«Ich glaube, ich war extrem offen und ehrlich»

Roger Schawinski spricht über seine gestern veröffentlichte Autobiografie «Wer bin ich?»

An den Hebeln seines Radiostudios in Zürich: Roger Schawinski.

An den Hebeln seines Radiostudios in Zürich: Roger Schawinski. Bild: Nicole Pont

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Herr Schawinski, vor Kurzem erst haben Sie Ihre Autobiografie angekündigt. Jetzt liegt sie vor: «Roger Schawinski: Wer bin ich?» Das ging ja wahnsinnig schnell.
Vier Monate, und dies neben der normalen Arbeit, den TV- und Radiosendungen, der Geschäftsführung bei Radio 1 und vielem mehr.

Andere Leute nehmen sich sieben Jahre Zeit für so ein Unterfangen. Wieso geht das bei Ihnen so schnell?
Ich weiss es auch nicht. Es ist ja nicht einfach so dahingeschrieben, sondern dokumentiert und stilistisch ausgearbeitet. Vielleicht bin ich einfach effizienter und disziplinierter als andere Menschen. Möglicherweise ist gerade dies eines meiner Geheim­rezepte.

Eine Autobiografie hat ja auch immer einen gewissen Beichtcharakter. Was unterschlagen Sie dem Publikum?
Ich glaube, ich war extrem offen und ehrlich. Die wichtigsten Stationen meines Lebens sind in diesem Buch. Aber klar: Es gibt zwei, drei private Erlebnisse, über die ich nicht geschrieben habe. Sie hätten Menschen zu sehr verletzt, die darin involviert gewesen sind.

Ihre Frau hat das Buch gelesen?
Sie hat noch nicht alles gelesen. Sie verfolgt seit Jahren das ganze Leben von Roger Schawinski zu Hause, sie verfolgt die TV-Sendungen, die Radio-Sendungen, die Kolumnen. Das ist für sie beinahe ein Fulltime-Job, erklärt sie mir immer.

Was liest ein Leser, der Ihre Karriere und Ihr Leben eifrig mitverfolgt hat, Neues in Ihrer Autobiografie?
Sehr vieles. Ich habe noch nie über meine Herkunft, mein Fundament geschrieben. Dabei bin ich sehr weit gegangen. Selbst engste Freunde haben darin Dinge gelesen, die sie nicht gewusst haben, wie sie mir erzählt haben. Etwa über meine Polen-Reise, dass ich in Auschwitz war und danach das Land völlig erschüttert verlassen hatte.

Sie schreiben, dass Sie nie mehr nach Polen wollen.
Ja, das war etwa 1990, direkt nach der Wende. Dort waren mir der Zweite Weltkrieg und der Holocaust so nahe, das empfand ich beinahe als unerträglich. Ich habe einen polnischen Namen, und meine Vorfahren haben dort gelebt. Wären sie nicht genau vor hundert Jahren von Polen in die Schweiz gezogen, dann würde es mich nicht geben. Das grosse Morden hat dort stattgefunden, und auch die Konzentrationslager waren dort. Meine jüngere Tochter fährt nun mit ihrer jüdischen Jugendgruppe nach Polen und besucht die Konzentra­tionslager. Sie ist erst 16. Ich weiss nicht, wie sie damit umgehen wird. Sie wollte das von sich aus, und ich wollte sie nicht davon abhalten. Meine in der Schweiz geborenen Eltern hingegen sind nie nach Polen gereist, sie hatten dafür kein Interesse. Meine Grossmutter hat uns immer wieder erzählt, wie schlimm dort die Erlebnisse für Leute wie sie gewesen waren. Das hat uns alle geprägt.

Wieso erzählen Sie die Geschichte Ihrer Herkunft erst jetzt? Man hatte das Gefühl, Sie hätten Ihre jüdische Herkunft bewusst nicht zum Thema gemacht.
Das stimmt nicht. Sie erzählen ja auch nicht laufend von Ihrer katholischen Herkunft. Das machen Sie doch nicht ständig zum Thema.

Wenn Sie mich fragen, schon.
So halte ich es eben auch. Ich habe meine Herkunft nie plakativ gegen aussen getragen. Sie ist nur ein Teil von mir. Daneben gibt es viele andere Aspekte. Ich wollte immer primär als Journalist auftreten.

Sie inszenieren sich im Buch eher als schüchterner Junge und junger Mann. Was ist passiert, dass Sie zum grossen Kommunikator geworden sind?
Eine gewisse Schüchternheit habe ich bis heute. Ich bin nicht der Elefant im Porzellanladen, wie manche Leute vielleicht glauben mögen, die mich aus den Medien nur als harten Interviewer kennen. Es gibt noch ganz andere Facetten von mir. Heute Morgen etwa rügte mich meine Frau, weil ich nicht all unsere Freunde zur Buchvernissage von nächster Woche eingeladen habe. Ich antwortete ihr, dass ich es als aufdringlich empfinde, wenn ich Freunde auffordere, mich auf der Bühne anzuschauen. Das ist mir ein Stück weit peinlich. Es soll sich niemand verpflichtet fühlen, extra wegen mir zu kommen, um mir einen Gefallen zu tun.

