Interview

«Ich definiere mich nicht mit Eigenschaften aus der Steinzeit»

Der Koch Attila Hildmann ist ein Verfechter veganer Ernährung. Sie ist für ihn Lustgewinn, nicht Verzicht.

TV-Koch Attila Hildmann hält Fleischkonsum nicht für männlich: «Sexuell gesehen gewinnt der Veganer.»

TV-Koch Attila Hildmann hält Fleischkonsum nicht für männlich: «Sexuell gesehen gewinnt der Veganer.» Bild: Jens Koch (Picture Press)

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Was hatten Sie zuletzt auf dem Teller?
Zucchettispaghetti mit Soja-Bolognese.

Das klingt gesund. Ihnen wurde bei einer Chromosomenuntersuchung ja auch ein sechs Jahre jüngeres «Körperalter» bescheinigt. Befeuern Sie mit der Idee des veganen Anti-Agings nicht den Jugendwahn?
Das sehe ich anders. Jeder muss sich fragen, wie alt er werden will. Und wie er die Alterung seines Körpers erleben möchte. Schliesslich würde jeder 80-Jährige, der ans Bett gefesselt ist, lieber um den Block spazieren. Was tun, damit es nicht so weit kommt?

Ja, was soll man denn tun?
Unsere Gesellschaft zelebriert den Überkonsum förmlich. Trotz Wohlstands ernähren wir uns in der Ersten Welt schlechter als früher – das ist doch absurd. Übergewicht ist eine Seuche. Da braucht es pragmatische Lösungen. Die biete ich an.

In Ihrem neuen Buch «Vegan for Youth» sieht man eindrückliche Vorher-nachher-Bilder. Spielen Sie da nicht mit der Sehnsucht nach einem Traumkörper, der für viele unerreichbar bleibt?
Ich gebe den Menschen einen Schlüssel zu einem gesunden und vitalen Leben. Jeder kann selber entscheiden, was er sein möchte.

Mit 19 Jahren waren Sie gemäss eigenen Aussagen ein «ewig hungriger Fleischesser mit 35 Kilo zu viel um die Hüften und unreiner Haut». Was hat Sie dazu bewegt, Ihr Leben zu ändern?
Mein Vater ist früh gestorben, als Folge von schlechter Ernährung und Stress. Nach diesem Einschnitt habe ich meine Ernährung und mein Leben umgestellt – es war der Schlüssel zum Erfolg.

Sie profitieren davon, dass die vegane Ernährungsweise hip und trendy ist.
Ich reite nicht auf der veganen Welle mit – es gibt sie, meinetwegen! Seit 13 Jahren bin ich aktiv, schreibe Blogs und Bücher. 500'000 verkaufte Exemplare in den letzten zwei Jahren, das ist einmalig im deutschsprachigen Raum.

Wo sehen Sie die Hauptgründe für Ihren Durchbruch?
Ich habe der Bewegung das Dogmatische genommen. Stattdessen verknüpfe ich in meinen Kochbüchern narzisstische Motive mit der Veganer-Diät.

Sind Sie eigentlich religiös?
Nein, ich studiere ja Physik. Zwar stellt sich auch dort die Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, aber die Antworten darauf werden mit der Sprache der Mathematik gegeben.

Trotzdem posieren Sie für Ihr neues Buch vor einem Kloster.
Meine Recherche nach den Geheimnissen der veganen Lebensweise hat mich zu den Mönchen geführt. Ich habe aber auch italienische Mammas und unsterbliche Süsswasserpolypen getroffen.

Viele Dinge, die Spass machen, sind ungesund. Gesundheit als oberstes Ziel zu haben, klingt nach Verzicht. Gönnen Sie sich nie ein Glas Wein zu viel?
Mein Leben ist eine Disco – dies aufgrund meiner Lebensweise. Wenn ich die Wahl habe zwischen einem Grünteegetränk mit Sojamilch und einem Glas Rotwein, dann wähle ich Ersteres. Es macht wach und leistungsfähig. Zudem schlafe ich sieben Stunden täglich. Lustfeindlich bin ich deswegen nicht. Bloss die Wirkung von Alkohol gefällt mir halt nicht, da wird zu viel Energie verbraucht.

Sie empfinden die vegane Lebensweise also nicht als Verzicht?
Nein, für mich machen tierische Produkte keinen Sinn. Massentierhaltung, Medikamente im Fleisch – darauf kann ich gut verzichten.

Sie haben den Grill mal als einen der letzten Plätze bezeichnet, an denen es keine Frauenquote gebe – eine Rückkehr in die Steinzeit. Was macht denn Ihre Männlichkeit aus?
Ich bin sehr potent. Die vegane Lebensweise spült einem alle Arterien durch, gewisse Teile funktionieren da von allein. Veganer brauchen kein Viagra.

