Lebenswahrheit ist Marcel Gisler auch nicht herangekommen. Aber er tat mit zurückhaltender Empathie und psychologischer Sorgfalt, was gute Dokfilmer tun: Er erwog das Wahrscheinliche im Elektrolicht und im Schatten einer Familiengeschichte. Und so kennen wir den wirklichen Florian Burkhardt, der sich immer selbst erfand und manchmal aussieht wie erfunden, jetzt ziemlich gut. Wahrscheinlich.

Von Christoph Schneider

Electroboy (CH 2014). 113 Minuten. Regie: Marcel Gisler. Mit Florian Burkhardt u. a. Heute und Mittwoch um 12.15 Uhr im Lunchkino, ab Donnerstag im Arthouse Picadilly 1.

Trailer Dokfilm Electroboy

Florian Burkhardt

Vom Partykönig zum IV-Rentner

Florian Burkhardt (40) hat eine Ausbildung als Primarlehrer. Er war professioneller Snowboarder, versuchte sich als Schauspieler in Hollywood und wurde international als Model für Firmen wie Gucci oder Dolce & Gabbana gebucht. Als er sich in einen Schweizer Bauernsohn verliebte, hörte er damit auf und zog aufs Land. Es folgten Jahre als gefeierter Webdesigner und Partyveranstalter. Burkhardt gründete die Electronica-Zeitung «Kommerz» sowie die ersten Swiss Electronic Music Awards. Vor 12 Jahren wurde bei ihm eine «generalisierte Angststörung
bei narzisstischer Persönlichkeitsstruktur» diagnostiziert. Heute lebt Burkhardt als Teil-IV-Rentner in Berlin. (phz)

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