Die Sexualität ist im Buch zuweilen fast ein bisschen platt abgehandelt. «Wir hatten Petting», «wir hatten guten Sex». Sollte man nicht entweder eingehend oder gar nicht darüber schreiben?
Vielleicht braucht es das tatsächlich nicht, weil es extrem privat ist. Kürzlich habe ich die Autobiografie von Urs Widmer gelesen: Der malt die ­eigene erlebte Sexualität in langen Passagen richtiggehend aus. Erstens: Das wollte ich nicht. Zweitens: Das kann ich nicht wie ein grosser Literat. Ich dachte aber, wenn ich in einer ­Autobiografie die Sexualität voll­ständig ausklammern würde, dann wäre das verlogen. Die einen werden nun sagen, das sei schon zu viel, die anderen finden es zu wenig. Dies ist eines von mehreren Risiken, die ich eingehe.

Im Buch hat man das Gefühl: Da kommt eine Frau nach der anderen. Haben Sie auch einmal alleine gelebt?
Nie sehr lange.

Ihr Vater hat Ihnen geraten, Seitensprünge nie zuzugeben. Wenn Sie die Maxime befolgt haben, dann enthalten Sie uns in diesem Buch wohl so einiges vor.
Wäre ich ein Fremdgeher, dann wäre das schon oft aufgeflogen, denn ich kann nicht lügen, ich kann nichts vertuschen. Meine Frau sagt, ich sei wie ein offenes Buch. So bin ich auch als Geschäftsmann: Man weiss immer, woran man ist. Selber habe ich oft mit pathologischen und gewohnheitsmässigen Lügnern zu tun gehabt. Von denen gibt es viele. Mein oberstes Prinzip hingegen ist kompromisslose Ehrlichkeit.

Im Buch kommen einige Ihrer Maximen vor: «You can get it if you really want», «das Leben wird immer und immer besser». Brauchen Sie solche Mottos, um im Leben nicht den Halt zu verlieren?
Ich bin erstens ein positiver Mensch. Ich bin zweitens eher extrovertiert. Der Glaube an sich selbst, auch wenn einmal etwas Schlimmes passiert, ist wahnsinnig wichtig. Mein Vater hat konsequent Autosuggestionstraining gemacht, das positive Denken geübt. Das hat er mir weitergegeben. Am Schluss, kurz vor seinem Tod, wurde er aber leider depressiv. Erst da kam zum Vorschein, dass er auch diese Seite hatte, gegen die er wohl sein ganzes Leben angegangen ist. Ich weiss nicht, ob in mir auch so etwas schlummert. Bei meinem Vater hat die Depression erst angefangen, als meine Mutter gestorben ist.

Zurück noch einmal zu Ihrer Herkunft: Wie dominant ist Sie in Ihrem Leben? Haben Sie sich ständig mit Ihrer jüdischen Identität befasst?
Nein. Aber es ist schon so: Wer Teil der Mehrheit ist, muss sich mit der eigenen Identität nicht so stark auseinandersetzen. Das ist anders, wenn man einer Minderheit angehört. Ich unterstelle niemandem Antisemitismus, und dies bis zum klaren Beweis des Gegenteils. Man kann mich ja aus ganz anderen Gründen nicht mögen oder meine Aktivitäten ablehnen. Deshalb versuche ich mich in dieser Beziehung nicht verrückt zu machen. Gegen Vorurteile kann man nicht mit Argumenten angehen. Man ist also hilflos, wenn man sich auf diese Ebene begibt.

Klaus J. Stöhlker haben Sie in Ihrer Autobiografie nicht erwähnt. In einer Sendung auf Radio 1 hat er Ihnen zuletzt vorgeworfen, Sie hätten etwas gegen Araber aufgrund Ihrer Herkunft.
Ich habe noch nie eine Sendung abgebrochen, aber da habe ich es mir zum ersten Mal überlegt. Er behauptete ja in der Sendung, er hätte die Beweise für seine Aussagen in seinem Archiv. Als ich ihn daraufhin aufforderte, mir diese Beweise zu zeigen, gestand er mir, dass er überhaupt kein Archiv habe. Das ist eben so: Wenn gewissen Typen wie Stöhlker die Argumente ausgehen, dann greifen sie auf dieses Vorurteil zurück.

Ist eine Funktion der Autobiografie die Abrechnung mit Feinden?
Diesen Eindruck habe ich nicht. Da ich eine kontroverse Person bin, hatte ich meine Fights. Es wäre unehrlich gewesen, diese auszuklammern.