Dennoch gilt Fleischkonsum als männlich.
Es kommt auf die Definition von Männlichkeit an. Sexuell gesehen gewinnt der Veganer. Ich muss mich nicht über steinzeitliche Eigenschaften definieren. Ich bin ein Gentleman, schütze die Schwachen – ist das nicht männlich genug? Ausserdem treibe ich Sport und habe grosse Muskeln, ganz ohne Eiweisspülverchen.

Ecken Sie mit Ihrer Lebensweise an? Ja. Aber lustigerweise selten bei Fleischessern, sondern bei Veganern. Die glauben, ich hätte ihnen ihr Thema geklaut. Sie wollen, dass man gleich alles Leder wegwirft, das man besitzt. Weil ich den Leuten sage, «du kannst das Ganze auch nur mal 30 Tage lang ausprobieren», werde ich von manchen als Tierquäler beschimpft. Diese Mauer aus strenger Ideologie möchte ich durchbrechen, Lust reinbringen.

Sie entsprechen nicht dem Klischee des dürren, blässlichen Moralisten in Birkenstock-Sandalen. Wie reagieren die Leute darauf?
Dass ich nicht missioniere, kommt gut an. Für mich ist es kein Problem, mit dem TV-Moderator Stefan Raab – bekanntlich ein Metzgerssohn – zusammen in seiner Sendung zu kochen. Fleischesser sind ja keine schlechteren Menschen.

Isst denn Raab jetzt noch Fleisch?
Ja, auch wenn er meine Küche schätzt.

Auf Facebook werben Sie für eine Bambusmatte, um vegane Sushi zu machen. Sie kostet fast 60 Euro. Hand aufs Herz: Lässt sich mit veganem Lifestyle viel Geld machen?
Das war als Witz gemeint. Die Matte kostet nicht so viel. Aber ich habe den Kochbuchmarkt schon ziemlich umgekrempelt – und das zahlt sich aus. Dabei bin ich erst am Anfang. Meine Bücher werden jetzt übersetzt. Gerade in Amerika gibt es einen riesigen Markt dafür. Die Bewegung wird ihren Siegeszug um die Welt antreten. Das ist kein Trend, der vorbeigeht. Der Wirtschaft rate ich, endlich die Fakten anzuerkennen und das Angebot auszubauen.

Vegane Ersatzprodukte können schnell ins Geld gehen. Kann sich eine Familie mit durchschnittlichem Einkommen die entsprechende Lebensweise leisten?
Ich glaube schon. Zugegeben, Nüsse sind teuer, Biogemüse und Biofrüchte auch – aber schliesslich kosten Fleisch und Fisch auch nicht wenig.

Sind Veganer konsumkritischer als Fleischesser?
Ich selber bin sehr konsumkritisch. Die Veganer überhaupt? Viele verzichten bei den Kleidern und der Schminke auf tierische Produkte. Es gehört schon dazu, dass man sich Gedanken macht, was man wirklich braucht und was nicht.

Erstellt: 04.02.2014, 17:22 Uhr

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Der deutsch-türkische Koch Attila Hildmann (32) gehört zu den wichtigsten Exponenten der veganen Bewegung im deutschsprachigen Raum. Für viele ist er so etwas wie der Jamie Oliver der Veganer, jener Menschen, die auf alle tierische Produkte verzichten - also neben Fleisch und Fisch auch auf Milch oder Leder. Hildmann kann aber noch viel mehr als vegan kochen und Bücher darüber schreiben - er repräsentiert einen neuen Typus: männlich-muskulös, fast machohaft, aber mit ökologischem Gewissen und einem Herz für die Schwächeren. Sein jüngstes Buch heisst «Vegan for Youth» (Verlag Becker-Joest-Volk). (sko)

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Veganer in der Schweiz

Eine wachsende Minderheit

Laut Schätzungen leben in der Schweiz circa 30 000 Menschen strikt nach veganen Grundsätzen. Die Mehrzahl ist weiblich, jünger und gut gebildet. Weitaus häufiger sind Flexitarier, die gelegentlich auf Fleisch und tierische Produkte verzichten. Rund 40 Prozent der Schweizer Bevölkerung ernährt sich so. Mindestens 35 Restaurants in der Schweiz bieten vegane Menüs an. Auch die Grossverteiler reagieren, Migros führt 60 vegane Produkte, Coop 22. Die Biokette Egli hat bis zu 3000 vegane Positionen. Auch Designer folgen dem Trend: Stella McCartney produziert alle Accessoires wie Gürtel und Schuhe ohne tierische Materialien. (sko)

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