Aber bei Markus Gilli, dem Sendeleiter von Tele Züri, hat das schon einen Abrechnungscharakter, zumal in der Öffentlichkeit von Querelen zwischen Ihnen beiden noch nie die Rede war.
Er war zwanzig Jahre mein engster Mitarbeiter, ich habe die Türen geöffnet. Er wurde in vielen Bereichen mein Nachfolger, und ich habe ihm beim Firmenverkauf sehr viel Geld gegeben. Dann hat er ohne echten Anlass den Kontakt abgebrochen. Das war wohl eine Kombination von ­Vatermord und Opportunismus. Das tat weh.

Sie schreiben, Sie seien mit sich noch nicht im Reinen.
Das kann ich eigentlich noch gar nicht sein. Der alles entscheidende Moment kommt erst auf dem Totenbett. Wenn man in diesem Moment mit sich hadert, frustriert und böse ist, dann ist man mit sich nicht im Reinen. Meine verstorbene Lebenspartnerin Claire und meine Mutter sind meine Vorbilder. Sie gingen mit einem Lächeln. Ich hoffe, dass ich das auch schaffen werde. Dann hat sich alles gelohnt.

Sie sagen, Sie wollen bewusst leben. Ist das nicht abgedroschen?
Abgedroschen? Ich will mich körperlich, emotional, geistig, spirituell in Schwung behalten. Das meine ich ernst. Mein Vater sagte mir, ich solle so lange arbeiten wie möglich. Daran möchte ich mich halten.

Zur Konstellation mit Roger Köppel: Mit ihm duellieren Sie sich ja einmal pro Woche bei «Roger gegen Roger» auf Radio 1. Ein Schlagabtausch, von dem einige Leute sagen, er sei völlig inszeniert. Wenn das Mikrofon aus sei, ­ würdet ihr gleicher Meinung sein. Das heisst, Sie hätten die Meinung von Roger Köppel.
Das ist völliger Unsinn, eine absolute Unterstellung. Wir kämpfen beide, mit unseren völlig entgegengesetzten Meinungen, jedes Mal ums journalistische Überleben in dieser Sendung. Nur darum funktioniert sie. Ich verstelle mich nicht und Köppel verstellt sich auch nicht. Nur darum hat die Sendung einen solchen Kultstatus ­erreicht.

1967 waren Sie in San Francisco, haben die Hippies inspiziert. Was haben Sie da eigentlich gemacht? Man weiss nicht recht, ob Sie an der freien Liebe teilgenommen haben, Joints geraucht haben oder nicht.
Ich war nur ein überraschter Beobachter. Ich habe das mit grossen ­Augen angeschaut und spürte, da passiert etwas Gewaltiges, und habe meine allererste Zeitungsstory geschrieben. Ich bin kein Hippie geworden, auch kein Trotzkist und ich bin auch nicht zu einem Guru ge­gangen. Ich hatte gegen alle extremen Bewegungen eine Abneigung. Im tiefsten Sinne bin ich also ein ­bürgerlicher Mensch geblieben. Ich habe die Gesellschaft nie vollständig abgelehnt, wollte sie nie revolutionieren. Aber anders als viele andere bin ich später nicht schnurstracks ins rechte Lager gewechselt. Und ich bin glücklicherweise auch kein Suchtmensch.

Sie sind einfach von Natur aus ziemlich wach.
Ja. Es gibt Dinge, die basieren auf Glück. Mit Leistung hat das nichts zu tun. Ob man auch im höheren Alter noch Haare hat oder ohne Suchtmittel locker leben kann.

Sie schreiben, das Schreiben habe auch wehgetan.
Ja, ich habe das Kapitel über meine Lebenspartnerin Claire, die an Krebs gestorben ist, bis ganz zum Schluss vor mich hergeschoben. Ich hatte Angst, diesen Tod zu beschreiben, weil es mich zu sehr schmerzen würde. Und ich wusste auch nicht, ob ich es ohne falsche Töne hinkriegen werde. Und ich fragte mich, wie etwa Claires Kinder auf dieses Kapitel reagieren würden. Nun bin ich sehr erleichtert, dass sie es genau richtig empfinden, wie ich dieses Drama geschildert habe. Ich hatte gemischte Gefühle. Soll man das, darf man das? Aber ich bin an einem Punkt im Leben, an dem man eine gewisse Bilanz ziehen darf.

Erstellt: 27.02.2014, 11:22 Uhr

Roger Schawinski

Ein Leben in den Schweizer Medien
Roger Schawinski (68) ist Unternehmer und Journalist. Ihm gehören die beiden Privatradiosender Radio1 und Radio 105, die in Zürich domiziliert sind. Von 2003 bis 2006 war er Geschäftsführer des deutschen Privat-TV-Senders Sat1. Sein erster Erfolg war die Konzeption und Moderation des «Kassensturz» im Schweizer Fernsehen. Er gründete das erste Privatradio der Schweiz: Radio 24. Später kamen Tele Züri und Tele 24 hinzu. Tele Züri und Radio 24 veräusserte er 2001 an das Medienunternehmen Tamedia. Schawinski ist in dritter Ehe verheiratet und Vater dreier Kinder.

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